«Feminismus ist keine Medaille!»

«Feminismus ist keine Medaille!»

Wie wird Recht im Film dargestellt? Die Auswahl der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Unifr präsentiert jedes Jahr sechs einem bestimmten Thema gewidmete Vorführungen, die zum Entdecken einladen. Die Ausgabe 2021 von «Recht im Film» widmet sich dem Thema der Rechtsgleichheit. Zum Auftakt mit dabei waren Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, Ständerätin Johanna Gapany und Gabrielle Nanchen, ehemalige Nationalrätin.

Lag es an der direkten Demokratie (für Männer), dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst im Jahre 1971 eingeführt wurde? Wie verhalten sich die demokratischen Mitwirkungsrechte zum Recht aller auf Gleichberechtigung? Haben es Frauen in der Politik weiterhin schwerer als Männer – hier und anderswo? Der Film von Stéphane Goël (Edition 2021), der im Rahmen von «Recht im Film» am 3. November im Cinémotion REX präsentiert wurde, zeigt vor allem eines auf: Der Weg von der Küche ins Parlament war für die Schweizer Frauen steinig und lang – vier Generationen mussten dafür kämpfen, dass das männliche Stimmvolk ihnen das Recht auf politische Mitbestimmung gewährte; über 90 Abstimmungen auf kommunaler, kantonaler und Bundesebene waren nötig. Am 7. Februar 1971 dann endlich – 53 Jahre nach Deutschland und 26 Jahre nach Italien – führte die Schweiz das Frauenwahl- und Stimmrecht ein. War nun alles erreicht? Ganz bestimmt nicht! In der Dokumentation «Von der Küche ins Parlament» reflektieren Politikerinnen und Aktivistinnen über ihren Kampf für die politische Gleichheit. Das gesammelte Archivmaterial zeigt dabei schön, welcher Diskurs- und Mentalitätswandel stattfand und wie er sich auf heutige politische Fragen auswirkt.

Nach dem Film ist vor dem Film
Politik ist auch, wenn man über sie spricht: Nach einer kurzen Eröffnung der Veranstaltung durch Hubert Stöckli, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und einer Einführung von Lucie Bader, Medienwissenschaftlerin und Produzent Stéphane Goël ging es später während des Filmgesprächs ans Eingemachte. Eingeladen waren Ruth Dreifuss, Bundesrätin von 1993–2002, Johanna Gapany, Ständerätin seit 2019, und Gabrielle Nanchen, Nationalrätin von 1971–1979. Moderiert wurde der Abend von Michel Heinzmann. Im Raum stand die grundsätzliche Frage über Sinn und Unsinn unserer direkten Demokratie. Würden wir heute nicht ganz woanders stehen, wenn ein Gericht über das Frauenstimm- und Wahlrecht entschieden hätte? Dreifuss und Nanchen erzählten weiter von ihren Erfahrungen im Parlament und darüber, was es bedeutet, sich in einer Männerwelt durchsetzen, aber auch anpassen zu müssen. Ihr Engagement habe sich im Laufe der Jahre zusammen mit dem Feminismus verändert. So sind heute auch Umwelt- und Rassismusthemen stärker in den Vordergrund gerückt. Gapany wies zudem darauf hin, dass bestimmte politische Themen die Grenzen zwischen Links und Rechts teilweise verwischen lassen. Darauf angesprochen, warum sie in der Vergangenheit von sich behauptet habe, keine Feministin zu sein, antwortete Gapany, dass der Begriff jenen zustehe, die für gleiche Rechte gekämpft hätten. «Feminismus ist keine Medaille für Geleistetes in der Vergangenheit, sondern ein Engagement für die Zukunft!», antwortete Dreifuss daraufhin, und das war wohl das schönste Schlusswort, dass man sich für diesen Abend wünschen konnte.

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Lust auf mehr?
Hat das Recht für Chancen- oder Ergebnisgleichheit zu sorgen? Welche Rolle spielt die Garantie der Rechtsgleichheit beim Umgang mit rechtlichen und tatsächlichen Benachteiligungen am Arbeitsplatz? Wie kann das Recht mit Mehrfachdiskriminierungen umgehen? Kann Technik diskriminieren oder die rechtliche Gleichberechtigung unterlaufen? Was hat das Recht mit Algorithmen zu tun, die weisse Männer besser «erkennen» als Schwarze und Frauen? Was bedeutet Freiheit für alle? Sind junge Frauen und Männer in einer Gesellschaft der Gleichberechtigung freier oder entstehen neue Unterscheidungen, die einengen? Wie werden Menschen gleich? Welche Rolle spielen Pionierinnen, ihre Enttäuschungen und Erfolge? Antworten auf diese Fragen und Inputs zum Weiterdenken finden Sie während der nächsten Vorstellungen!

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Author

Lovis A. Hoppmann ist Germanist_in, Philosoph_in und Autor_in, seit 2018 zudem Redaktor_in und Social-Media-Expert_in im Team Unicom. Lovis bezeichnet sich selbst als Textarchitekt_in und verfasst in der Freizeit Romane und Kurzgeschichten.

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