Dossier

Der Balkan – Facetten eines Begriffs

Der Balkan …?!? Historikerin Franziska Zaugg, Politikwissenschafterin Natasha Wunsch und der Slavist Jens Herlth im Gespräch über eine Region, die nicht leicht zu erfassen ist. 

Am Begriff «Balkan» scheiden sich die Geister. Wie stehen Sie zu dessen Verwendung?

Franziska Zaugg: Ich denke, im deutschen Sprachraum müssen wir etwas zurückgehen ins 18. und 19. Jahrhundert, in die Zeit der bürgerlichen Bildungsreisen in verschiedene Regionen Europas, darunter eben auch Südosteuropa. Der Balkan wurde damals als eine Art liminaler Erfahrungsraum konstruiert – im Gegensatz zum «zivilisierten» Europa. Es entstand ein Unterscheiden zwischen dem «Wir» und den «anderen». Später, also in den letzten rund 130 Jahren, wurde der Balkan immer wieder als Teil oder sogar als Zentrum kriegerischer Auseinandersetzungen gesehen, oft mit einem stark «völkischen» Beigeschmack: dieses angeblich genuin Blutrünstige, das dann immer wieder zu Konflikten führe. Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir aber, dass diese Konflikte sehr wohl auch durch das Einwirken unterschiedlicher Gross- und Lokalmächte provoziert wurden.

Ableitungen des Begriffs, wie etwa die «Balkanisierung», wenn sich etwas zunehmend verschlechtert, mögen zusätzlich zu dieser negativen Konnotation beigetragen haben. Deshalb sprechen wir heute in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft eher von Südosteuropa als vom Balkan.

Jens Herlth: Natürlich gibt es zahlreiche Fälle, in denen der Begriff historisch zur Stigmatisierung eingesetzt wurde; er wird auch in der Alltagssprache noch immer negativ gebraucht. Ich beobachte aber auch, dass der Begriff im wissenschaftlichen Kontext durchaus verwendet wird. Personen, die das tun und dafür qualifiziert sind – etwa Marie-Janine Calic, Edgar Hösch oder Ulf Brunnbauer –, haben Bücher geschrieben wie «Geschichte des Balkans» oder «Einführung in die Geschichte des Balkans». Diese Bücher sind in den letzten zehn bis zwanzig Jahren erschienen. Ich bin nicht der Meinung, dass der Begriff an sich tabu sein sollte, wenn man ihn bewusst und im richtigen Kontext verwendet.

Natasha Wunsch: Ich verbinde mit dem Oberbegriff «Balkan» zwei Assoziationen. Die eine ist tatsächlich der negative Begriff der «Balkanisierung», auch vor dem Hintergrund meiner politikwissenschaftlichen Forschung. Da gab es lange dieses Bonmot: lieber die Europäisierung des Balkans als die Balkanisierung Europas.
Aus EU-politischer Perspektive spricht man inzwischen vor allem vom «Westbalkan». Gemeint sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens ohne Slowenien – später auch ohne Kroatien – sowie Albanien. Damit verbunden ist oft die Vorstellung, dass der Balkan für politische Instabilität, Rückständigkeit oder ungelöste Konflikte steht.

Jens Herlth: Letztlich ist es immer problematisch, wenn man solche Dachbegriffe verwendet, mit denen ganze Regionen bezeichnet werden: zum Beispiel «Baltikum», «Kleinasien», «Mittlerer Osten». Den Menschen, die dort leben, wird man damit nie gerecht. Und natürlich ist es wichtig zu sehen, wie diese selbst sich gegenüber solchen Begriffen verhalten. Meine Beobachtung ist, dass man sich in Kroatien eher nicht zum Balkan gehörig fühlt, während man das in Serbien kaum in Frage stellen würde. Dort hat das Sprechen über den Balkan oft eine selbstironische oder witzige Note.

Woher stammt der Begriff «Balkan» denn ursprünglich?

Jens Herlth: Der Begriff bezeichnete ursprünglich eine Berg­kette in Bulgarien. Anfang des 19. Jahrhunderts dachte man wohl, diese Bergkette ziehe sich durch ganz Südosteuropa – geografisch hatte man sich da etwas verschätzt. Interessant ist, dass sich die Vorstellung einer «Balkanhalbinsel» eigentlich erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich durchsetzte. Vorher sprach man eher von «La Turquie d’Europe». Erst mit den Unabhängigkeitsbewegungen gegen das Osmanische Reich und den sogenannten «Balkankriegen» zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde «Balkan» zu einem politischen und kulturellen Sammelbegriff.

Welche Auswirkungen hatten die Herrschaft des Osmanischen Reichs und dessen Ende auf die beherrschten Länder?

Franziska Zaugg: Gewisse Gebiete Südosteuropas standen über 500 Jahre unter osmanischer Herrschaft. Als die Schwäche des Osmanischen Reichs im Laufe des 19. Jahrhunderts offensichtlich wurde, begannen andere Grossmächte sich intensiv für die Region zu interessieren; etwa Österreich Ungarn, das Königreich Italien oder auch das Russische Zarenreich. Der sogenannte Balkanbund – Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro – entstand schliesslich auch unter Einfluss russischer Diplomatie und führte zu den Balkankriegen 1912/1913. Ziel war es, das geschwächte Osmanische Reich aus Europa zurückzudrängen und eigene Territorien zu erweitern. Bereits 1878 beim Frieden von San Stefano oder beim Berliner Kongress und später auch an der Londoner Botschafterkonferenz 1912/13 ging es vor allem um die Interessen der Grossmächte – nicht um jene der Bevölkerungen vor Ort. Diese wurden nicht gefragt, zu welchem der regionalen Nationalstaaten sie denn nun gehören wollten.

Haben diese wechselnden Herrschaften die Wahrnehmung der Region bereits damals geprägt?

Franziska Zaugg: Absolut. Mit den Friedensschlüssen von 1878 und 1913 und der Entstehung neuer Nationalstaaten kam enorme Bewegung in die Region. Das schuf neue politische Fakten, brachte aber auch neue Unruhe. Gerade auf mikrohistorischer Ebene – etwa im Kosovo – führten diese Neuordnungen nicht zu Frieden, sondern oft zu weiterer Gewalt. Gleichzeitig waren die Grossmächte sehr präsent in der Region. Die hohe Zahl diplomatischer Vertretungen in der Region zeigt, wie wichtig Südosteuropa geopolitisch war.

Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff «Pulverfass Balkan», der bisweilen heute noch verwendet wird.

Franziska Zaugg: Wer kennt sie nicht, die Karikatur der Grossmächte, die auf einem Pulverfass sitzen, eben dem Pulverfass «Balkan», das jederzeit explodieren kann. Es herrschte die Angst, dass die als lokal betrachteten Balkankriege zu einem internationalen Konflikt ausufern könnten. Wobei ich eben nicht der Ansicht bin, dass die Balkankriege rein lokaler Natur waren, sondern auch durch das Zutun der Grossmächte entfacht wurden.

Jens Herlth: Die Bezeichnung «Pulverfass Balkan» ist ein Paradebeispiel für die stigmatisierende Verwendung des Begriffs «Balkan». Natürlich brach der Erste Weltkrieg nicht einfach deshalb aus, weil in Sarajevo jemand erschossen wurde. Mit dieser verkürzten Erzählung blendet man die Verantwortung der damaligen Grossmächte komplett aus.

Die Bezeichnung ist ein Paradebeispiel für die stigmatisierende Verwendung des Begriffs Jens Herlth

Im Buch «Imagining the Balkans» hat die Historikerin Maria Todorova diese Stigmatisierung des Balkans beschrieben. Entstand daraus der Begriff «Balkanismus»?

Jens Herlth: Der «Balkanism» ist sozusagen die auf Südosteuropa übertragene Version von Edward Saids «Orientalism»: Eine Region, die als bestimmte Vorstellung in den westlichen Köpfen existiert. Der Balkan wird als homogener Raum konstruiert, in dem Gewalt, Blutrache und politische Instabilität herrschen sollen. Ein Sammelbegriff für eine Region, in der die damit Bezeichneten gar kein Widerspruchsrecht mehr haben. Aber «Balkan» ist eine Zuschreibung. Es gibt aus meiner Sicht keine objektiv richtige Aussage darüber, ob etwa Belgrad «auf dem Balkan» liegt. Es hängt immer davon ab, wer spricht und mit welcher Absicht.

Franziska Zaugg: Was ich spannend finde als Weiterführung von Saids Gedanken, ist die Idee des «Othering within». Der Balkan wird dabei nicht als völlig fremd wahrgenommen, sondern als Teil Europas, der gleichzeitig als «anders» wahrgenommen wird. Gleichzeitig ist die Forschung seit Maria Todorovas «Imagining the Balkans» weitergegangen. Bücher wie Diana Mishkovas «Beyond Balkanism» etwa beschäftigen sich stärker damit, wie Menschen aus der Region selbst mit dem Begriff umgehen und welche Selbstbilder dabei entstehen.

Jens Herlth: Genau. Der Begriff wird nicht nur von aus­sen zugeschrieben, sondern auch innerhalb der Region unterschiedlich verwendet. In manchen Kontexten wird «Balkan» klar zurückgewiesen, in anderen wiederum ganz selbstverständlich oder sogar affirmativ gebraucht.

Wenn Menschen mit Wurzeln in der Region sich selbst als bezeichnen, ist das etwas anderes, als wenn der Begriff von aussen verwendet wird Franziska Zaugg

Die EU-Mitglieder Kroatien und Slowenien etwa distanzieren sich von dieser Zuschreibung. Geht es auch darum, politisch nicht als «Balkan» wahrgenommen zu werden?

Natasha Wunsch: Im EU-Kontext ist es definitiv eine Art Qualitätsausweis, behaupten zu können, kein Balkanland mehr zu sein. Deshalb spricht man heute vom «Westbalkan», also jenen Ländern, die noch nicht Mitglied der EU sind. Kroatien etwa wurde bis 2013 noch als Westbalkanland behandelt. Nach dem EU-Beitritt hörte man plötzlich: «Wir sind kein Balkanland mehr.» Man möchte sich stattdessen als mitteleuropäisch oder europäisch positionieren.

Die Bezeichnung «Westbalkan» hat also nichts mit Geografie zu tun.

Natasha Wunsch: Nein, es ist ein sehr politischer Begriff. Sobald ein Land der EU beitritt, gehört es nicht mehr zum Westbalkan – auch wenn es geografisch natürlich noch immer dort liegt.

Jens Herlth: Das hat durchaus etwas leicht Kolonialistisches. Übrigens verwendet man in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens heute meist einfach den neutralen Begriff «die Region». Wenn Kroaten und Serben miteinander sprechen, können beide problemlos sagen: «bei uns in der Region». Jeder und jede weiss sofort, was gemeint ist, also meist Kroatien, Serbien, Bosnien und Montenegro, mit gewissen Einschränkungen auch Slowenien, Nord­mazedonien und Kosovo.

Franziska Zaugg: Wir haben bisher kaum über Albanien gesprochen, das sich in vielerlei Hinsicht ganz anders positioniert als der ehemalige jugoslawische Raum. Kosovo, das Nachbarland, wird leider von aussen oft als der Inbegriff von «Westbalkan» gedacht. Aber Albanien liegt mit seiner langen Küstenlinie nahe an Italien – die Meerenge «Strasse von Otranto» beträgt am schmalsten Punkt nur 71 km – und grenzt an Griechenland. Auch historisch hat Albanien oft eine andere Selbstwahrnehmung als die ehemaligen Länder Jugoslawiens. Entsprechend gross ist im Land das Unverständnis darüber, dass Albanien noch nicht Teil der EU ist. Denn auch die Albaner_innen möchten zu Europa gehören.

Hat die Diaspora ein anderes Verhältnis zum Begriff «Balkan» oder zur Zugehörigkeit zum Balkan? Gerade die Jugendlichen scheinen damit sehr unbefangen umzugehen.

Natasha Wunsch: Ja, der Umgang ist ein anderer, das ist stark mit Diaspora-Identitäten verbunden. In der Diaspora entsteht plötzlich ein gemeinsames «Wir vom Balkan». Ein «Wir», das vor Ort in der Region viel weniger stark ausgeprägt ist. Dort identifiziert man sich eher über das jeweilige Land. Aber sobald Menschen aus verschiedenen sogenannten Balkanländern gemeinsam in der Schweiz, in Brüssel oder anderswo leben, entsteht eine gewisse Gemeinsamkeit – über Musik, Sprache, Literatur oder Popkultur.

Franziska Zaugg: Und es ist eben auch eine Eigenbezeichnung. Das macht einen grossen Unterschied. Wenn Menschen mit Wurzeln in der Region sich selbst als «Balkan» bezeichnen, ist das etwas anderes, als wenn der Begriff von aussen verwendet wird.

Natasha Wunsch: Man kann und darf deshalb auch nicht einfach von der Diaspora auf die Situation vor Ort schliessen. Menschen in der Diaspora entwickeln oft eigene Identitäten. Sie fühlen sich nicht vollständig hier zugehörig – und wenn sie in die Herkunftsländer reisen, also in die Ferien nach Bosnien, Albanien oder Serbien, werden sie dort häufig wiederum als «nicht vollständig von dort» wahrgenommen.

Franziska Zaugg: Dieses Weder-noch-Gefühl hat innerhalb der Diaspora auch etwas Verbindendes. Es ist schön zu sehen, dass junge Menschen mit Verwandtschaft in Südosteuropa heute oft selbstverständlich miteinander befreundet sind – trotz aller historischen Konflikte oder Kriegstraumata.

Wenn man heute den Begriff «Balkan» hört oder liest: Denkt man dabei eher an die Region selbst oder zunehmend auch an die Diaspora, also an die Menschen dieser Region, die hier leben?

Natasha Wunsch: Das ist sehr individuell. Ich persönlich denke zuerst an die geografische Region.

Jens Herlth: «Balkan» ist heute fast schon ein popkulturelles Label geworden. Es gibt Balkan Beats, Balkan Parties und Social-Media-Phänomene wie den «Balkandad». Oder auch den ausgezeichneten Podcast «Ballaballa-Balkan», in dem zwei Deutsche mit bosnisch-kroatischen und bosnisch-serbischen Wurzeln über den Balkan sprechen. Die beiden verfolgen einerseits einen ernsthaften, antinationalistischen Anspruch, arbeiten aber auch mit viel Humor, der nicht selten aus den Witzkulturen des ehemaligen Jugoslawiens kommt. Wie etwa der running gag, dass Montenegriner nicht arbeiten – etwas, das die Podcaster sich erlauben können, weil sie eben selbst familiäre Wurzeln haben in der Region und sich der virtuellen Balkan-Community zugehörig fühlen.

Franziska Zaugg: Interessant ist, dass solche Formate heute viele junge Menschen erreichen – auch Menschen ohne familiäre Bande in Südosteuropa. Gerade unter jungen Reisenden oder Studierenden ist das Interesse an der Region in den letzten Jahren stark gewachsen.

«Für manche bleibt der Balkan ein Pulverfass, andere verbinden damit Balkan Beats Natasha Wunsch

Können Popkultur, Musik und Humor dazu beitragen, den Begriff «Balkan» neu oder positiver zu besetzen?

Natasha Wunsch: Ich denke, die verschiedenen Ebenen existieren gleichzeitig. Es gibt weiterhin politische und historische Belastungen des Begriffs – gerade im Zusammenhang mit EU-Politik, Nationalismus oder Gewaltgeschichte. Gleichzeitig eignet sich eine jüngere Generation den Begriff teilweise neu an. Das ist auch deshalb interessant, weil viele dieser jungen Menschen gar keine direkten Erinnerungen mehr haben an die Jugoslawienkriege. Ihre Beziehung zur Region läuft über Familie, Musik, Ferien, Sprache oder Social Media.

Jens Herlth: Ich sehe das neutral. Wenn junge Menschen darin Unterhaltung, Selbstironie oder Identität finden, dann ist das zunächst einmal einfach Teil von Jugend- und Popkultur. Aber ich würde daraus nicht automatisch etwas politisch Fortschrittliches ableiten.

Natasha Wunsch: Ich glaube, es muss und kann auch gar kein Anspruch sein, den Begriff «Balkan» neu zu definieren oder neu zu besetzen. Für manche bleibt der Balkan ein Pulverfass, andere verbinden damit Balkan Beats.

Franziska Zaugg: Darin zeigt sich auch, dass Begriffe nie vollständig festgelegt sind. Sie verändern sich ständig – je nachdem, wer sie verwendet, in welchem Kontext und mit welcher Absicht. Und genau deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen.

Unser Experte Jens Herlth ist Professor für Slavistik am De­parte­ment für Europastudien und Slavistik. Er lehrt und forscht zu slavischen Literaturen in ihrem sozial- und ideengeschichtlichen Kontext. Neuere Arbeiten mit Südosteuropa-Bezug sind ein Artikel zu Emmanuel Rubens Balkan-Reiseerzählung «Sur la route du Danube» und ein Handbuchartikel zu Carl Schmitt in Serbien.
jens.herlth@unifr.ch 

Unsere Expertin Natasha Wunsch ist Professorin für Europastudien und forscht als Politikwissenschaftlerin zu Prozessen der Demokratisierung und demokratischen Erosion. Sie beschäftigt sich mit der Rolle demokratischer Einstellungen von Bürger_innen in den Herausforderungen liberaler Demokratie sowie auch mit Fragen der europäischen Integration und EU- Erweiterung, speziell im Westbalkan.
natasha.wunsch@unifr.ch 

Unsere Expertin Franziska Zaugg ist Lektorin am Departement für Zeitgeschichte und Assoziierte Forscherin an der Universität Bern. Sie forscht zu Gewalt- und Konfliktgeschichte sowie Arten von Gedenken und Versöhnung. Einer ihrer aktuellen Forschungsschwerpunkte liegt auf der Verflechtungsgeschichte von Kooperationen, Konflikten und Gewalt zwischen Grossmächten, regionalen Nationalstaaten und lokalen Eliten in Südosteuropa (1875–2008).
franziska.zaugg@unifr.ch