Biologie03.09.2020

Milchverträglichkeit hat sich schnell verbreitet


Überreste auf dem ältesten bekannten Schlachtfeld Europas zeigen nur in wenigen Knochen Hinweise auf Milchverträglichkeit. Etwa 120 Generationen später ist dies bei fast allen Menschen desselben Gebiets der Fall. Dies zeigen Untersuchungen eines internationales Forschungsteams unter Co-Leitung der Universität Freiburg.

Menschen in Mitteleuropa können nach dem Säuglingsalter erst seit wenigen Tausend Jahren Milch verdauen. Darauf schliessen Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Current Biology. Die Wissenschaftler_innen haben das Erbgut in Knochen von Kriegern untersucht. Diese fielen ca. 1200 v. Chr. in der «Schlacht an der Tollense», einem Fluss im Nordosten des heutigen Deutschlands. Nur einer der 14 untersuchten Kriegern konnte Laktose spalten und damit Milch verdauen.

«Von der heutigen Bevölkerung desselben Gebiets verfügen 90 Prozent über dieses Merkmal, die sogenannte Laktasepersistenz», sagt der Populationsgenetiker Prof. Dr. Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. «Dieser Unterschied ist enorm, wenn man bedenkt, dass nicht viel mehr als 120 Menschengenerationen dazwischenliegen.»

Bessere Überlebenschancen mit Milchverträglichkeit
In der Schweiz vertragen heute rund 80% der Bevölkerung Milch. «Die einzige Möglichkeit, den Unterschied zwischen Bronzezeit und heute zu erklären, ist die natürliche Selektion», sagt der Biologe Prof. Dr. Daniel Wegmann von der Universität Freiburg.

Die Forscher_innen errechnen einen erstaunlichen Vorteil: Mich verträgliche Personen hatten im Durchschnitt 6% mehr Nachkommen als solche, die Milch nicht verdauen konnten. «Dies wohl auch, weil diese Kinder bessere Überlebenschancen als jene ohne dieses Merkmal», schlussfolgert Dr. Vivian Link von der Universität Freiburg, welche die bioinformatischen Analysen leitete. «Kein anderes Gen hatte also eine derart starke Auswahl zur Folge.»

Burger und sein Team wiesen bereits 2007 nach, dass nahezu keiner der ersten sesshaften Bauern Europas milchverträglich war. Und auch mehr als 4000 Jahre nach der Einführung der Landwirtschaft in Europa war diese Eigenschaft bei Erwachsenen immer noch sehr selten. Milch könnte als energiereiche Flüssigkeit in Zeiten von Nahrungsmangel oder verseuchtem Trinkwasser höhere Überlebenschancen geboten haben. Gerade in der frühen Kindheit mag das in der Bronzezeit entscheidend gewesen sein.

Merkmal fehlte teilweise völlig
Zum Vergleich haben die Wissenschaftler_innen auch das Erbgut in bronzezeitlichen Knochen aus Ost- und Südosteuropa analysiert. Auch dort fanden sie selten Hinweise auf Milchverträglichkeit. In den untersuchten Knochen aus den osteuropäischen Steppen fehlte das Merkmal sogar völlig. «Das hat uns sehr erstaunt», erklärt Dr. Link, hatten doch frühere Studien hatten den Ursprung dort vermutet.

Die «Schlacht an der Tollense» gilt als älteste bekannte Schlacht Europas. Schon in den 1990er-Jahren wurden Überreste davon entdeckt. Seit gut zehn Jahren suchen Archäolog_innen einen kilometerlangen Abschnitt entlang des Flusses ab. Bisher wurden Knochen von mehr als hundert Gefallenen entdeckt, viele davon zeigen Spuren des Kampfes: In einigen stecken immer noch Pfeilspitzen, manche Schädel sind durch Hiebe gespalten. Es wird geschätzt, dass mehrere tausend an der Schlacht teilnahmen – mehrheitlich Männer, doch unter den 14 untersuchten Skeletten fanden die Forscher_innen auch zwei Frauen.

Weitere Informationen
Link zur Veröffentlichung: Burger et al., Low prevalence of lactase persistence in Bronze Age Europe indicates ongoing strong selection over the last 3.000 years, Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2020.08.033

Downloads
Bronzezeitlicher Schädel an der Tollense, © Joachim Krüger
Bisher wurden Gebeine von mehr als hundert Individuen auf dem Schlachtfeld entdeckt, © Stefan Sauer / Tollense Valley Project
Seit gut zehn Jahren suchen Archäologen einen Abschnitt entlang der Tollense systematisch ab, © Stefan Sauer / Tollense Valley Project