Auf den Spuren der stinkenden Blume in China
Gregor Kozlowski, Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg, ist soeben von einer botanischen Expedition nach China zurückgekehrt. Als Honorarprofessor am Forschungszentrum des Botanischen Gartens Shanghai leitet er dort eine Forschungsgruppe, deren Mitglieder an verschiedenen Themen aus den Bereichen Genetik, Biogeographie und Biologie der Früchte arbeiten. Der Schwerpunkt liegt auf mehreren Arten von Bäumen und Sträuchern, insbesondere aus den Gattungen Quercus (Fagaceae), Engelhardia, Pterocarya (Juglandaceae), Sinojackia (Styracaceae) und Betula (Betulaceae) sowie auf einigen krautigen Pflanzen (z. B. Gymnospermium, Berberidaceae).
In Südchina hat sein Team unter anderem Populationen der Walnussgewächse (Juglandaceae) untersucht. Dabei stellten sie vor Ort fest, wie stark die Wälder Chinas unter Druck stehen, insbesondere durch viele Kautschukplantagen. Wälder, die ihrem ursprünglichen Zustand noch nahekommen, finden sich heute nur noch in Gipfellagen, entlang steiler Hänge oder an Flussufern.
In einer dieser abgelegenen Regionen beobachteten sie eine botanische Seltenheit: Sapria himalayana. Diese Pflanze, die als die «kleine Schwester» der viel grösseren, riesigen Rafflesi bezeichnet wird, stammt aus Südostasien, ist sehr selten und in vielen Ländern bedroht. In China galt sie lange Zeit als ausgestorben, bis 2015 zwei kleine Populationen wiederentdeckt wurden. «Sie ist die Königin der parasitischen Pflanzenarten», schwärmt Gregor Kozlowski. Ohne Stängel oder Blätter lebt sie vollständig im Inneren ihres Wirts, meist einer Liane. Dort bleibt sie völlig unsichtbar – ausser während der Blütezeit. Ihre roten Blüten, die einen Durchmesser von bis zu 20 cm erreichen können, verströmen einen intensiven Geruch nach verwesendem Fleisch: eine äusserst wirksame Strategie, um bestäubende Insekten anzulocken.
