BA/MA-Seminar: Streitkultur. Reizreden, Wortgefechte und verbale Auseinandersetzungen in der Literatur des Mittelalters
UE-L03.00312

Dozenten-innen: Bozkaya Inci Pia
Kursus: Master
Art der Unterrichtseinheit: Seminar
ECTS: 3
Sprache-n: Deutsch
Semester: SP-2022

Sobald zwei Menschen zusammenkommen, ist davon auszugehen, dass diese nicht in allen Ansichten auf und Wahrnehmungen des Lebens übereinstimmen. Belässt man es nicht dabei, unterschiedliche Ansichten, Bedürfnisse und Ansprüche auszuschweigen, so müssen unterschiedliche Positionen im menschlichen Miteinander nach wie vor durch Sprache ausgehandelt werden. Dies geschieht in der privaten und politischen Rede durch Auseinandersetzung im Streitgespräch. Dem ‚Streit‘ – von mhd. strît kommend und ‚Kampf‘ bedeutend – liegt immer schon ein agonales und damit gewaltvolles Moment inne. In den letzten Jahren lässt sich – u.a. verstärkt durch die sozialen Medien – im verbalen Austausch, seien es gesellschaftliche oder politische Themen eine Veränderung der ‚Streitkultur‘ beobachten, die man als Spaltung von Vorgehensweisen in der verbalen Auseinandersetzung beschreiben könnte. Konflikte werden entweder tendenziell klein gehalten, hierbei Gemeinsamkeiten und Harmonie betont und auf die eigene, subjektive Wahrnehmung reduziert oder zu Grundsatzdiskussionen stilisiert, in denen die abweichende Meinung nicht als Position anerkannt und radikal abgewiesen wird - im Digitalen konkretisiert sich letzteres etwa als Form des ‚shitstorms‘.

Unter dem Leitbegriff ‚Streitkultur‘ wird im Seminar danach gefragt werden, wie in der mittelhochdeutschen Literatur Konflikte verbal sichtbar werden, aufkommen, ausgehandelt – und hierbei eskalieren und deeskalieren können – werden. Untersucht werden hierbei sowohl private Konflikte und Auseinandersetzungen, etwa im Ehescheidungsgespräch des Strickers, aber auch grundlegende Diskussionen wie in der Anklage des Witwers an den Tod in Der Ackermann und der Tod von Johannes von Templ. Die zerstörerische Wucht, die vom Streit adliger Frauen ausgeht, führt das Nibelungenlied vor Augen, die heroischen Reizreden etwa der Dietrichepik erweisen sich als fester Bestandteil des heroischen Kampfes und dient dem Anfachen des Kampfesmutes. Schwankhafte Erzählungen wie Die Disputation von Hans Rosenplüt ironisieren scholastische Diskussionsmechanismen und führen diese als lachhaft vor. Erzählungen wie die von den drei listigen Frauen oder dem begrabenen Ehemann führen die Macht von unwidersprochenen Rede vor. Die Auseinandersetzungen von Liebenden sind Thema zahlreicher Texte, in der Klage von Hartmann von Aue ist dies derart zugespitzt, dass sich Herz und Leib über die Qualen der Minne und deren Überwindung streiten.

Ziel des Seminars ist es, aufgrund der Basis intensiver Lektüre und des eigenen Textverständnisses Interpretationsansätze zu erarbeiten und in der gemeinsamen Diskussion auch den Umgang mit aktuellen Forschungspositionen zu erproben. Im Mittelpunkt des Seminars stehen anhand ausgewählter Texte und Textauszüge u.a. die Frage nach Rede und Macht, Argumentationsstrategien, Listigkeit und Rede, Durchsetzung durch Worte, Konfliktverarbeitung, Eskalation und Deeskalation von Streit. Weitere Schwerpunkte bilden das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, Figurenkonzeptionen (etwa auch Männer- und Frauenrollen), einzelne Motive (Ehebruch, Trunkenheit, Höfischheit, minne, triuwe, Ehe), die nähere Untersuchung des Erzählers (Wahrheitsanspruch, Wertungen, Perspektiven) und der Rezipienten (Publikumsentwurf, Wissen des Publikums), die Untersuchung von Komik, Lehrhaftigkeit und Gewalt sowie das Verhältnis von Deutungspotentialen der Erzählung und Sinnangeboten in einer angefügten Lehre. Ein weiterer Schwerpunkt können die Überlieferungs- und Editionsgeschichten der Texte sein, bei der – sofern vorhanden – Handschriftenillustrationen berücksichtigt werden.

Wer sich vor Seminarbeginn bereits mit dem Thema ‚Streitkultur‘ in der mittelhochdeutschen Literatur beschäftigen möchte, dem seien folgende Texte empfohlen:

1. Hartmann von Aue: Klagebüchlein. Hrsg., übers. und mit einer Einführung von Thomas L. Keller. Göppingen 1986 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik).

2. Johannes von Tepl: Der Ackermann. Hrsg., übers. u. komm. von Christian Kiening. Stuttgart 2000 (RUB 17664).

Als theoretische Anregung:

3. François Renaud, Art. Streitgespräch. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 9, Tübingen 2009, S. 178–189.

4. Terrahe, Tina: „Nu lerne, waz sterben si!“. Zum höfischen Umgang mit drô und spot am Beispiel der kampfeinleitenden Reizreden bei Hartmann und Wolfram. In: Ironie, Polemik und Provokation. Hrsg. v. Cora Dietl, Christoph Schanze und Friedrich Wolfzettel. Berlin u. a. 2014, S. 133–163. (https://doi.org/10.1515/9783110343915.133)