Ältere deutschsprachige Literatur: Geschlecht und Sexualität in der Literatur des Mittelalters (GM)
UE-L03.00683

Dozenten-innen: Senn Cyril
Kursus: Bachelor
Art der Unterrichtseinheit: Seminar
ECTS: 6
Sprache-n: Deutsch
Semester: FS-2026

Kann die Legende von Wilgefortis – der heiligen Frau, der ein Bart wächst, um einer erzwungenen Ehe zu entkommen – als Erzählung einer Transfigur gelesen werden? Lässt sich die enge Beziehung zwischen Herzog Ernst und seinem Gefährten Wetzel, die sich nach einem gemeinsamen Bad nackt ins Bett legen, als Ausdruck homoerotischer Nähe verstehen? Diesen und weiteren Fragen der Gender- und Queer-Studies widmet sich diese Lehrveranstaltung.

Seit mehreren Jahrzehnten gewinnen Gender Studies an Bedeutung in den Geisteswissenschaften – auch in der germanistischen Mediävistik. Ausgehend von einem frühen Fokus auf weibliche Figuren, Autorinnen und anderen Akteurinnen in der Literaturproduktion rückten zunehmend auch queere und trans* Perspektiven auf mittelalterliche Texte ins Zentrum der Forschung. Dies wirft grundlegende methodische Fragen auf: Wie lassen sich moderne Konzepte wie Gender, Sexualität, Identität oder Körper im historischen Kontext des Mittelalters denken? Wo liegen die Grenzen, wo das Potenzial solcher Lesarten?

Im Mittelpunkt des Seminars steht die Auseinandersetzung mit Theorien und Methoden der Gender-, Queer- und Trans-Studies sowie deren Anpassung und Anwendung auf vormoderne Texte. Dabei soll diskutiert werden, inwiefern Begriffe wie Sex, Gender und Identität historisiert, moduliert oder neu operationalisiert werden müssen, um produktiv mit mittelalterlicher Literatur in Dialog treten zu können.

Ein weiterer Aspekt betrifft die epistemologische Debatte um Betroffenheit und Objektivität: Ist persönliche Betroffenheit ein erkenntnistheoretischer Mehrwert oder ein Widerspruch zur wissenschaftlichen Anspruchshaltung? Und wie kann ein produktiver Umgang mit diesen Spannungen in der Forschungspraxis aussehen?

Die Diskussion dieser Fragen erfolgt anhand ausgewählter Texte aus dem Mittelalter – teils in Auszügen, teils in vollständiger Länge –, die sich besonders für eine Reflexion über Geschlecht, Körper und Begehren eignen.

Inhaltlicher Hinweis: Die im Seminar behandelten Texte enthalten Darstellungen von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt.