BiologiePublikationsdatum 22.07.2026

Invasive Arten treffen den Globalen Süden deutlich härter als bisher angenommen


Studie unter der Leitung der Universität Fribourg korrigiert bisherige Annahmen zu invasiven Arten und zeigt Wege für eine neue internationale Umweltpolitik zur Reduzierung des Artensterbens auf.

Invasive gebietsfremde Arten sind einer der weltweit grössten Treiber des Artensterbens. Bisherige globale Einschätzungen zur geografischen Verteilung dieser Schäden litten jedoch unter einer systematischen Verzerrung in der Forschung («Research Bias»): Da in den Ländern des Globalen Nordens wie Nordamerika und Europa wesentlich mehr Forschung betrieben und dokumentiert wird, erschienen dort auch die höchsten Zahlen an invasiven Arten und damit auch die meisten Schadensberichte. Eine neue Studie unter Leitung von Prof. tit. Sven Bacher, Professor für Angewandte Ökologie an der Universität Fribourg, zeigt nun: In Ländern des Globalen Südens richten invasive Arten signifikant höhere Umweltschäden an als im Globalen Norden. Dies liegt an einer Kombination aus rasantem Wirtschaftswachstum und unzureichender staatlicher Governance. Die Studie, an der auch Forschende aus Deutschland und Tschechien beteiligt sind, ist in der Fachzeitschrift «Science» erschienen.

Schadensmessung statt Artenzählung
Das internationale Forschungsteam um Prof. tit. Sven Bacher, Prof. Petr Pyšek (Tschechische Akademie der Wissenschaften) und Prof. Seebens (Universität Giessen, Deutschland) nutzte einen neuen methodischen Ansatz: Anstatt lediglich die Präsenz der invasiven Art zu zählen, entwickelten die Wissenschaftler eine neue Metrik, die «durchschnittliche Schadensschwere». Diese Kennzahl setzt die Anzahl der schwerwiegenden Auswirkungen – etwa die lokale Ausrottung heimischer Populationen– ins Verhältnis zu allen gemeldeten lokalen ökologischen Auswirkungen. Damit ist die Kennzahl unabhängig vom «Research Bias». Die Grundlage der Arbeit bildet die neue Datenbank «Global Impacts Dataset of Invasive Alien Species (GIDIAS) », deren Erstellung ebenfalls von der Universität Fribourg koordiniert wurde und über 22.000 dokumentierte Auswirkungen invasiver Arten in 172 Ländern umfasst.

Das Ergebnis ist eine wissenschaftliche Korrektur der bisherigen Annahmen zu den Folgen invasiver Arten: Während im Globalen Norden die absolute Anzahl der gemeldeten Arten und Berichte hoch ist, fällt die relative Schwere der Schäden im Globalen Süden deutlich ausgeprägter aus. «Das zeigt sich sogar bei einzelnen Arten», erläutert Bacher, Erstautor der Studie. «Invasive Arten, die sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden Umweltschäden anrichten, verursachen 50% schwerere Folgen in Ländern des Global Südens im Vergleich zu Ländern des Globalen Nordens. Besonders in Schwellenländern Südamerikas, Afrikas und Asiens führen Invasionen häufiger zu katastrophalen ökologischen Folgen.»

Schwellenländer besonders betroffen
Die Studie liefert auch eine Erklärung für dieses Phänomen, das insbesondere Schwellenländer betrifft: Diese Länder verzeichnen ein hohes Wirtschaftswachstum und einen intensiven globalen Handel, was den Eintrag neuer invasiver Arten massiv beschleunigt. Gleichzeitig verfügen sie oft über weniger entwickelte staatliche Strukturen, höhere Korruptionsraten und geringere Kapazitäten im Management biologischer Invasionen.

«Während Länder des Globalen Nordens zwar viele invasive Arten haben, verhindert das intensive Management der Ökosysteme, dass es zu massiven Auswirkungen kommt», so Seebens. «Im Gegensatz wirkt die rasante wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer wie ein Beschleuniger für die Einführung invasiver Arten, während die institutionelle Fähigkeit, darauf zu reagieren, hinterherhinkt.»Die Studie zeigt mittels komplexer statistischer Modelle, dass eine gute administrative Führung und ein proaktives Management die Schwere biologischer Invasionen effektiv reduzieren können. In Ländern des Globalen Südens fehlen diese Mechanismen oft, was dazu führt, dass invasive Arten ungehindert verheerende ökologische Schäden anrichten können.

Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik
Die Ergebnisse der Studie haben weitreichende Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik. «Prävention ist der effizienteste Weg, die Folgen von invasiven Arten zu verhindern, aber dafür benötigt es effektive Managementstrukturen in jedem Land und intensive internationale Kooperation», betont Bacher. «Wenn wir die globale Biodiversitätskrise bewältigen wollen, müssen wir die Managementlücke zwischen Nord und Süd schliessen und dürfen die am stärksten von invasiven Arten betroffenen Regionen nicht weiter marginalisieren.» Die Forschenden weisen darauf hin, dass es nicht ausreiche, die Ausbreitung von Arten global zu überwachen. «Wir müssen verhindern, dass die ökologischen Schäden in den Regionen des Globalen Südens, die oft die höchste Biodiversität beherbergen, irreversibel werden», sagt Prof. Seebens.

- Publikation:  «Invasive species’ environmental impacts are more severe in the Global South», Science, vol. 393, Ausgabe 6809, pp. 376-380, DOI: 10.1126/science.aed0603