Disability Studies
Disability Studies am Lehrstuhl Medical Humanities
Die Disability Studies untersuchen Behinderung als soziale, kulturelle und historische Kategorie – jenseits rein medizinischer Definitionen. Am Lehrstuhl Medical Humanities verbinden wir diese Perspektive mit literatur-, geschichts- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen: Wie werden körperliche und psychische Differenzen in Literatur, Film und Kunst dargestellt? Welche gesellschaftlichen Normen und Ausschlüsse werden dabei verhandelt?
Als Mitglieder des DFG-Netzwerks «Inklusive Philologie» und durch unsere Lehre im Medizinstudium tragen wir dazu bei, das noch junge Feld der Literary Disability Studies im deutschsprachigen Raum zu etablieren – mit internationaler Reichweite und konkretem Praxisbezug für zukünftige Ärzt:innen.
DFG-Netzwerk «Inklusive Philologie» (2023–2025)
Dr. Johannes Görbert und Prof. Dr. Dr. Martina King sind Mitglieder des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten wissenschaftlichen Netzwerks «Inklusive Philologie. Literary Disability Studies im deutschsprachigen Raum».
Eckdaten:
Laufzeit: 2023–2025
Mitglieder: 14+ Forschende aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, UK und USA
Sprecher: Prof. Dr. Klaus Birnstiel (LMU München), Dr. Johannes Görbert (Fribourg)
Veranstaltungen: Fünf Arbeitstreffen und Tagungen in Dortmund, Fribourg, Greifswald, Oldenburg und Berlin
Internationale Tagung in Fribourg (November 2023)
Im November 2023 organisierte Dr. Johannes Görbert zusammen mit Prof. Dr. Klaus Birnstiel und dem Team des Lehrstuhls Medical Humanities eine internationale Tagung zu «Literary and Cultural Disability Studies. British and Continental Perspectives» mit ca. 30 Teilnehmenden. Keynote-Vorträge hielten:
- Prof. Tom Shakespeare (London School of Hygiene & Tropical Medicine)
- Prof. Anne Waldschmidt (Universität zu Köln)
- Prof. Stuart Murray (University of Leeds)
- Prof. David Bolt (Liverpool Hope University)
Die Tagung wurde von DFG, SNF und vom Hundertjahrefonds der Université de Fribourg gefördert.
Abschluss in Berlin (Dezember 2025)
Das Netzwerk schloss mit der Ringvorlesung «Literary Disability Studies. Aspekte einer inklusiven Philologie» an der Freien Universität Berlin (April–Juli 2025) und einem Abschlusstreffen mit öffentlicher Kulturveranstaltung am Futurium Berlin.
Publikationen im Bereich Disability Studies
Aus der Arbeit des DFG-Netzwerks und der Forschung am Lehrstuhl entstehen zahlreiche Publikationen:
Sammelbände
- Klaus Birnstiel, Harriet Cooper, Johannes Görbert (Hg.): Literary and Cultural Disability Studies. British and Continental Perspectives. Baden-Baden: Nomos [in Vorbereitung, 2026].
- Klaus Birnstiel, Johannes Görbert, Massimo Salgaro (Hg.): Disability Theatre. Tagungsband Villa Vigoni. [in Vorbereitung, 2026]
Zeitschriften-Sonderhefte
- Sonderheft «Das 18. Jahrhundert» (2026) – Gastherausgeberschaft Klaus Birnstiel, Johannes Görbert
- Sonderheft «KulturPoetik» (2026) – Gastherausgeberschaft Klaus Birnstiel, Johannes Görbert
- Sonderheft «LiLi – Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik» (2027) – Gastherausgeberschaft Klaus Birnstiel, Johannes Görbert
Einführungen und Anthologien
- Klaus Birnstiel, Johannes Görbert: Einführung in die Literary Disability Studies. Baden-Baden: Nomos [in Vorbereitung, 2026/27]
- Klaus Birnstiel, Johannes Görbert, Urte Helduser, Linda Leskau, Christoph Schmitt-Maaß (Hg.): Anthologie Literary Disability Studies. Übersetzungen zentraler Theorietexte ins Deutsche. [in Vorbereitung, 2027]
Aufsätze (Auswahl)
- Johannes Görbert: «Vom ‘Ungeziefer’ zum ‘Superhelden’. Kontinuität und Wandel literarischer Darstellungen von Behinderung – am Beispiel von Franz Kafkas Die Verwandlung und ihrer literarischen Rezeption in der Disability Culture der Gegenwart bei Christoph Keller». In: KulturPoetik 24:1 (2024), S. 22–53.
- Johannes Görbert (mit Dominik Erdmann): «Teilhaben, Aufrütteln, Erzählen. Manfred Maschkes Briefeschreiben». In: Zeitschrift für Disability Studies 4:1 (2024).
Link - Martina King: «Helden, Heilige, Menschenzüchter: NS-Arztroman und biopolitische Diktatur». In: NAL historica. Wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Schriftenreihe der Leopoldina (Hg. Christina Brandt, Heiner Fangerau und Christoph Meinel).
Habilitationsprojekt: «Fragile Moderne. Literatur und Behinderung in der Weimarer Republik (1918–1933)»
Dr. Johannes Görbert
Die Weimarer Republik war eine Zeit radikaler Umbrüche – auch im Umgang mit Behinderung. Einerseits entstanden progressive Sozialgesetze und Rehabilitationsmaßnahmen für Kriegsversehrte; andererseits gewannen eugenische Ideen an Boden, die in der NS-Zeit zur systematischen Ermordung behinderter Menschen führten.
Das Habilitationsprojekt untersucht, wie die deutschsprachige Literatur dieser Epoche diese Spannungen verarbeitet. Die zentrale These: Behinderung ist eine «Signatur der fragilen Moderne» – ein Kristallisationspunkt, an dem sich die Widersprüche der Zeit paradigmatisch verdichten.
Drei Phasen der Untersuchung:
1918–1923: Kriegsversehrung – Die Rückkehr der verwundeten Soldaten in Texten von Ernst Toller, Leonhard Frank u.a.
1924–1929: Prekarität – Behinderung und soziale Verwundbarkeit in der «stabilen» Phase der Republik
1929–1933: Autoritäre Bedrohung – Literarische Vorausdeutungen der kommenden Katastrophe
Methodik:
Das Projekt wendet die Methoden der Literary Disability Studies konsequent auf historische deutsche Literatur an – ein Forschungsdesiderat im deutschsprachigen Raum. Neben kanonischen Autor:innen (Brecht, Döblin, Mann) stehen Texte von selbst behinderten Autor:innen im Fokus, etwa Veza Canetti oder Max Herrmann-Neiße.
Lehre im Bereich Disability Studies
Medical Humanities: «Behinderung in Gegenwart und Geschichte»
Dr. Johannes Görbert | Obligatorische Vorlesung für Medizinstudierende (3. Studienjahr Bachelor)
Diese Vorlesung sensibilisiert zukünftige Ärzt:innen für einen respektvollen Umgang mit Patient:innen mit Behinderungen.
Teil 1 – Gegenwart: Definition von Behinderung, UN-Behindertenrechtskonvention, inklusive Bildung, SAMW-Richtlinien
Teil 2 – Geschichte: Historische Entwicklung der Medikalisierung, NS-‘Euthanasie’, Disability-Rights-Bewegung
Vorlesung: «Literary Disability Studies. Eine Einführung aus komparatistischer Perspektive»
Dr. Johannes Görbert | Herbstsemester 2025
Departement Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Die Vorlesung führt in die theoretischen Grundlagen und Methoden der Literary Disability Studies ein. Von der Antike über das Mittelalter bis zur Disability Culture der Gegenwart werden literarische Darstellungen von Behinderung analysiert und theoretisch reflektiert.
Inhalte:
- Grundbegriffe: Disability, Ableismus, Intersektionalität...
- Theoretische Modelle: Medizinisches vs. soziales Modell von Behinderung...
- Literaturgeschichte: Von der «Monstrosität» zur «Crip Culture»
- Gegenwartsliteratur: Autobiografien, Graphic Novels, Disability Theatre
Ringvorlesung Berlin (April–Juli 2025)
In Kooperation mit dem DFG-Netzwerk organisierte die Freie Universität Berlin die öffentliche Ringvorlesung «Literary Disability Studies. Aspekte einer inklusiven Philologie». Dr. Johannes Görbert gestaltete die Eröffnungsveranstaltung: eine Lesung und ein Gespräch mit dem Schweizer Autor Christoph Keller (Jeder Krüppel ein Superheld, 2020).
