Neurowissenschaften08.10.2026
Was «Fruit Ninja» über das Lesenlernen verrät
Wie Kinder bewegte Objekte mit den Augen verfolgen, könnte Aufschluss über Fähigkeiten geben, die später beim Lesenlernen eine Rolle spielen. Eine Studie der Universität Freiburg zeigt: Kinder, die noch nicht lesen können und im Videospiel Fruit Ninja besser abschnitten, konnten auch abgebildete Gegenstände schneller benennen – eine Fähigkeit, die als wichtiger Indikator für das spätere Lesenlernen gilt.
Lesen erfordert weit mehr als das Erkennen von Buchstaben und Lauten. Kinder müssen ihre Aufmerksamkeit gezielt steuern, ihre Augen effizient bewegen und visuelle Informationen rasch verarbeiten können. Forschende des Departements für Neurowissenschaften und Bewegungswissenschaften der Universität Freiburg haben untersucht, ob sich diese Fähigkeiten bereits zeigen, bevor Kinder lesen lernen.
Den Blick der Kinder verfolgen
An der Studie nahmen 34 deutschsprachige Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren teil. Sie spielten 20 Minuten lang Fruit Ninja und trugen dabei eine Eye-Tracking-Brille, die ihre Augenbewegungen aufzeichnete. In dem Spiel müssen sie möglichst schnell auf Früchte reagieren, die unvermittelt auf dem Bildschirm erscheinen, und gleichzeitig Bomben ausweichen.
Daneben absolvierten die Kinder eine Aufgabe zum schnellen Benennen: Sie sollten abgebildete Gegenstände so schnell und korrekt wie möglich benennen. Wie gut Kinder solche Aufgaben bewältigen, gilt als wichtiger Indikator für ihre spätere Leseflüssigkeit.
Gemeinsame Fähigkeiten
Kinder, die bei Fruit Ninja besser abschnitten, benannten die abgebildeten Gegenstände tendenziell auch schneller. Die Eye-Tracking-Daten zeigten zudem, dass die Kinder besonders schnell reagierten, wenn sie Früchte mit dem peripheren Sehen wahrnahmen. Stärker mit ihrer Leistung beim schnellen Benennen zusammen hing jedoch, wie effizient sie eine Frucht direkt mit den Augen fixierten und darauf reagierten.
Ausserdem richteten die Kinder ihren Blick schneller auf Früchte, die in ihrem rechten Gesichtsfeld auftauchten. Ein ähnlicher Vorteil zeigt sich bei Menschen, die von links nach rechts lesen, nicht aber bei Menschen mit Dyslexie. Das könnte darauf hindeuten, dass sich das visuelle System bereits auf das Lesen einstellt, bevor der eigentliche Leseunterricht beginnt.
Der nächste Schritt: die Leseentwicklung verfolgen
«Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich einige der visuellen und aufmerksamkeitsbezogenen Fähigkeiten, die wir zum Lesen brauchen, bereits entwickeln, bevor Kinder lesen lernen», sagt Michael Schmid, Mitautor der Studie. «Als Nächstes wollen wir die Kinder über einen längeren Zeitraum begleiten und herausfinden, ob diese frühen Muster tatsächlich ihre spätere Leseentwicklung vorhersagen.»
Die Forschenden betonen allerdings, dass die Studie auf einer kleinen Stichprobe mit überwiegend zweisprachigen Kindern beruht und lediglich Zusammenhänge aufzeigt, nicht aber Ursache und Wirkung. Die Ergebnisse belegen daher weder, dass Fruit Ninja das Lesenlernen verbessert, noch dass sich mit dem Spiel Legasthenie diagnostizieren lässt. Eine grössere Langzeitstudie soll nun klären, ob die beobachteten Muster dabei helfen können, Kinder zu erkennen, die von einer frühen Förderung profitieren könnten, und ob ein gezieltes Training tatsächlich wirksam ist.
«Diese Forschung ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was durch eine enge und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Schulen, Eltern, Forschenden und kantonalen Behörden erreicht werden kann», sagt Katharina M. Fromm, Rektorin der Universität Freiburg. «Gemeinsam können wir verlässliche Erkenntnisse gewinnen, die der Gesellschaft zugutekommen. Davon profitieren letztlich Kinder bereits in frühen Lernphasen. Und gleichzeitig gewinnen wir ein besseres Verständnis dafür, wie sie lernen.»
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift iScience veröffentlicht.
Studie
Niloufar Chamani, Samy Rima und Michael Christoph Schmid: «Motion perception and eye movements predict reading readiness: Evidence from pre-readers in an action video game task.» DOI: 10.1016/j.isci.2026.117063
Das Symbolbild wurde mithilfe von KI erstellt.
