Die geschmückte Stadt

Für eine Geschichte der bemalten Fassaden in der Frühen Neuzeit (Schweiz/Europa)

Projektvorstellung

Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert verfügte eine große Zahl europäischer Städte über bemalte Fassaden (al secco, al fresco und in Sgraffitotechnik), die historiierte Szenen, monumentale Figuren (historische, mythologische, allegorische), Ornamente (heraldische, vegetabile, antikisierende, groteske) sowie vorgetäuschte architektonische Strukturen vereinten. Diese bemalten Fassaden bilden ein außergewöhnliches Laboratorium der Darstellung – im doppelten, transitiven wie reflexiven Sinne des Begriffs. Indem sich das Projekt auf profane Bauten (Paläste, Rathäuser, Bürgerhäuser u. a.) konzentriert, zielt es darauf ab, die identitätsstiftenden, politischen, sozialen und künstlerischen Fragestellungen zu analysieren, die diese dekorative Praxis durchziehen. Darüber hinaus soll der Beitrag dieses Phänomens zur Herausbildung des „öffentlichen Raums“ in den europäischen Stadtgesellschaften untersucht werden.

Inhalte und Ziele

Ob unter technischen, figurativen oder formalen Gesichtspunkten – keine Oberfläche bietet Künstlerinnen und Künstlern weniger Neutralität als eine Fassade. Die Fassade ist ein ambivalenter und poröser Ort: Sie ist Wand, Mauer, Abgrenzung, zugleich aber auch zeitliche und physische Schnittstelle sowie eine metaphorische Projektionsfläche (Front, Bildschirm, Gewand, Haut, Antlitz, Gesicht). Dieser Ort ist durch eine ganze Reihe dialektischer Oppositionen überdeterminiert: außen–innen, Äußerlichkeit–Innerlichkeit, privat–öffentlich, Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft. Als Instrument der Selbstinszenierung (sowohl der Künstlerinnen und Künstler als auch der Auftraggeber) ist die bemalte Fassade ein bedeutender stilistischer Marker, der – je nach Bedeutung des Bauwerks – eine komplexe formale Rhetorik entfaltet.

Trotz der großen Zahl ausgeführter Dekorationen (in Antwerpen, Augsburg, Basel, Florenz, Genua, Innsbruck, Luzern, Nürnberg, Prag, Rom, Schaffhausen, Stein am Rhein, Trient, Venedig, Verona oder Wien) und trotz der Berühmtheit der Künstler, die diese dekorativen Ensembles entworfen und ausgeführt haben (Floris, Giorgione, Holbein der Jüngere, Bock der Ältere, Breu der Ältere, Burgkmair, Mantegna, Polidoro da Caravaggio, Schäufelein, Stimmer, Tintoretto, Tizian, Vasari, Zuccari u. a.), bleibt dieses bedeutende künstlerische Phänomen bis heute weitgehend unbekannt und wird von der Kunstgeschichtsschreibung allzu häufig vernachlässigt. Die bislang unternommenen Forschungen, die allzu oft auf begrenzte geografische Räume beschränkt bleiben, verwehren eine übergreifende theoretische Annäherung. Ziel dieses Projekts ist es, diese Diskontinuität zu überwinden und die Forschung zu öffnen, indem vergleichende und systematische Studien der in Europa – und insbesondere in der Schweiz – zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert ausgeführten Dekorationen unternommen werden, um eine globale und thematische Sicht auf dieses Phänomen zu entwickeln.

Sozial- und wissenschaftlicher Kontext

Die wissenschaftliche Tragweite des Projekts beruht auf einem kontinuierlichen Austausch von Wissen zwischen Spezialistinnen und Spezialisten der Bild-, Kunst-, Architektur- und Stadtforschung sowie der Technik (Konservatorinnen und Konservatoren, Restauratorinnen und Restauratoren, Architektinnen und Architekten) und des Kulturerbes. Ziel ist es, eine fundierte Dokumentation und Reflexion in Form einer frei zugänglichen Datenbank, digitaler Publikationen, von Tagungsakten, Masterarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften zu erarbeiten. Dieses Material soll als Grundlage für zukünftige kollektive wie auch individuelle Forschungsprojekte dienen.

FNS