HilfsorganisationenPublikationsdatum 11.05.2026

Welche Hürden bremsen die Zusammenarbeit zwischen humanitären Organisationen?


Eine neue Studie beleuchtet Hindernisse, Hebel und Chancen für eine bessere Zusammenarbeit innerhalb humanitärer Lieferketten. Eine zentrale Erkenntnis dabei: echte Fortschritte hängen nicht von digitalen Lösungen ab, sondern von Anreizen, einer gestärkten Governance und einem Vertrauensklima ab.

Der Bedarf für humanitäre Hilfe steigt, die Finanzierung jedoch stockt. Vor diesem Hintergrund kommt einer effizienteren Zusammenarbeit innerhalb der Lieferketten eine zentrale Bedeutung zu. Während weithin Einigkeit darüber besteht, dass eine bessere Zusammenarbeit wesentlich und notwendig ist, gestaltet sich die Umsetzung in die Praxis komplex. Die Forschung mit dem Titel «Interoperabilität und Zusammenarbeit in humanitären Lieferketten stärken» wurde geleitet von Prof. Dr. Nathan Kunz vom Departement für Informatik der Universität Freiburg und finanziert von HELP Logistics, einer Initiative der Kühne-Stiftung.

Technische, strukturelle und institutionelle Herausforderungen …
Die Studie stützt sich auf eine Analyse von zehn bestehenden Zusammenarbeitsinitiativen sowie auf Interviews mit Expert_innen aus Organisationen der Vereinten Nationen, internationalen Hilfsorganisationen, der Privatwirtschaft und von Geldgebern. Sie untersucht, welche Faktoren die Zusammenarbeit fördern, welche sie bremsen und wo sich die besten Chancen bieten.

Das Fazit: Die grössten Hürden für die Zusammenarbeit sind nicht technischer Natur, sondern in erster Linie strukturell und institutionell. Dabei handelt es sich insbesondere um mangelndes gegenseitiges Vertrauen, unterschiedliche Organisationsabläufe, schlecht angepasste Anreize, Konkurrenz hinsichtlich Finanzierung und Sichtbarkeit sowie die komplexe Koordination zwischen allen Mitwirkenden. «Viele Diskussionen zum Thema Interoperabilität konzentrieren sich auf Systeme und Technologien», meint Nathan Kunz, Hauptautor der Studie. «Unsere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die echten Hürden institutionell sind. Digitale Lösungen und Datensysteme mögen die Zusammenarbeit erleichtern – echte Fortschritte hängen aber weniger von neuen Tools ab als von besser aufeinander abgestimmten Anreizen zur Zusammenarbeit, gestärkter Governance, und der Schaffung eines Vertrauensklimas zwischen Organisationen durch Win-Win Szenarien.»

… aber auch interessante Chancen
Parallel dazu verweist die Studie auf ein beträchtliches, noch nicht voll ausgeschöpftes Potenzial in zentralen Bereichen humanitärer Lieferketten. Funktionen wie Lieferung und Transport, die zu den kostenintensivsten gehören, werden von den verschiedenen Organisationen immer noch in vielen Fällen parallel gesteuert, obwohl gerade hier ein hohes Potenzial für Effizienzsteigerungen durch Zusammenarbeit liegt. «Die Zusammenarbeit innerhalb der Supply Chain wird bereits als wesentlicher Hebel für Effizienzsteigerungen bei humanitären Einsätzen erkannt», erklärt Dr. Jonas Stumpf, Regionaldirektor für Europa bei HELP Logistics. «Der Weg dahin bleibt oftmals unklar. Der hierfür notwendige Change-Management-Prozess ist komplex und wird häufig von unterschiedlichen Perspektiven und Interessen beeinflusst. Diese Studie soll einen Beitrag zu aktuellen Diskussionen leisten und neue Perspektiven aufzeigen, wie das System als Ganzes verbessert werden kann.»

Anstatt weitere neue Initiativen zu starten, legt der Abschlussbericht den Fokus auf den Ausbau und die Stärkung von bereits bestehenden Mechanismen bei Zusammenarbeit und Koordination wie beispielsweise gemeinsame Beschaffungen und Dienstleistungen.

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> Foto © UNMIS Sudan 2008

Diese Studie wurde unabhängig durchgeführt. Der Autor übernimmt die volle Verantwortung für die Analyse und die Schlussfolgerungen, die nicht notwendigerweise die Meinung der finanzierenden Organisation widerspiegeln.

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Über HELP Logistics
HELP Logistics ist eine operative Non-Profit-Initiative der Kühne-Stiftung, die sich der Stärkung von Lieferketten widmet, um deren Resilienz, Effizienz und Nachhaltigkeit an der Schnittstelle von humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz zu verbessern. Mit Hauptsitz in Schindellegi, Schweiz, und Standorten in Singapur, Amman, Dakar, Nairobi und Hamburg arbeitet HELP mit Regierungen, NGOs und internationalen Organisationen zusammen, um Lieferketten zu analysieren und zu optimieren sowie die nächste Generation von Supply-Chain-Führungskräften durch Praktika und Nachwuchsprogramme auszubilden. Die angewandte Forschung von HELP wird in umsetzbare Strategien und politische Handlungsempfehlungen überführt, die humanitäre und entwicklungspolitische Systeme weltweit stärken.