Fluchen in der Küche für den guten Zweck

Fluchen in der Küche für den guten Zweck

Lecker, gesund und nachhaltig kochen. Können wir all diesen Ansprüchen gleichzeitig gerecht werden? Oder sind wir von Vornherein zum Scheitern verurteilt? Ein Selbstversuch im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche 2021 der Unifr.

Das vielfältige Online-Programm der diesjährigen Nachhaltigkeitswoche hat es mir nicht leicht gemacht, mich für etwas zu entscheiden. Ziel dieser besonderen Woche ist es, Schweizer Hochschulen zu sensibilisieren und sie zu unterstützen, Nachhaltigkeitsvorbilder für die Gesellschaft insgesamt zu werden. Besonders sympathisch finde ich, dass Sensibilisierung auch in der Küche stattfinden kann … Die sogenannte Green Faculty, ein Konzept der mathematisch-naturwissenschaftlichen und medizinischen Fakultät, bot in diesem Rahmen einen vielversprechenden Kochkurs an. Angepriesen wurde ein umweltfreundliches, leicht zu kochendes Menü mit gesunden Zutaten und ein gemütlicher Abend mit anderen Menschen – natürlich per Zoom, da wir ja immer noch in der Pandemie sind.

S’Füfi und s’Weggli?
Die Ausschreibung machte mich stutzig und neugierig zugleich. Die Industrie macht es uns heute ziemlich leicht, rein pflanzliche Produkte zu konsumieren, ohne das Gefühl zu haben, auf etwas zu verzichten. Es gibt veganen Lachs, veganes Rührei und in der Schweiz haben wir sogar Raclette- und Fondue-Alternativen! Ein Bio Start-up aus dem Berner Oberland räuchert beispielsweise Schweizer Bio-Knospe Karotten und unterstützt regionale Bauern und Kleinbetriebe, indem es wenn immer möglich einheimische Lebensmittel verarbeitet. Eine andere Firma produziert pflanzliche Käsealternativen in Thun – die dafür verwendeten Cashewnüsse stammen aber aus Indonesien. In diesem Fall kaufen oder doch lieber im Regal stehen lassen? Wie aufwendig ist es, beim Kochen gleichzeitig auf Faktoren wie «saisonal», «regional», «fairtrade» «günstig» und «kulinarisch ansprechend» zu achten?

I f*** love junk food!
Das Kochatelier kam mir – unabhängig von diesen vielen Fragen – mehr als gelegen: Ich esse seit drei Jahren keine Produkte tierischen Ursprungs mehr, weil ich Tiere liebe und mir die Umwelt wichtig ist. Selbstverständlich hat meine Ernährungsweise auch einen positiven Effekt auf meine Gesundheit, aber das ist nicht meine Hauptmotivation. Mit anderen Worten: Ich liebe Junk-Food und habe nichts gegen Fertigprodukte! Doch seit einer Weile nagt das schlechte Gewissen an mir, ausgelöst durch zahlreiche Videos auf Instagram und Facebook von übermotivierten Leuten, die im Lockdown ihr eigenes Brot backen, literweise Hafermilch produzieren und ihren Tofu selbst pressen. Das klingt für mich alles nach sehr viel Aufwand. Konnte ich im Atelier womöglich lernen, grüner zu kochen, ohne mehrere Stunden dafür investieren zu müssen?

Federkohl = chou frisé = Kale
Ein Blick in die Agenda und zack! Schon war ich für den Workshop angemeldet. Wenig später kontaktierte mich Organisatorin Loetitia. Alle Teilnehmer_innen bekamen Zugang zu einer Webseite mit einer Einkaufsliste, Video-Tutorials und Unterlagen zur Vorbereitung. Ich studierte die Liste und mir wurde klar, wie schlecht mein Französisch ist, wenn es um das Benennen von Lebensmitteln und Küchenutensilien geht. Nach etwas Übersetzungsarbeit besorgte ich mir die Lebensmittel. Kale, eine Zwiebel, frischen Knoblauch … Und viele Produkte hatte ich bereits zuhause, so beispielsweise Nudeln, Sojasauce und Linsen. Auf dem Speiseplan waren eine Bolognese auf Linsenbasis und ein Federkohlsalat, wobei hier mehrere Saucen zur Auswahl standen. Loetitia achtet sehr darauf, nachhaltig einzukaufen. Wir wurden beispielsweise gebeten, Schweizer Linsen zu besorgen und den Stangensellerie, der gerade nicht Saison hat, beispielsweise mit Gemüsebrühe oder mit Lauch zu ersetzen. (Gut so, ich hasse nämlich Stangensellerie!) Als ich auf der Verpackung nachlas, dass meine Linsen aus den USA stammen, war ich schockiert. Immerhin hatte ich sie damals nicht selbst gekauft, sondern geschenkt bekommen (Ja, das ist die Wahrheit!).

Kochen ist politisch!
Ich gebe zu, dass ich mir für den grossen Abend Verstärkung holte. Unter dem Deckmantel einer gemeinsamen Aktivität zum Wohle unserer Beziehung überredete ich meine Partnerin, mir beim Kochen zu helfen. In Wahrheit hatte ich aber Panik vor dem französischsprachigen Kurs und wollte eine Simultanübersetzerin und Kochassistentin vor Ort haben. Die Linsen mussten bereits vor dem gemeinsamen Online-Treffen gekocht werden – das schaffte ich noch alleine. Kaum hatte ich mich per Zoom zugeschaltet, ging für mich auch schon der Stress los. Da waren Studierende, aber auch Arbeitskolleg_innen online, vor denen ich mich blamieren konnte … Wo sollte ich den Laptop am besten hinstellen, um gleichzeitig zuzuhören und eine Sauce umzurühren? Warum war die Tonqualität so schlecht und warum waren alle so viel schneller als ich mit Schnippeln? Etwas Ruhe kehrte ein, als die Bolognese ca. vierzig Minuten lang vor sich hin kochen musste. Wirklich austauschen konnten wir uns in der Zeit allerdings nicht, da alle ständig in Bewegung waren, aufstanden, etwas umrührten, im Kühlschrank etwas suchten … Loetitia liess uns ein Quiz über eine App spielen. Ein paar Sad Facts gefällig? Zwischen 1980 und 2016 hat sich der Fleischkonsum weltweit verdoppelt. Fleisch aus der Region verursacht immer noch dreimal mehr CO2 als Gemüse, das per Schiff importiert wurde. Ein Kilogramm Rindfleisch zu produzieren verbraucht 15’000 Liter Wasser. Ein Kilogramm Äpfel benötigt hingegen nur 900 Liter. Selbst die ach so verteufelten Avocados benötigen dreizehn Mal weniger Wasser als Fleisch. Ich kannte diese Zahlen bereits, fragte mich aber, wie sie wohl auf jene wirkten, die zum ersten Mal davon hörten. Ich war so sehr in Gedanken versunken, dass das Nudelwasser überkochte (Schande über mein italienisches Haupt!) und ich mich beim Versuch, das Unvermeidliche zu vermeiden, verbrühte.

I can do better!
Meine Partnerin fand das Ganze lustig – sie war in der Küche so entspannt, dass sie zwischendurch sogar die Zeit fand, anderes zu erledigen. Ich nahm mir hingegen vor, nie mehr vor einem Bildschirm zu kochen, sondern darauf zu warten, dass die Kochateliers im Real Life wieder starten. Loetitia hat den Workshop gut gemacht und ich kann nur hoffen, dass er nächstes Jahr wieder angeboten wird, damit auch andere davon profitieren können. Wer aber so wie ich zwei linke Hände hat, sollte nicht unbeaufsichtigt bleiben. Kaum stand das Menü auf dem Tisch, verabschiedeten sich schon alle und verliessen das Meeting. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich hatte mich darauf gefreut, mich hinzusetzen, gemeinsam zu essen und das Gekochte zu vergleichen und zu kommentieren. Es war aber auch schön, nach dem ganzen Tohuwabohu das Gericht mit meiner Freundin zu geniessen. Wir waren beide richtig begeistert und werden das Rezept garantiert nachkochen. Ich habe an dem Abend folgendes gelernt: 1. Mise en Place ist die halbe Miete. 2. Auch Leute wie ich, die bereits ein paar Jahre vegan leben, können Neues lernen, z.B. mit Gewürzen zu experimentieren oder den eigenen Einkauf zu optimieren. 3. Ich kann es zukünftig noch besser machen. Was ich tue, hat aber bereits einen grossen Impact auf die Umwelt. Wir brauchen nicht eine Handvoll perfekte Veganer_innen, sondern ganz viele nicht perfekte Menschen, die z.B. bewusst einen veganen Tag pro Woche einplanen, zum Beispiel mit der genialen Bolognese von Loetitia!

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Author

Angela Hoppmann ist Germanistin, Philosophin und Autorin, seit 2018 zudem Redaktorin und Social Media Expertin im Team Unicom. Sie bezeichnet sich selbst als Textarchitektin und verfasst in ihrer Freizeit Romane und Kurzgeschichten – wenn sie nicht gerade Tango tanzt, ihre sechste Sprache lernt oder mit Hund Nietzsche unterwegs ist.

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