Zeitgenössische Kunst tritt in den Dialog mit jahrtausendealten Objekten. Das ist die Idee hinter der aktuellen Ausstellung im Bibel+Orient Museum. Das Spezielle: Kuratiert wurde sie von Studierenden in einem Seminar.
Im Bibel+Orient Museum liegt derzeit der Abguss einer Computer-Festplatte neben einer Thora, Kamel-Figuren und Skarabäen stehen vor üppig gemalten Freiburger Landschaften. Grund dafür ist die Ausstellung «Histoires croisées», in der zeitgenössische Künstler_innen mit der Sammlung des Museums in den Dialog treten. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial: Sechs junge Künstler_innen aus der Schweiz wurden dazu eingeladen, sich – in Zusammenarbeit mit Studierenden – die Dauerausstellung «Von Göttern zu Gott» anzuschauen und eigene Interventionen zu entwickeln.
«Die Idee war eine transkulturelle Kuration, eine Ausstellung, in der Kulturen und Zeiten miteinander in Interaktion treten», sagt Julia Gelshorn. Die ordentliche Professorin am Departement für Kunstgeschichte und Archäologie ist eine der Initiant_innen von «Histoires croisées». Man habe schnell gemerkt, dass bereits die Sammlungsausstellung eine transkulturelle sei. Eine, in der hybride archäologische Objekte davon zeugen, wie verschiedene Kulturen ineinander übergehen, aufeinander reagieren. «Kunst ist eine Form der Reflexion, die es ermöglicht, diesen Objekten noch einmal eine weitere Schicht hinzuzufügen – das war für die Künstler_innen extrem spannend.»
Sechs heterogene Künstler_innen
Herausgekommen ist ein kurzweiliger Rundgang, der mal zum Nachdenken, mal aber auch zum Schmunzeln anregt. Felix Stöckle etwa, bekannt für seine ironischen Interventionen, hat in seinem Werk DSS (Dog Soul Stone) einen Seelenstein zu Ehren seines Hundes produziert. In knalligem Gelb steht er neben ägyptischen Grabreliefs und verweist auf Skarabäen, die die Seele eines Menschen verkörpern sollen.
Maël Dupraz Nayak, der Künstler mit der Computer-Festplatte, setzt sich in seinem Werk Is Enslaved God the Only Good Future mit Zukunftsszenarien auseinander, basierend auf einem Buch des Kosmologen Max Tegmark. «Es geht darum, wie Künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft umformt. Und bei den Werken konkret auch um die Frage, welche Relikte dereinst von uns übrigbleiben – und ob wir für zukünftige Generationen lesbar und verständlich bleiben», erklärt Julia Gelshorn.
Kritisch mit der Konzeption von Orient setzt sich Dilan Kilic auseinander. Mit ihrer weissen Pseudopflanze aus Kunststoff, die sich im Werk Orientalismus venere über verschiedene Ausstellungsobjekte ausbreitet, interessiert sie sich für die Frage, inwiefern der Import exotischer Pflanzen Teil des Kolonialismus und Orientalismus war. Auch in ihren beiden anderen Werken hinterfragt sie ganz direkt unsere westliche Konstruktion des Orients, eine Konstruktion, die nicht zuletzt auch das Bibel+Orient Museum selbst prägt.
Grégory Sugnaux wirft ebenfalls Fragen auf, indem er die exotischen Objekte unter dem Titel Environs vor seine Freiburger Landschaften stellt. Er interessiert sich grundsätzlich für das Zusammentreffen und für den Ort von Bildern der Hoch- und Populärkultur in unserer massenmedialen Gesellschaft. «Die archäologischen Objekte sind ohnehin schon dekontextualisiert. Die absurden Kulissen von Freiburger Landschaften werfen aber noch einmal ganz andere Fragen nach ihrer und unserer Verortung auf», sagt Gelshorn. Es ist ein gutes Beispiel für den Dialog zwischen den Objekten, der Kunst und den Besuchenden, den die Ausstellung anregen will.
Ein persönlich angehauchtes Werk hat Virginie Rebetez mit Jeu d’osselets? geschaffen. «Sie interessiert sich für Abschiedsrituale und unterschiedliche Kulturen des Umgangs mit Verstorbenen und hat Abgüsse eines Knochens ihres verstorbenen Grossvaters in die Vitrine zu dem einbalsamierten Falken geschleust», sagt Gelshorn.
Komplettiert wird die Sammlung durch die spektakuläre Installation Shall be pleasing von Jacopo Belloni, die den mittelalterlichen Totengesängen gewidmet ist und knattert, leuchtet und einem sogar einen kleinen Stromschlag verpasst, wenn man sie anfasst.
© Stéphane Schmutz / STEMUTZ.COM
Praxisnaher Kraftakt im Seminar
Fast genauso interessant wie die Ausstellung ist der Prozess, wie «Histoires croisées» zustande kam. Sie wurde im Rahmen eines Seminars von Studierenden auf die Beine gestellt und begleitet. Die freie Kuratorin Madeleine Schuppli, die 2024 bereits ein Seminar an der Uni Freiburg geleitet hatte, sei mit der Frage auf sie zugekommen, ob es nicht einen Ort gebe, um in einem Seminar tatsächlich einmal eine Ausstellung zu realisieren, erzählt Julia Gelshorn. «Das Bibel+Orient Museum war sofort dabei und der Innovationsfonds der Fakultät unterstützte das Projekt.»
«Ein Kraftakt» sei es gewesen, innerhalb eines Seminars die Ausstellung auf die Beine zu stellen. Sie habe deshalb von Beginn weg klargemacht, dass von den Teilnehmenden während des Semesters überdurchschnittliches Engagement erwartet würde. «Einige mussten sich daraufhin tatsächlich gegen die Teilnahme entscheiden, sieben sind aber geblieben und haben aussergewöhnlichen Einsatz gezeigt.» Emilia Astorina, Ana Eichmann, Ludine Hofer, Zoé Lou Javet, Elisa Federica Käppeli, Théo Roux und Maria Chiara Zwahlen, allesamt Studierende des Masterstudiengangs Kunstgeschichte, erhielten so einen wertvollen Einblick in die Praxis. Gemeinsam mit Schuppli und Gelshorn wählten sie die Kunstschaffenden aus, entwickelten ein Ausstellungskonzept, begleiteten die Künstler_innen in ihrem Schaffensprozess, schrieben Texte zu den Werken, Reden für die Vernissage oder entwarfen Führungen für die Öffentlichkeit. «Gleichzeitig war es für die Studierenden spannend zu sehen, welche Diskussionen und Aushandlungsprozesse mit solchen Ausstellungen einhergehen.» Was kann man den Künstler_innen anbieten? Wer übernimmt Material- und Produktionskosten? Was, wenn eine künstlerische Idee sich aus konservatorischer Perspektive nicht umsetzen lässt? Wie findet man Kompromisse zwischen den Interessen der unterschiedlichen Akteure und den institutionellen Bedingungen? «Die Studierenden haben viel gelernt. So praxisnah unterrichten zu können, ist ein Glück», sagt Julia Gelshorn.
Das Resultat lässt sich sehen, findet auch Elodie Bauer, Leiterin Kommunikation und Kulturvermittlung beim Bibel+Orient Museum. Die ersten Rückmeldungen zur Sonderausstellung, die noch bis Ende Dezember läuft, seien positiv. «Die Leute sagen, die Thematik passe gut zur Dauerausstellung. Es sei kein zu starker Kontrast zum Rest des Museums, die Kunst sei auch visuell gut in die Ausstellung integriert. Und ganz grundsätzlich finden sie das Projekt mit den Studierenden sehr interessant.»
__________- Die Festplatte neben der Thora - 23.06.2026
- «Die Problematik geht weit über das Thema Sexarbeit hinaus - 03.02.2026
- «Medikale Räume sind nie unschuldig» - 24.06.2025




