Dies academicusPublikationsdatum 02.11.2026
Der Titel der Ehrendoktorin geht an Lea Ypi
Die Philosophische Fakultät der Universität Freiburg verleiht Prof. Dr. Lea Ypi die Ehrendoktorwürde für ihre herausragenden Leistungen in der politischen Philosophie, der Zeitgeschichte und der Politikwissenschaft. Ihre Forschung kreist um die Frage: Was bedeutet Freiheit unter konkreten historischen und sozio-politischen Bedingungen?
Lea Ypi gilt schon heute als eine der grossen Denkerinnen und Autorinnen des 21. Jahrhunderts. Sie wurde 1979 in Tirana (Albanien) geboren, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität La Sapienza in Rom und wurde am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz promoviert. 2013 wurde sie an die London School of Economics (LSE) berufen. Dort ist sie seit 2016 ordentliche Professorin und hat seit 2025 den Ralph-Miliband-Lehrstuhl inne. Sie ist Mitglied der British Academy, der Academia Europaea und der Albanischen Akademie der Wissenschaften sowie Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
In ihrem Werk verbindet Ypi politische Philosophie, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft: Philosophische Argumente bringt sie mit historischen Erfahrungen und gesellschaftspolitischen Fragen zusammen. Neben Freiheit und Gerechtigkeit befasst sie sich mit politischer Handlungsfähigkeit, globaler Gerechtigkeit, Migration, Parteien und Demokratie sowie mit Fragen der Verantwortung. Ihr wichtigster Bezugspunkt ist die Philosophie Immanuel Kants, die sie mit Themen aus dem Werk von Karl Marx verknüpft. Ihre politische Ethik ist in soziale und politische Zusammenhänge eingebettet und denkt moralische Verantwortung, politische Emanzipation und soziale Gerechtigkeit zusammen.
Diese Interessen prägen auch ihre beiden Bestseller, mit denen Ypi international bekannt wurde. Beide Bücher betten philosophische Fragen in autobiografische Erfahrungen ein. In «Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte» (englisch 2021, deutsche Übersetzung 2022) erzählt Ypi von ihrer Kindheit und Jugend im sozialistischen Albanien, in einer Familie, die beim Regime als politisch unzuverlässig galt. 1991 erlebte sie den Umbruch von der sozialistischen zur kapitalistischen Gesellschaft; innerhalb kürzester Zeit veränderten sich die Vorstellungen von Wahrheit und Freiheit grundlegend. Am Beispiel der sozialistischen Diktatur der 1980er-Jahre und des radikalen Wechsels zu einer hyperkapitalistischen Ordnung Anfang der 1990er-Jahre fragt Ypi, was «Freiheit» bedeutet und für wen sie erreichbar ist.
Das zweite Buch, «Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme» (englisch und deutsch 2025), spannt den Bogen vom ausgehenden Osmanischen Reich über die faschistische und die nationalsozialistische Besatzung Albaniens im Zweiten Weltkrieg bis zur sozialistischen Diktatur Enver Hoxhas. Den Anstoss gab ein Foto, das Ypis verstorbene Grossmutter 1941 auf Hochzeitsreise in Italien zeigt. In den sozialen Medien wurde daraufhin spekuliert, die Grossmutter sei Kollaborateurin, Spionin oder Kommunistin gewesen. Ypi ging dem in Archiven in Albanien, Griechenland und weiteren Ländern nach. Über Frauen geben die historischen Quellen jedoch oft nur lückenhaft oder gar keine Auskunft. Diese Lücken in der Biografie ihrer Grossmutter füllte Ypi mit literarischer Fiktion, um zu zeigen, wie das Leben im spätosmanischen Reich und im jungen albanischen Staat ausgesehen haben könnte. Im Zentrum stehen Fragen nach Würde, Erinnerung, Wahrheit und historischer Verantwortung – und danach, wie man unter wechselnden Regimen die eigene Würde bewahrt. Ypi verbindet darin literarische Vorstellungskraft und philosophische Reflexion mit Archivmaterial und Familienerinnerungen.
Lea Ypis Bücher sind historische Analyse, philosophische Reflexion und literarische Erzählung zugleich. So eröffnen sie einem breiten Publikum einen Zugang zu wissenschaftlichen Fragen und philosophischem Denken. Davon zeugen die hohen Verkaufszahlen, die zahlreichen Übersetzungen und die vielen Auszeichnungen, die Ypi erhalten hat.
Lea Ypis Werk fördert kritisches Denken und steht damit für grundlegende Werte der Universität Freiburg. Ihre Forschungsschwerpunkte – von der politischen Theorie über die Zeitgeschichte bis zu Fragen der Freiheit – decken sich mit zentralen Arbeitsgebieten der Philosophischen Fakultät. Mit der Ehrendoktorwürde zeichnet die Fakultät eine Forscherin aus, die akademische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet und grundlegende Fragen kritisch und zeitgemäss stellt.
Foto © James Robins
Konferenz
Prof. Lea Ypi
LSE London
How Capitalism Undermines Freedom
Datum: 16.11.2026, 16.15 - 18.00 Uhr
Ort: MIS 03 / Auditorium C, Avenue de l'Europe 20, Freiburg
