Proseminar: Die Kunst des Gedächtnisses: Proust, Zweig, Nabokov, Kundera, Stepanova (ars, pmc)
UE-L01.02890

Dozenten-innen: Flack Patrick
Kursus: Bachelor
Art der Unterrichtseinheit: Proseminar
ECTS: 3
Sprache-n: Deutsch
Semester: FS-2027

Die griechische Mythologie liefert in Hesiods Theogonie eines der stärksten Bilder des Gedächtnisses: Mnemosyne, eine Titanin, Tochter von Himmel und Erde, Schwester des Kronos (Zeit) und der Themis (Gesetz), Mutter der neun Musen. Als Titanin gehört Mnemosyne also der ältesten, kosmogonischen Schicht an — das Gedächtnis ist hier nicht eine seelische Fähigkeit, die innerhalb einer schon gegebenen Zeit arbeitet, sondern eine Macht, die mit der Zeit selbst gleichursprünglich ist. Darum gründet Mnemosyne ein Doppeltes: das Dichterische der Erinnerung — dass Vergangenes überhaupt erzählbar wird — und ihr Historisches — dass es eine Vergangenheit gibt, die Anspruch erhebt und der Rede zugänglich ist. Vor jeder Trennung von treuem Bewahren und schöpferischem Erfinden, von Zeugnis und Erdichtung, benennt sie deren gemeinsamen Ursprung.

Von dieser Figur ausgehend liest das Proseminar fünf Werke der Moderne als ebenso viele Erprobungen ihrer Doppelnatur. Bei Proust kehrt die Vergangenheit unwillkürlich im sinnlichen Detail wieder: das Ich als Archiv, das sich selbst erst im Erinnern hervorbringt. Nabokov (Erinnerung, sprich) verwandelt diese Wiederkehr in eine bewusste Kunst der Selbstvergegenwärtigung — Erinnerung als ästhetische Komposition gegen die Zeit. Mit Zweig (Die Welt von Gestern) verschiebt sich der Einsatz vom Privaten ins Kollektive: erinnert wird eine versunkene Welt, deren Untergang die Erinnerung zur Zeugenschaft macht. Kundera macht diese Spannung explizit politisch — Erinnern als Widerstand gegen das organisierte Vergessen. Stepanova schließlich (Nach dem Gedächtnis) legt beide Register ineinander: Familienarchiv und Jahrhundertkatastrophe, das Unvermögen, die Toten zu erzählen, ohne sie zu erfinden. Die leitende Frage kehrt dabei stets zu ihrem mythischen Grund zurück: Ist das Gedächtnis ein Vermögen, das eine wirkliche Vergangenheit bewahrt, oder ein Verfahren, das sie allererst hervorbringt — und lässt sich überhaupt erinnern, ohne zugleich zu dichten?