Die Weiterbildung in Psychotherapie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene feiert ihren 30. Geburtstag. Die Nachfrage wird immer grösser – nach der Weiterbildung, aber auch nach Therapien, wie Professorin Simone Munsch im Interview sagt.
«MAS in Kognitiver Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene»: So heisst die Weiterbildung mit vollem Namen, die Anfang Oktober in Freiburg ihr 30-Jahr-Jubiläum mit einer feierlichen Veranstaltung markiert. Und sie bleibt in Bewegung: In Freiburg gegründet, übernahm die Universität Zürich eine Zeit lang den Lead über die vierjährige Weiterbildung. Nun übernimmt wieder Freiburg – und es kommen zwei weitere Universitäten dazu.
Leiterin Simone Munsch, Professorin am Departement für Psychologie an der Universität Freiburg, erklärt im Interview, warum es die Weiterbildung mehr denn je braucht, was sich in den 30 Jahren verändert hat und was sie sich von der Erweiterung der Kooperation um die Universitäten Bern und Luzern verspricht.
Simone Munsch, was versteht man unter kognitiver Verhaltenstherapie?
Die kognitive Verhaltenstherapie – auch KVT genannt – kombiniert zwei Therapieansätze: die kognitive Therapie und die Verhaltenstherapie. Entwickelt hat sie sich aus der Lernforschung heraus. Wichtig mit Blick auf unsere Weiterbildung: Die KVT ist die Verhaltenstherapie mit den meisten Wirksamkeitsbelegen – bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Entsprechend versuchen wir mit den Teilnehmenden an der Weiterbildung ein Erklärungsmodell zu bilden, das ihnen erlaubt, die Entwicklung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen im Kontext des jeweiligen Systems – sei das Familie, Schule oder Peers –, zu verstehen und zu behandeln. Wir setzen bei KVT-Interventionen also beim Kind an, aber eben auch bei den Eltern. Und vielleicht auch bei den Geschwistern, wenn es nötig ist. Das ist die Arbeitshaltung und Problemauffassung, die wir zu vermitteln versuchen. Wir trainieren die Leute darin, die verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen.
An wen richtet sich die Weiterbildung?
An alle Personen, die einen Master in Psychologie oder einen gleichwertigen Abschluss haben. Unabhängig davon, ob jemand letztes Jahr abgeschlossen hat oder vor zehn Jahren.
Warum braucht es die Weiterbildung auch 30 Jahre nach ihrer Gründung noch?
Ein Psychologiestudium ist keine berufsqualifizierende Ausbildung. Es sollen in der Psychologie ja nicht nur Personen ausgebildet werden, die Psychotherapeut_innen werden möchten. Entsprechend braucht es unbedingt postgraduale Weiterbildungen. Sonst ist kein Kontinuum gewährleistet. Im Psychologiestudium wird Studierenden die Basis vermittelt. Das wird in unserer Weiterbildung nicht wiederholt. Alle müssen wissen, welche psychischen Störungen bei wem vorkommen, wie man sie erkennt und wie sie sich bei Kindern äussern. Wir greifen dann diese Störungsbilder auf und trainieren wirklich. Hands-on! Wir zeigen auf, wie therapeutische Strategien implementiert werden. Gäbe es das nicht, drohten Feld-Wald-und-Wiesen-Psychotherapien. Das ist zum Glück seit dem 2013 eingeführten Psychologieberufegesetz nicht mehr möglich. Seither ist zementiert, dass es ein Kontinuum geben muss. Das wäre sonst, als würde man Ärztinnen und Ärzte nach dem Studium nicht zunächst Assistenzärztinnen und Assistenzärzte sein lassen. Ohne solche Weiterbildungen würden Leute mit rein theoretischem Wissen an Menschen mit psychischen Störungen herangelassen, die ganz konkrete Interventionen benötigen. Sie sind deshalb ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung.
Als die Weiterbildung vor 30 Jahren ins Leben gerufen wurde, war sie im ganzen deutschsprachigen Raum die einzige ihrer Art. Wie kam es dazu?
Es brauchte damals dringend psychotherapeutische Angebote, deren Wirksamkeit belegt war. Traditionell war das die kognitive Verhaltenstherapie. Noch dringender wurden Leute gebraucht, die sich bei Interventionen im Bereich Kinder und Jugendliche auskennen. Bis dahin gab es keine Weiterbildung, die sich mit dieser Altersgruppe auseinandersetzte. Gleichzeitig war es in der Wissenschaft schon lange verpönt, Ergebnisse aus der Erwachsenen-Psychopathologie zu transferieren und als Basis für den Umgang mit Jugendlichen und Kindern zu nehmen. Natürlich ist eine Depression auch im Kinder- und Jugendalter eine Depression – aber sie zeigt sich dem Alter und der Entwicklung entsprechend ganz anders und muss entsprechend anders angegangen werden. Weil es nichts in diese Richtung gab, war der Bedarf in der Schweiz riesig. Das hat meinen Vorgänger Meinrad Perrez zusammen mit dem heutigen Co-Direktor der Weiterbildung, Professor Guy Bodenmann von der Universität Zürich, 1996 dazu inspiriert, diese ins Leben zu rufen. Als ich dazukam, habe ich später noch den Bereich der jungen Erwachsenen im Alter von 18 und 24 Jahren eingebracht. Das sind Personen, die sonst zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen, weil sie nicht ausreichend gut aufgehoben sind in einer Erwachsenentherapie, die auch 70-Jährige behandelt.
30 Jahre sind eine lange Zeit. Was hat sich in dieser Zeit geändert – gerade auch, was den Blick auf die kognitive Verhaltenstherapie betrifft?
Ausgehend von der traditionellen KVT gibt es laufend neue Entwicklungen. Im Zuge der sogenannten dritten Welle geht es derzeit immer mehr um den Umgang mit Emotionen. Das, nachdem in der zweiten Welle realisiert worden war, dass nicht nur das Verhalten eine Rolle spielt, sondern auch die Gedanken. Wir integrieren die Entwicklungen immer in unsere Weiterbildung, sobald es Belege gibt. Denn unser Fokus liegt ganz klar auf evidenzbasierter Psychotherapie, stets nah an der Forschung.
Welche anderen Entwicklungen zeichnen sich ab?
Im Kinder- und Jugendbereich haben wir in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, dass man mit digitalen Interventionen ähnlich gute Resultate erzielt wie mit physischen Treffen. Diese Erkenntnis ist ein grosses Plus. Zum Teil ist es schwierig, alle Betroffenen an einem Ort zusammenzubringen, zum Beispiel wenn beide Eltern arbeitstätig sind. Psychotherapie funktioniert für die meisten psychischen Störungen also auch, wenn man sich nicht jedes Mal sieht, sondern sich auch einmal via Bildschirm austauscht. Ein weiterer Trend ist die Feststellung, dass längere Psychotherapien nicht immer besser sind. Die Tendenz geht teils sogar hin zu One-Session-Treatments. Natürlich reicht längst nicht für alle psychischen Störungen eine einzige Sitzung aus, aber zum Beispiel bei Angststörungen ist es eine effiziente Methode, um rasch zu intervenieren – und den Verlauf damit rechtzeitig so zu beeinflussen, dass es anschliessend keine weitere Therapie mehr braucht. Diese eine Sitzung kann dafür auch einmal fünf Stunden dauern. Ein Beispiel dafür sind Expositionstrainings bei sozialer Angst oder bei einer Hundephobie. Angststörungen übernehmen eine Schrittmacherrolle für andere psychische Störungen. Werden sie nicht behandelt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere psychische Störungen entstehen. Kinder kommen allerdings in der Regel nicht gerne in Psychotherapie. Wenn man aber sagen kann: «Du kommst einmal an einem Nachmittag vorbei und dann regeln wir das mit deiner Angst vor Hunden», kann das den Zugang erleichtern und entsprechend sehr effektiv sein.
Wie hat sich die Nachfrage nach der Weiterbildung in den 30 Jahren entwickelt?
Was auffällt: Im Zuge des Booms der Psychologie hat die Nachfrage in den letzten Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Entsprechend haben wir begonnen, den Kurs jedes Jahr zu starten. Zuvor war das nur alle zwei Jahre der Fall gewesen. Nun haben wir für nächstes Jahr schon wieder eine Warteliste. Das Kontingent ist geregelt, wir können bloss 25 Personen pro Kurs ausbilden.
Fehlt es in der Praxis denn nicht an Leuten?
Eine pauschale Aussage ist schwierig zu machen. In gewissen Ballungszentren gibt es teilweise sogar einen Überschuss an Psychotherapeut_innen. Gerade im Kinder- und Jugendbereich gibt es aber grundsätzlich schon ein Manko. Insbesondere in ländlichen Gebieten, aber zum Beispiel auch in Freiburg. Und die Nachfrage steigt ungebremst.
Wäre es dann nicht sinnvoll, mehr Leute in der Weiterbildung aufzunehmen?
Allenfalls könnte es sinnvoll sein, zwei Kurse pro Jahr durchzuführen. Das ist etwas, das ich nicht ausschliessen möchte. Aber wir müssen immer beobachten, wie sich das Gesundheitssystem entwickelt, einen grossen Einfluss darauf haben politische Entscheide. Die meisten Leute bezahlen unsere Weiterbildung privat. Im Moment finden sie danach alle eine Stelle. Die Balance kann aber schnell kippen. Wenn wir mehr Leute ausbilden, die Politik aber nicht mehr Geld für Psychotherapien sprechen kann, finden womöglich nicht alle eine Stelle, da können Nachfrage und Bedarf noch so gross sein. Diese Entwicklungen beziehen wir in unsere Strategie mit ein und entscheiden abhängig davon, wie viele Kurse wir durchführen.
Die Weiterbildung war 1996 gegründet worden, der Lead ging dann vorübergehend nach Zürich. Nun kehrt er 2027 wieder nach Freiburg zurück. Wie kam es dazu?
Zunächst war der Sitz in Freiburg, bei seinem Gründer Meinrad Perrez. Sein Oberassistent war damals Guy Bodenmann, der ihn unterstützte. Kurz vor der Emeritierung von Meinrad Perrez wurde Guy Bodenmann nach Zürich berufen. Mit ihm wechselte auch der Sitz nach Zürich. Die Zusammenarbeit mit der Uni Freiburg ging aber stets weiter, seit 16 Jahren bin ich aufseiten der Unifr dafür verantwortlich. Und jetzt, da Guy Bodenmann pensioniert wird, kommt der Lead zu mir und damit zurück nach Freiburg.
Gleichzeitig werden mit Bern und Luzern zwei weitere Universitäten ins Boot geholt. Warum?
Es ist interessant, verschiedene Ideen einfliessen zu lassen. Die Weiterbildung soll nicht an eine Person gebunden sein, ich will nicht meinen Stil zementieren. Sie soll sich immer weiterentwickeln. Das ist garantiert durch zwei weitere, jüngere Kolleg_innen. Für die Studierenden ändert sich nicht viel. Abgesehen davon, dass sie nicht mehr nur nach Zürich und Freiburg, sondern ab und zu auch nach Bern oder Luzern reisen müssen. Das kann man mühsam finden, aber es ist der beste Garant für Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden in Zukunft ein Netz in Bern, Zürich, Luzern und Freiburg haben.
Titelbild: @Stemutz
- Beliebt, praxisnah – und zurück in Freiburg - 25.09.2026
- L’Unifr et le FIFF remettent le premier Fribourg Cinema Award - 09.03.2026
- «Le monde est redevenu un monde extrêmement brutal» - 25.11.2025




