Geschichte01.05.2026
258 Genome zeigen: Das Frühmittelalter war ein Schmelztiegel
Schulbücher haben uns lange gelehrt, dass ein Ansturm «barbarischer Horden» den Untergang des Weströmischen Reiches ausgelöst habe. Ein Forschungsteam aus Deutschland und der Schweiz zeichnet nun ein differenzierteres Bild: So zeigt die Analyse von 258 Genomen aus dem frühen Mittelalter, dass die demografischen Veränderungen eher graduell stattfanden. Mitteleuropa setzte sich schrittweise neu zusammen – durch die Ankunft kleiner Gruppen nördlicher Herkunft sowie von Bevölkerungen aus ehemaligen römischen Gebieten. Deren Vermischung prägte die DNA und die Familienstrukturen Mitteleuropas bis hin in die Neuzeit.
Zwischen dem 4. und dem 7. Jahrhundert erlebte Mitteleuropa tiefgreifende politische, kulturelle und demografische Umbrüche: das Ende der römischen Herrschaft, die Ausbreitung des Christentums und Veränderungen in den Siedlungsformen. Viele heutige Orte entstanden in dieser Zeit, insbesondere in den Grenzregionen des ehemaligen Reiches. Anders als in den Deutungen des 19. Jahrhunderts gehen Forschende heute eher von allmählichen Veränderungen als von grossen Invasionswellen aus. Da es nur wenige schriftliche Quellen gibt, liefern Friedhöfe – und insbesondere die darin enthaltene DNA – wichtige Hinweise auf die demografische Entwicklung dieser Schlüsselperiode.
Genetik im Dienst der Geschichte
Um diese Bevölkerungen zu untersuchen, analysierte ein Team unter der Leitung des Mainzer Anthropologen Joachim Burger, des Freiburger Populationsgenetikers Daniel Wegmann und des Tübinger Historikers Steffen Patzold 258 Genome von Menschen, die zwischen 400 und 700 n. Chr. im südlichen Deutschland lebten, auf ehemaligen Gebieten des Römischen Reiches. Das genetische Material stammt von Skeletten aus sogenannten Reihengräberfeldern, einer Bestattungsform, die ab dem 5. Jahrhundert in Nordgallien sowie im Süden und Westen Deutschlands und in der Schweiz weit verbreitet war.
Die in der Zeitschrift Nature veröffentlichten Ergebnisse beruhen massgeblich auf einer neuen Datierungsmethode namens «Chronograph», die genetische Daten, Radiokarbondatierungen und archäologische Informationen kombiniert. «So konnten wir für die meisten Individuen das Geburts- und Sterbejahr auf unter 20 Jahre genau bestimmen», erklären Raphaël Eckel und Daniel Wegmann, die diese Methode entwickelt haben.
Bevölkerung im Wandel
Zu den untersuchten Fundorten gehört der Friedhof von Altheim bei Landshut, der die tiefgreifenden demografischen Veränderungen gut veranschaulicht. Ursprünglich wurde er von Menschen nordeuropäischer Abstammung genutzt, die vermutlich seit mehreren Generationen in der Grenzregion lebten.
Um das Jahr 470 n. Chr., als die römischen Staatsstrukturen zerfielen, belegt der Fundort eine deutliche Zunahme der biologischen Vielfalt unter den Bestatteten. Es wurden zunehmend Menschen aus verschiedenen Regionen des ehemaligen Römischen Reiches dort beigesetzt, insbesondere vom Balkan und aus Mittelitalien. Wie Daniel Wegmann betont, «lebten diese Personen wahrscheinlich bereits in der Region oder in deren Umfeld und schlossen sich in einem Kontext sozialer Neuordnung nach dem Zusammenbruch des Reiches diesen Gemeinschaften mit Reihengräberfeldern an. Einige waren ehemalige Soldaten, andere Landarbeiter oder versklavte Menschen.»
Ab dem 7. Jahrhundert ähnelt die Bevölkerung bereits stark den heutigen mitteleuropäischen Populationen, mit einem zunehmend ausgeprägten genetischen Einfluss aus nördlichen Regionen. «Unsere Daten widerlegen das frühere Bild grosser, homogener Wanderungsbewegungen», erklärt Steffen Patzold, Mediävist an der Eberhard Karls Universität Tübingen. «Sie zeigen vielmehr wiederholte Wanderungen kleiner Gruppen über einen langen Zeitraum hinweg – motiviert durch den Wunsch, an der Prosperität und den Strukturen des Römischen Reiches teilzuhaben.»
Rasche Durchmischung und Integration
Die genomischen Daten zeigen, dass sich diese Gruppen rasch miteinander vermischten. «Wir beobachten bereits in den ersten Generationen gemischte Ehen – ein Zeichen für eine schnelle Integration», erklärt Joachim Burger von der Johannes Gutenberg Universität Mainz. «Die Lebensweise der spätrömischen Antike bildete das verbindende Element zwischen den Gruppen», so Burger. Für den Paläogenetiker Leonardo Vallini aus Mainz spricht die gemeinsame Bestattung in denselben Friedhöfen ebenfalls für eine gemeinsame kulturelle Grundlage – selbst wenn kein einheitlicher genetischer Hintergrund bestand.
Gesellschaften nach römischen Vorbildern
Eine vertiefte Analyse zeigt zudem, dass die Gesellschaft nicht aus grossen Sippenverbänden bestand, sondern überwiegend aus Kernfamilien mit monogamen Ehen. «Diese Strukturen entsprechen den Beschreibungen in spätantiken Texten und machen deutlich, wie stark römische soziale Normen auch nach dem politischen Zusammenbruch weiterwirkten», erläutert Steffen Patzold.
Die Studie macht deutlich, dass sich die Gesellschaften nicht durch massive Migrationen, sondern durch lokale Mobilität und wiederholte Vermischungen schrittweise veränderten. Sie trägt zu einem besseren Verständnis der Entstehung der mittelalterlichen europäischen Bevölkerungen bei – deren genetische und kulturelle Merkmale teilweise bis heute nachwirken.
Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10437-3
