Die Psychologin Anna Wick wird für ihre Dissertation mit dem Vigener-Preis ausgezeichnet. Sie befasst sich darin damit, wie wir den Schlaf mit Gedanken und Erwartungen beeinflussen können.
Jede dritte Person in der Schweiz schläft schlecht. Das hat kürzlich eine Studie des Bundesamts für Statistik gezeigt. «In unserer Leistungsgesellschaft kommt der Schlaf oft zu kurz», sagt Anna Wick. Sie ist Postdoktorandin und Lehrbeauftragte am Departement für Psychologie und setzt sich schon seit Jahren mit dem Thema auseinander. «Ich finde es so spannend, weil man von aussen meinen könnte, Schlaf sei ein passiver Zustand. Dabei ist das keineswegs der Fall. Es ist ein essenzieller Zustand», sagt Wick. «Wir wissen schon einiges, aber noch lange nicht genug darüber, was für wichtige Prozesse im Schlaf vor sich gehen.»
Kann uns Musik helfen?
Anna Wick hat ihren Teil dazu beigetragen, dass wir wieder ein bisschen mehr wissen über diesen immer noch geheimnisvollen Zustand: mit ihrer Dissertation The power of reactivations of memory cues, concepts of pre-sleep appraisels, and emotions during sleep. Für diese Doktorarbeit wird ihr am Dies Academicus im November der Vigener-Preis überreicht werden.
Wick hat darin versucht, drei Forschungslücken zu schliessen. In einer davon ging es um den First-Night-Effekt. Das Phänomen, das besagt, dass Menschen in der ersten Nacht an einem neuen Ort weniger gut schlafen. Die Schlafarchitektur ist schlechter, sie brauchen länger zum Einschlafen und wachen weniger erholt auf. «Wir haben uns gefragt: Ist es nur die Umgebung, die stört, oder spielt auch die Situation eine Rolle?» Also haben Wick und ihr Team nicht nur Proband_innen im Schlaflabor überwacht übernachten lassen, sondern auch zu Hause. Das Resultat: Auch wenn Proband_innen zu Hause in gewohnter Umgebung waren, schliefen sie in der ersten Nacht schlecht. Wenn auch nicht ganz so schlecht wie im Labor. «Die Erkenntnis hilft, beim First-Night-Effekt besser zu differenzieren. Nicht nur die Umgebung, sondern auch situative Einflüsse spielen eine Rolle. In diesem Fall könnte es das Gefühl sein, beobachtet zu werden. Oder auch der Druck, als Proband_in in einer Schlafstudie möglichst schnell einschlafen zu wollen.»
In einem zweiten Punkt ging es in der Arbeit um den Prozess der Gedächtnisbildung. Es ist einer der vielen Prozesse, an denen der Schlaf beteiligt ist. «In der Wissenschaft ist die Frage unbeantwortet, welche Schlafstadien alle einen Einfluss auf die Gedächtnisbildung haben.» Auf der Signifikanzebene hat Wick keine Ergebnisse gefunden. Möglich, dass der Test nicht funktioniert hat. Möglich aber auch, dass das Tiefschlafstadium nicht das essenzielle Stadium für Gedächtnisprozesse ist, für das es oft gehalten wird. «Ein paar Monate nach unserer Studie wurden in einer anderen Studie ebenfalls keine Unterschiede gefunden. Die Thematik gilt es noch weiter zu erforschen.»
Und schliesslich hat Anna Wick in ihrer Arbeit auch noch mit Musik experimentiert. «Wir wissen, dass man den Gedächtnisinhalt mit externer Stimulation verbessern kann. Also haben wir uns gefragt: Können auch emotionale Zustände reaktiviert werden?» Und da kommt die Musik ins Spiel. «Sie ist ein starkes Mittel, um einen emotionalen Zustand zu aktivieren. Und musikalische Akkorde sind das kleinste Element der Musik, das emotionale Informationen enthält.» Also hat Wick Proband_innen während des Schlafs Dur-, Moll- und dissonante Akkorde vorgespielt und geschaut, ob das Gehirn die Unterschiede überhaupt wahrnimmt. «Wir haben tatsächlich Unterschiede gefunden. Und wir haben noch etwas anderes festgestellt: Musiker_innen konnten die Akkorde im Schlaf besser unterscheiden, sie reagierten sensibler darauf.» Es sind erste Hinweise darauf, dass die Akkorde unterschiedlich verarbeitet werden. «Das heisst aber noch lange nicht, dass sie bewusst wahrgenommen werden oder eine emotionale Reaktion damit einhergeht.» Es wird noch viele weitere Untersuchungen zu dem Thema brauchen. Und tatsächlich sind diese bereits im Gange. Professor Björn Rasch, mit dem Anna Wick eng zusammenarbeitet, hat vom Schweizerischen Nationalfonds einen bedeutenden Forschungsgrant erhalten. Projekttitel: Processing of musical harmony and sounds during sleep and their effectiveness to improve sleep quality.
Die «Memories of Sleep»-Hypothese
Die Themen in Wicks preisgekrönter Arbeit gehen in verschiedene Richtungen. Sie haben aber etwas gemeinsam: Sie hängen alle mit der «Memories of Sleep»-Hypothese zusammen. Diese geht davon aus, dass nicht nur die Gedächtnisinhalte spontan reaktiviert werden, sondern auch die übergeordneten mentalen Konzepte. «Beim First-Night-Effekt wäre das beispielsweise das Konzept Sicherheit. Oder eben Unsicherheit.» Denn früher half es den Menschen beim Überleben, wenn in ungewohnter Umgebung nicht tief geschlafen wurde. Das ist tief in uns verankert. «Deshalb kann es in der ersten Nacht in einem Hotel sinnvoll sein, das Gefühl der Sicherheit zu aktivieren. Etwa indem man zum Beispiel möglichst viele Routinen von zu Hause aufs Hotel zu übertragen versucht», sagt Wick.
Und sie fügt an: «Das mentale Konzept, das aktiviert ist, hört nicht einfach mit Schlafbeginn auf, sondern beeinflusst den Schlaf weiter.» Arbeitet man etwa am Abend im Bereitschaftsdienst, wird das Konzept Wachsamkeit aktiviert. Oder setzt man sich unter Druck, unbedingt gut schlafen zu müssen, weil man am nächsten Tag eine wichtige Prüfung hat, wird das Konzept Stress aktiviert. Nach der «Memories of Sleep»-Hypothese bleiben diese Konzepte in der Nacht aktiviert oder werden womöglich reaktiviert und beeinflussen den Schlaf in seiner Physiologie und Erholsamkeit. Wir nehmen ihn in diesem Fall als gestörter wahr, weniger erholsam, wir wachen mehr und schneller auf. «Es sei denn, wir aktivieren das Konzept von Entspannung.» Am Abend vor dem Einschlafen. Oder zur Reaktivierung in der Nacht. Daher die Idee mit der Musik.
Ein Tool, um den Schlaf aktiv zu beeinflussen
Ein übergeordnetes Ziel der Schlafforschung lautet, die Zahl der Menschen zu senken, die schlecht schlafen. Verfestigt sich die «Memories of Sleep»-Hypothese, könnte sie dabei eine wichtige Rolle einnehmen. «Sie wäre ein neuer Hebel, um den Schlaf zu verbessern. Ein Tool, um ihn aktiv zu beeinflussen, indem entspannende Konzepte vor dem Schlaf aktiviert und während des Schlafs reaktiviert werden können.» Den Schlaf positiv beeinflussen – und am nächsten Tag davon profitieren, dass man gut geschlafen hat. Eine Aufwärtsspirale. Ein positives Mindset ist nicht nur am Tag wichtig, sondern auch in der Nacht.
- Profil von Anna Wick
- Departement für Psychologie
- Schlaflabor
- Website von Wissenschaft zum Zvieri
Kinderuni «Eine Reise in die Welt des Schlafes»
Jeder Mensch und sogar jedes Tier muss schlafen. Abends, wenn es dunkel wird, werden wir müde. Doch warum ist das so? Die nächste Ausgabe von «Wissenschaft zum Zvieri» behandelt das Thema Schlaf. Kinder zwischen 8 und 12 Jahren entdecken, warum Schlaf viel mehr ist als nur Erholung mit geschlossenen Augen, und was das Sonnenlicht am Tag mit unserem Schlaf in der Nacht zu tun hat.
Mittwoch, 11. November 2026, 13.45 – 15.45 Uhr
Universität Freiburg / Pérolles, Gebäude PER 21, Auditorium A120
- Ein positives Mindset bis in den Schlaf - 06.10.2026
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