Eine Doktorarbeit zu schreiben, bedeutet oft, jahrelang allein an einem Thema zu arbeiten. Das Graduiertenkolleg ProMoRen der Universität Freiburg will das ändern. Hier treffen sich Nachwuchsforschende aus unterschiedlichen Disziplinen, tauschen Ideen aus und lernen voneinander. Warum das weit mehr bringt als neue wissenschaftliche Erkenntnisse, erzählen Geschichtsprofessor Vitus Huber und die Doktorandin Klara Bourban.
Wer promoviert, kennt die Situation: Man beschäftigt sich intensiv mit einem Forschungsgegenstand, taucht immer tiefer in die Materie ein und wird nach und nach zur Fachperson für ein Thema, über das ausserhalb des eigenen Spezialgebiets kaum jemand Bescheid weiss. Wissenschaftliche Forschung kann deshalb auch eine einsame Angelegenheit sein.
Genau hier setzt ProMoRen an. Das Graduiertenkolleg des Freiburger Instituts für die Erforschung der Renaissance und der Frühen Neuzeit (IFR) bringt Doktorierende zusammen, die sich mit der Zeit zwischen ungefähr 1450 und 1800 beschäftigen. Der Name ist Programm: «Pro» steht für Promotion, «Mo» für die Moderne beziehungsweise die Frühe Neuzeit und «Ren» für Renaissance.
Am IFR sind 13 Departemente der Philosophischen und der Theologischen Fakultät beteiligt. Entsprechend vielfältig sind die Forschungsgebiete der Doktorierenden. Was sie verbindet, ist das Interesse an einer Epoche, die Europa und die Welt nachhaltig geprägt hat.
Rosinen picken
Anders als bei manchen anderen Doktoratsprogrammen müssen die Teilnehmenden bei ProMoRen weder obligatorische Kurse besuchen noch ECTS-Punkte sammeln. Stattdessen können sie aus verschiedenen Angeboten auswählen: wissenschaftliche Workshops, Studientage, Exkursionen oder Weiterbildungen, beispielsweise zum wissenschaftlichen Schreiben.
«Das Programm gestaltet sich bedarfsorientiert», erklärt Vitus Huber, Geschichtsprofessor und Direktor des Graduiertenkollegs. Doktorierende können sich zu Beginn ihrer Promotion anmelden und bis zum Abschluss ihrer Dissertation dabeibleiben. Besonders wichtig ist dabei der Austausch über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus. Wer sich beispielsweise mit französischer Literatur des 17. Jahrhunderts beschäftigt, begegnet Forschenden, die ganz andere Fragestellungen und Methoden mitbringen. Gerade darin liegt ein grosser Mehrwert.
Denn interdisziplinäre Forschung bedeutet nicht bloss, etwas über andere Fachgebiete zu erfahren. Sie zwingt auch dazu, die eigene Arbeit aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Wie erklärt man ein komplexes Forschungsprojekt jemandem, der nicht vom Fach ist? Welche Fragen stellen Menschen, die mit anderen Methoden arbeiten? Und welche vermeintlichen Selbstverständlichkeiten werden plötzlich hinterfragt?
Für Vitus Huber gehören deshalb drei Dinge zu den wichtigsten Vorteilen von ProMoRen: wissenschaftlicher Austausch, Vernetzung und Sichtbarkeit. Die Doktorierenden erhalten unter anderem ein eigenes Profil auf der Website des Instituts. Dadurch werden ihre Forschungsprojekte auch ausserhalb Freiburgs sichtbar. Daraus können neue Kontakte, Einladungen zu Tagungen oder weitere wissenschaftliche Kooperationen entstehen.
Auch die Mehrsprachigkeit spielt eine zentrale Rolle. Veranstaltungen finden auf Deutsch und Französisch statt, teilweise auch auf Englisch oder Italienisch. Damit wird die sprachliche Vielfalt der Universität Freiburg bewusst in den wissenschaftlichen Alltag integriert.
Wie behauptet sich eine Schriftstellerin im 17. Jahrhundert?
Eine der Doktorierenden, die von ProMoRen profitieren, ist Klara Bourban. Sie forscht unter der Betreuung von Claude Bourqui, dem Direktor des IFR, zur französischen Schriftstellerin Madeleine de Scudéry (1607–1701). Dabei interessiert sie sich insbesondere für die Frage, wie sich eine Frau im literarischen Feld des 17. Jahrhunderts positionieren konnte. Welche Strategien verfolgte Scudéry, um ihre Texte zu veröffentlichen? Welche Rolle spielten literarische Zeitschriften wie der Mercure galant oder Sammelbände? Und wie wurde die Schriftstellerin von ihren Zeitgenoss_innen wahrgenommen und in deren eigenen Werken erwähnt?
Klara steht noch am Anfang ihrer Dissertation. Umso wertvoller findet sie die Möglichkeit, ihre Überlegungen mit anderen Forschenden zu diskutieren. Ein besonderes Angebot von ProMoRen hat sie überzeugt: Doktorierende können externe Fachpersonen einladen, die sich intensiv mit ihren Forschungsprojekten auseinandersetzen. Neben dem Austausch in der Gruppe gibt es auch Gelegenheit für ein persönliches Gespräch mit der eingeladenen Fachperson.
Für Nachwuchsforschende ist das eine aussergewöhnliche Möglichkeit, wissenschaftliches Feedback zu erhalten und gleichzeitig Kontakte über die eigene Universität hinaus zu knüpfen. Klara schätzt aber auch die Begegnungen mit Forschenden, deren Themen zunächst wenig mit ihrer eigenen Dissertation zu tun haben. Selbst wenn sie über einen Forschungsgegenstand kaum etwas weiss, findet sie den Austausch bereichernd. Schliesslich könne man nicht nur von den Ergebnissen anderer lernen, sondern auch davon, wie diese ihre Forschung betreiben.
Forschung bedeutet auch organisieren
ProMoRen bietet den Doktorierenden die Möglichkeit, selbst Veranstaltungen mitzugestalten. Klara organisierte im Frühling gemeinsam mit einer weiteren Doktorandin einen wissenschaftlichen Studientag. Dabei lernte sie ganz praktische Dinge: Wie plant man eine wissenschaftliche Veranstaltung? Wie lädt man Referent_innen ein? Wie stellt man ein Programm zusammen und verteilt Aufgaben? Solche organisatorischen Kompetenzen gehören zum wissenschaftlichen Berufsalltag, werden während einer Promotion aber nicht unbedingt systematisch vermittelt.
Natürlich bedeutet die Organisation einer Veranstaltung zusätzliche Arbeit. Klara räumt ein, dass sie eine solche Aufgabe wohl nicht jedes Semester übernehmen könnte. Dennoch sieht sie darin eine wertvolle Investition. Wenn sie später selbst eine Tagung oder auch ein Event ausserhalb der Uni organisieren müsse, könne sie bereits auf erste Erfahrungen zurückgreifen.
Gegenseitige Unterstützung
Mindestens ebenso wichtig wie die fachliche Weiterbildung ist für Klara die soziale Seite des Graduiertenkollegs. Doktorierende arbeiten häufig in unterschiedlichen Gebäuden, gehören verschiedenen Departementen an und begegnen sich im Universitätsalltag nur selten. Dabei stehen viele vor ähnlichen Herausforderungen: Wie geht man mit Schwierigkeiten während der Dissertation um? Wie organisiert man die eigene Arbeit? Und an wen kann man sich wenden, wenn man nicht weiterweiss?
«On est relativement solitaire», sagt Klara über den Alltag vieler Doktorierender. Man sei oft ziemlich allein. Bei ProMoRen trifft sie Menschen, die ihre Erfahrungen nachvollziehen können. Zwar unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen je nachdem, ob jemand beispielsweise über ein Forschungsprojekt finanziert wird oder als Assistenz arbeitet. Doch viele Herausforderungen sind vergleichbar. Manchmal reicht bereits ein Gespräch mit einer Person, die in ihrer Dissertation etwas weiter fortgeschritten ist. Sie kann von eigenen Erfahrungen berichten, praktische Ratschläge geben oder einfach zeigen, dass bestimmte Schwierigkeiten zum Forschungsprozess dazugehören.
Klara wünscht sich deshalb, dass aus den Begegnungen langfristige Kontakte und gegenseitige Unterstützung entstehen. Bei einem geplanten Studientag sollen auch Postdocs ihre Erfahrungen weitergeben, etwa zur Schlussphase einer Dissertation oder zur Vorbereitung der Verteidigung.
Ein Netzwerk, das über die Dissertation hinausreicht
Ob Klara nach ihrer Promotion in der Wissenschaft bleiben wird, ist noch offen. Im Moment kann sie sich eine Laufbahn in der Forschung gut vorstellen. Die Erfahrungen bei ProMoRen helfen ihr aber bereits jetzt, unabhängig davon, wohin ihr beruflicher Weg später führt. Denn das Graduiertenkolleg vermittelt nicht nur Fachwissen. Es schafft Raum für Begegnungen, fördert die Fähigkeit, komplexe Forschung verständlich zu vermitteln, und ermöglicht den Austausch mit Menschen, die andere Perspektiven einbringen.
Gerade in einer Wissenschaftswelt, in der Spezialisierung immer wichtiger wird, erinnert ProMoRen daran, dass neue Erkenntnisse häufig dort entstehen, wo unterschiedliche Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen. Und dass eine Dissertation zwar eine eigenständige wissenschaftliche Leistung ist, aber niemand sie völlig allein bewältigen muss.
- Infos zum Graduiertenkolleg ProMoRen und Agenda
- Freiburger Institut für die Erforschung der Renaissance und der Frühen Neuzeit
ProMoRen: Mitmachen und vernetzen
Das Graduiertenkolleg ProMoRen richtet sich in erster Linie an Doktorierende der 13 am IFR beteiligten Departemente der Universität Freiburg. Auch interessierte Promovierende aus anderen Departementen oder Universitäten können unter bestimmten Voraussetzungen teilnehmen.
Das Programm umfasst unter anderem wissenschaftliche Workshops, Exkursionen, Weiterbildungen und Möglichkeiten zur internationalen Vernetzung. Die Teilnahme ist flexibel und orientiert sich an den Bedürfnissen der Doktorierenden.
Anmeldung: Interessierte können sich mit Angaben zu ihrer Person, ihrer Disziplin, der Betreuungsperson und ihrem Forschungsprojekt sowie einem Porträtfoto und einer Immatrikulationsbestätigung an renaissance@unifr.ch wenden. Der nächste, 4. Studientag findet am 26. November 2026 statt.
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