Mit juristischen Argumenten gegen die Weltelite

Mit juristischen Argumenten gegen die Weltelite

75 Millionen US-Dollar, ein umstrittenes Tiefseefahrzeug und eine KI, die möglicherweise einen fremden Code gestohlen hat: Der Fall, mit dem sich das Vis Moot Team der Universität Freiburg beschäftigt, hat es in sich. Beim internationalen Wettbewerb in Wien und Hongkong müssen sich die Jus-Studierenden gegen Teams aus aller Welt behaupten, und dabei beide Seiten des Rechtsstreits überzeugend vertreten. Studentin Sophia Tinguely erzählt von den Herausforderungen, dem Erfolgsdruck und der Kunst, auch unter Druck überzeugend zu argumentieren.

Was hat dich dazu bewogen, dich für das Vis Moot Team zu bewerben? Und wie hast du reagiert, als du erfahren hast, dass du ausgewählt wurdest?
Die Teilnahme am Vis Moot ist eine tolle Chance, mich fachlich und persönlich herauszufordern und weiterzuentwickeln. Ich wollte bewusst etwas ausserhalb des klassischen Studiums machen und die Möglichkeit nutzen, juristische Fragestellungen einmal auf eine praktischere Weise anzugehen. Da mich eine spätere Karriere im internationalen Recht besonders interessiert, hat mich auch der internationale Charakter des Wettbewerbs sehr angesprochen. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich für den Vis Moot und gegen andere Moot Courts entschieden habe.

Als ich erfahren habe, dass ich ausgewählt wurde, war ich zunächst überrascht, habe mich aber natürlich riesig gefreut. Ich freue mich sehr auf die Herausforderung und darauf, gemeinsam mit dem Team möglichst viel aus dieser Erfahrung mitzunehmen.

Der Vis Moot wird manchmal als «Olympische Spiele der Jus-Studierenden» bezeichnet. Was bedeutet es für dich, die Universität Freiburg bei diesem Wettbewerb zu vertreten?
Es ist für mich eine grosse Ehre, die Universität Freiburg in Wien und Hongkong sowie bei den zahlreichen Vorbereitungsturnieren, den sogenannten Pre-Moots, vertreten zu dürfen. Angesichts der tollen Ergebnisse, die das Team der Uni Freiburg in den vergangenen Jahren erzielt hat, ist natürlich auch ein gewisser Druck da. 😉

Aber Erfolg ist nicht das Einzige, was zählt. Insofern finde ich den Vergleich mit den «Olympischen Spielen der Jus-Studierenden» sehr passend: Dabei sein ist alles. Man setzt sich während Monaten intensiv mit einem komplexen Fall auseinander, lernt teilweise völlig neue Rechtsgebiete kennen, entwickelt seine Fähigkeiten weiter und lernt viele spannende Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennen. Auch unabhängig vom Ergebnis ist der Vis Moot deshalb eine bereichernde Erfahrung.

Worauf freust du dich besonders? Und wovor hast du vielleicht auch etwas Respekt?
Ich freue mich besonders auf die mündliche Phase, die von Ende Januar bis Ende März stattfindet. Dann können wir die Argumente, an denen wir monatelang gearbeitet haben, endlich vor einem Schiedsgericht präsentieren und direkt auf die Fragen der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter reagieren.

Gleichzeitig habe ich davor auch etwas Respekt. Man muss nicht nur juristisch überzeugend argumentieren, sondern auch spontan auf kritische Fragen eingehen, unter Druck einen klaren Kopf bewahren und seine Argumentation gegebenenfalls anpassen können. Gerade diese Kombination macht die mündliche Phase für mich aber auch besonders spannend.

Ihr beschäftigt euch während mehrerer Monate intensiv mit einem einzigen Rechtsstreit. Kannst du mir erklären, worum es in eurem Fall geht und was daran besonders knifflig ist?
In unserem Fall – das «case file» umfasst ca. 60 detailreiche Seiten – geht es grob zusammengefasst um einen Handelsstreit zwischen Blue Ocean Services und Nautilus Engineering. Im Zentrum steht der Kauf eines hochmodernen Tiefsee-Erntefahrzeugs namens «Nautilus II», das zur Gewinnung von Manganknollen eingesetzt werden soll. Dazu kommen komplexe Fragen rund um künstliche Intelligenz, einen möglichen Datenbank-Hack und geistiges Eigentum.

Blue Ocean schloss mit Nautilus Engineering einen Kaufvertrag über das Fahrzeug im Wert von 75 Millionen US-Dollar und leistete eine Anzahlung. Nautilus verwendete dieses Geld jedoch, um ein anderes Fahrzeug, die «Nautilus III», für einen weiteren Kunden zu bauen. Dieser Kunde wurde später insolvent. Gleichzeitig geriet das Projekt durch einen weiteren Vorfall unter Druck: Die im Fahrzeug integrierte KI soll versucht haben, sich Zugang zur Datenbank des Marktführers Benthic Data zu verschaffen und deren Code verwendet haben.

Die juristischen Herausforderungen lassen sich grob in verfahrensrechtliche und materiell-rechtliche Fragen unterteilen:

  • Verfahrensrechtlich müssen wir unter anderem klären, ob das Schiedsgericht überhaupt zuständig ist. Im ursprünglichen Kaufvertrag gibt es eine Schiedsklausel, im späteren Settlement Agreement hingegen nicht ausdrücklich. Deshalb stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang die Schiedsklausel auch für die Streitigkeiten aus der späteren Vereinbarung gilt.
  • Materiell-rechtlich geht es unter anderem darum, ob Daten und Software als Waren im Sinne des UN-Kaufrechts (CISG) gelten und welche Folgen sich daraus für dessen Anwendbarkeit ergeben. Ausserdem steht eine mögliche Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums durch Nautilus im Raum. Dabei müssen wir untersuchen, ob solche Rechte Dritter die vertraglichen Ansprüche von Blue Ocean beeinflussen – insbesondere den Anspruch, ein Produkt zu erhalten, dessen vertragsgemässe Nutzung nicht durch Rechte Dritter beeinträchtigt wird.

Beim Vis Moot müsst ihr sowohl die Kläger_innen- als auch die Beklagtenseite vertreten. Wie schwierig ist es, überzeugend für eine Position zu argumentieren, die man persönlich vielleicht gar nicht teilt?
Momentan schreiben wir gerade aus Sicht des Klägers und konzentrieren uns 100% auf diese Seite. Sobald wir aber das erste Memo abgegeben haben, werden wir einen 180° Switch machen müssen und uns 100% in die Rolle des Beklagten versetzen.

Das Herausfordernde und Spannende ist es, dass es für beide Seiten viele Argumente gibt und alles eine Frage der Auslegung ist. Der Fall ist extra so konstruiert, dass alles nuanciert ist und es nicht DIE Lösung gibt. Besonders herausfordernd wird es in der mündlichen Phase, wo wir teilweise innerhalb eines Tages die Seite wechseln müssen.

Sophia Tinguely (rechts) und ihr Vis Moot Team. Bilder: © Anika Makarić Pavlović

Wie sieht deine Vorbereitung aus? Hat dein Team so etwas wie eine Routine? Und wie gut ist diese Phase mit deinem Studium vereinbar?
Während der schriftlichen Phase investieren wir viel Zeit in die Recherche und das Verfassen unserer Memoranden. Jedes Teammitglied erhält ein Teilproblem, das es eigenständig recherchiert und juristisch aufarbeitet. Jeden Sonntag schicken wir unserem Coach Véra Bykova  einen Entwurf, den wir anhand ihres Feedbacks Woche für Woche verbessern und ergänzen. Zusätzlich treffen wir uns jeden Donnerstag zu einem gemeinsamen Zoom-Meeting, in dem wir den Fall aus verschiedenen Perspektiven diskutieren und unsere Argumentation weiterentwickeln.

In der mündlichen Phase wird unser Alltag nochmals abwechslungsreicher: Wir werden viel unterwegs sein, sei es bei Pre-Moots in Anwaltskanzleien und im Ausland oder bei den eigentlichen Wettbewerben in Wien und Hongkong. Diese Zeit wird sicher intensiv, aber auch unglaublich spannend.

Der Vis Moot und das Studium lassen sich meiner Meinung nach gut vereinbaren, solange man organisiert ist und eine funktionierende Routine entwickelt. Natürlich bedeutet die Teilnahme einen beträchtlichen zusätzlichen Zeitaufwand, und man muss seine Prioritäten gut setzen. Gleichzeitig lernt man gerade dadurch, effizienter zu arbeiten und seine Zeit besser einzuteilen.

Was macht für dich ein gutes Team aus, gerade wenn ihr unter Zeitdruck gemeinsam komplexe juristische Argumentationen entwickeln müsst?
Für mich zeichnet sich ein gutes Team dadurch aus, dass sich die Mitglieder gegenseitig ergänzen, einander zuhören und alle in den Arbeitsprozess einbeziehen. Gerade beim Vis Moot ist es wichtig, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und gemeinsam an der bestmöglichen Argumentation zu arbeiten.

Das ist auch deshalb entscheidend, weil wir in der mündlichen Phase letztlich alle den gesamten Fall verstehen und Fragen zu sämtlichen Rechtsproblemen beantworten können müssen. Dafür braucht es einen offenen Austausch, gegenseitige Unterstützung und das Vertrauen, auch kritische Fragen stellen oder unterschiedliche Meinungen vertreten zu können.

Was glaubst du, wirst du beim Vis Moot lernen, das dir ein gewöhnliches Jus-Seminar nicht vermitteln könnte?
Da wir mit Véra Bykova einen hervorragenden Coach haben, von der wir jede Woche Feedback bekommen, werde ich von ihr sehr viel lernen können, gerade was die schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit – das Plädieren – anbelangt.

Ausserdem ist der Vis Moot trotz des fiktiven Sachverhalts sehr praxisnah. Wir setzen uns mit einem Fall auseinander, der wie ein echter internationaler Handelsstreit aufgebaut ist, recherchieren das anwendbare Recht, verfassen Schriftsätze und simulieren ein Verfahren vor einem Schiedsgericht. Dabei lernt man nicht nur juristische Inhalte, sondern auch, unter Zeitdruck zu arbeiten, auf kritische Fragen zu reagieren und komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen.

Ich denke, genau diese Verbindung aus juristischer Vertiefung, praktischer Anwendung und internationalem Austausch macht den Vis Moot besonders und unterscheidet ihn von einem gewöhnlichen Jus-Seminar.

Author

Lovis Noah Cassaris ist Wissenschaftler’in (Dr. in Deutscher Sprachwissenschaft), Schriftsteller’in und nach einem CAS am MAZ auch als freie’r Wissenschaftsjournalist’in tätig. Seit 2018 arbeitet Lovis in der Redaktion von Unicom Kommunikation & Medien der Universität Freiburg.

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