Autismus14.01.2026

Zweisprachigkeit: Ein Vorteil für autistische Kinder


Mit zwei Sprachen aufzuwachsen, hemmt – entgegen mancher Annahmen – nicht die Entwicklung von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Ganz im Gegenteil! Eine umfassende internationale Studie an der Universität Freiburg zeigt, dass Zweisprachigkeit deren kommunikative und kognitive Kompetenz stärken kann, genau wie bei neurotypischen Kindern.

Heute wächst fast jedes zweite Kind in einem zwei- oder mehrsprachigen Umfeld auf. Zweisprachigkeit wurde lange Zeit als Risiko für die Sprachentwicklung angesehen. Inzwischen geht man davon aus, dass sie auf neurotypische Kinder keine negativen Auswirkungen hat, sondern sogar positive. Doch wie ist das bei autistischen Kindern?

Zweisprachigkeit und Autismus: Vorurteile überwinden
Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben oft Schwierigkeiten beim Spracherwerb, und rund ein Drittel lernt nie sprechen. Vielen zweisprachigen Familien wird heute noch geraten, mit ihrem Kind nur eine Sprache zu sprechen, um es nicht zu «überfordern».

Eine solche Entscheidung hat aber Folgen: Der Verzicht auf Zweisprachigkeit kann den Austausch mit den Verwandten erschweren, soziale Bindungen schwächen und dazu führen, dass dem Kind ein für seine Zukunft wertvolles Kultur- und Sozialkapital vorenthalten wird.

Eine weitreichende internationale Studie
Um den tatsächlichen Einfluss von Zweisprachigkeit zu bestimmen, hat die Professorin Stephanie Durrleman zusammen mit ihrer Forschungsgruppe ABCCD (Autism, Bilingualism, Communicative and Cognitive Development) mehr als 400 ein- und zweisprachige Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren in fünf Ländern unter die Lupe genommen.

Die Bewertung der kommunikativen und kognitiven Entwicklung der Kinder erfolgte durch detaillierte Fragebögen zum Kontakt mit Sprachen sowie durch spielerische Aufgaben am Tablet.

Eindeutige und messbare Vorteile
Die Ergebnisse zeigen, dass Zweisprachigkeit sowohl bei neurotypischen als auch bei autistischen Kindern die kommunikative und kognitive Entwicklung fördert: «Bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung geht Zweisprachigkeit einher mit besseren Leistungen in einer Vielzahl von Kompetenzen, die bei Autismus oft herausfordernd sind», erklärt Stephanie Durrleman.

Ein sprachlich reichhaltiges und vielfältiges Umfeld scheint die Grundfähigkeiten in den Bereichen Kommunikation und soziale Interaktion positiv zu beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel das Aufmerksamkeitsvermögen und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und einen anderen Blickwinkel einzunehmen – Vorteile, die langfristig erhalten bleiben.

In Bezug auf sonstige Kompetenzen wie das Verstehen von Gesten oder das Erzählen von Geschichten zeigte Zweisprachigkeit bei autistischen Kindern keinerlei negative Effekte. Bei neurotypischen Kindern kann ein ausgewogener Input in mehreren Sprachen solche Fähigkeiten sogar stärken.

Schritte hin zu einem Wechsel in Erziehung und Bildung
«Unsere Ergebnisse zeigen, dass Zweisprachigkeit autistischen Kindern nicht schadet, sondern im Gegenteil ihre Entwicklung dort unterstützen kann, wo die Herausforderungen am grössten sind», fasst Stephanie Durrleman zusammen.
Die Daten sprechen dafür, Mehrsprachigkeit bei allen Kindern zu fördern – sowohl in der Familie als auch in der Schule.

Wolfer, P., Tselekidou, F., Baumeister, F., Gagarina, N., & Durrleman, S. (2026). The impact of exposure to additional languages and cognitive factors on narrative macrostructure in autistic and neurotypical children. Journal of Communication Disorders. doi.org/10.1016/j.jcomdis.2025.106611

Öffentliche Präsentation der Studie
Die Forscherinnen laden Gross und Klein zur Vorstellung der Ergebnisse ein am Samstag, 7. März 2026, von 19:00 bis 23:00 Uhr im Korso Kino, Boulevard de Perolles 15 in Freiburg (Schweiz).

Programm:
– Kurzfilm
– Diskussion mit Expert:innenpanel
– Interaktive Ausstellung, Spiele und praktische Aktivitäten
– Apéro

Einschreibung: https://www.unifr.ch/med/en/news-and-events/agenda.html?eventid=18963

https://www.unifr.ch/med/en/news-and-events/agenda.html?eventid=18963

Kontakt: abccd@unifr.ch