InklusionPublikationsdatum 22.09.2026

Seine Rechte zu kennen, sollte kein Privileg sein


Fast jede fünfte erwachsene Person in der Schweiz hat grosse Schwierigkeiten mit geschriebenen Texten. Behördenschreiben, amtliche Formulare und Gesundheitsinformationen können regelrechte Hürden darstellen. In ihrem im Frühling dieses Jahres veröffentlichten Werk erläutert Cindy Diacquenod von der Universität Freiburg zusammen mit ihren Co-Autorinnen, wie die Leichte Sprache – im Französischen «FALC» (Facile à lire et à comprendre) – Informationen für alle zugänglicher macht.

Für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung bleibt der Zugang zu Informationen eine tägliche Herausforderung. Laut dem Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben haben fast 22 Prozent der Erwachsenen grosse Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Diese Hürden können konkrete Folgen haben: Ein Behördenschreiben verstehen, Behördengänge erledigen, eigene Rechte geltend machen oder einen Medikationsplan befolgen – das alles kann kompliziert werden.

Als Antwort auf diese Herausforderung veröffentlichten Cindy Diacquenod, Lektorin am Departement für Sonderpädagogik der Universität Freiburg, Catherine Charpié, Spezialistin für einfaches Schreiben, und Aline Veyre, Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit in Lausanne, das Werk Créer ensemble des projets en langage Facile à Lire et à Comprendre (FALC)! (Projekte in Leichter Sprache gemeinsam erstellen). In diesem Buch präsentieren sie neun Projekte, die in der Westschweiz durchgeführt wurden, und stellen konkrete Werkzeuge für eine inklusivere Kommunikation vor.

«Information ist ein Grundrecht. Und doch bleiben viele Menschen einfach deswegen aussen vor, weil die Texte, die für sie bestimmt sind, zu komplex sind», betont Cindy Diacquenod.

Neun beispielhafte Leichte-Sprache-Projekte aus der Westschweiz
Obwohl die Leichte Sprache seit mehreren Jahren im In- und Ausland auf dem Vormarsch ist, hört man wenig von entsprechenden Projekten.

«Wir wollten zeigen, was in der Praxis bereits umgesetzt wird, und den Menschen, die selbst in dieser Hinsicht aktiv werden möchten, Ideen an die Hand geben. Deswegen haben wir das Buch auch in Leichter Sprache verfasst», erklärt Aline Veyre.

Die neun ausgewählten Projekte zeigen, wie vielfältig die Anwendungsgebiete sind. Einige stammen aus dem Kulturbereich, wie beispielsweise eine leicht zugängliche Ausstellung im Laténium in Neuenburg. In anderen geht es um Gesundheit oder Sexualerziehung. Das Buch beleuchtet zudem Initiativen aus sozialpädagogischen Einrichtungen wie der Freiburger Stiftung FARA.

Darüber hinaus gehen die Autorinnen näher auf die konkrete Erstellung eines Textes in Leichter Sprache ein. Ihrer Meinung nach sollten die Betroffenen in jede Projektphase eingebunden werden. Eine unabdingbare Voraussetzung ist, dass zumindest beim Korrekturlesen und bei der inhaltlichen Validierung Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung mitwirken: Nur so kann sichergestellt werden, dass das Geschriebene für sie verständlich ist.

Die Autorinnen hoffen, dass ihr Buch mehr Behörden, Kultureinrichtungen, Vereine und öffentliche Dienststellen dazu bewegen wird, ihre Inhalte für weitere Kreise zugänglicher zu gestalten.

Die gesamte Bevölkerung profitiert vom Konzept
Leichte Sprache war ursprünglich für Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung gedacht. Wie sich herausstellt, nützt sie einem weitaus grösseren Publikum.

«Texte in Leichter Sprache helfen auch fremdsprachigen Menschen, Kindern, die lesen lernen, gewissen älteren Menschen sowie Personen, die zeitweilig oder dauerhaft Schwierigkeiten mit der geschriebenen Sprache haben», erklärt Catherine Charpié.

In einer Gesellschaft, in der Behördengänge digitalisiert werden und Information allgegenwärtig ist, stellt Zugänglichkeit ein wichtiges demokratisches Element dar. Eine klare Kommunikation macht es für alle leichter, zu verstehen, welche Rechte und Pflichten sie haben und welche Dienstleistungen zur Verfügung stehen.

Texte in vereinfachter Sprache zu schreiben, bedeutet für die Autorinnen nicht, dass sie inhaltlich ärmer oder von minderer Qualität wären. Im Gegenteil: «Es geht darum, Informationen verständlicher zu machen, ohne ihren Wert zu mindern», betont Cindy Diacquenod.

Leichte Sprache: Eine Bewegung der Betroffenen selbst
Leichte Sprache hat ihren Ursprung in der Selbstvertretungsbewegung der 1960er-Jahre von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Sie forderten das Recht ein, an Entscheidungen teilzuhaben, die sie selber betrafen, und verlangten einen Zugang zu verständlicher Information.

Das Konzept bekam schrittweise eine internationale Dimension. Hierzu trugen insbesondere die Arbeiten von Inclusion Europe bei und die Veröffentlichung von Leitfäden wie Informationen für alle und Nicht über uns ohne uns!.

Die UN-Behindertenrechtskonvention, der die Schweiz 2014 beigetreten ist, erinnert heute daran, dass der Zugang zu Information ein Grundrecht und eine unabdingbare Voraussetzung für soziale Teilhabe ist.

Quellenangabe

Diacquenod, C., Charpié, C. & Veyre, A. (2026). Créer ensemble des projets en langage Facile à Lire et à Comprendre (FALC)! Edition SZH/CSPS.

Das Buch kann unter folgender Adresse heruntergeladen werden:
https://shop.szh.ch/fr/livres-edition-szhcsps/224-falc.html