Dossier

Jugoslawischer Weltliterat

Der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš verkörperte die Idee einer Literatur jenseits nationaler Grenzen wie kein anderer Autor aus dieser Region. Sich selbst bezeichnete Kiš in einem Gespräch in seinem letzten Lebensjahr als «einzigen jugoslawischen Schriftsteller der Weltliteratur»

Mit der Aussage bezüglich seiner einzigartigen Stellung innerhalb der jugoslawischen Literatur meinte Danilo Kiš wohl nicht, dass er der beste Schriftsteller seiner Zeit sei, oder «der einzige von Weltrang» – dies eine weitere mögliche Übersetzung seiner Formulierung, die unterschiedlich interpretiert werden kann. Ivo Andrić, dessen Werk Kiš sehr schätzte, hatte immerhin 1961 den Literaturnobelpreis erhalten (wobei auch Kiš seit den 1970er Jahren als Kandidat gehandelt wurde und man häufig hört, dass er ihn erhalten hätte, wäre er nicht so früh verstorben). Vielmehr meinte Kiš damit wohl zwei Dinge: Dass sein Werk stärker als bei seinen Kolleginnen und Kollegen untrennbar mit zahlreichen Texten der europäischen sowie der süd- und nordamerikanischen Literatur verbunden ist und daher nur im Kontext der Weltliteratur im Sinne Goethes wirklich fassbar wird. Sowie dass er keiner der nationalen Literaturen zugeordnet werden konnte, im Gegensatz zu den meisten anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern des multiethnischen Staats.

Ein schwieriges Leben

Danilo Kiš schrieb zwar auf Serbisch, identifizierte sich aber nicht als serbischen, sondern vielmehr als jugoslawischen Schriftsteller. Sein Vater war jüdisch-ungarischer Herkunft, seine Mutter Montenegrinerin. Kiš’ Leben war geprägt von tragischen Ereignissen und einem Gefühl des Nicht-Dazugehörens. Er kam 1935 in der multikulturellen und multiethnischen Vojvodina im Norden des Königreichs Jugoslawien zur Welt. Aus Angst vor dem zunehmend salonfähig werdenden Antisemitismus in Europa liessen ihn seine Eltern serbisch-orthodox taufen. In Novi Sad erlebte die Familie den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Besatzung der Stadt durch das zu den Achsenmächten gehörende Ungarn. Nur knapp entging Danilo Kiš’ Vater dem Tod beim Massaker von Novi Sad, das die ungarischen Besatzer 1942 an der jüdischen und serbischen Bevölkerung verübten. Die Familie floh in den Herkunftsort des Vaters nach Westungarn. Der Krieg holte sie dennoch ein: Der Vater wurde deportiert und starb in Auschwitz. Danilo und seine Schwester hätten wohl dasselbe Schicksal erlitten, wären sie nicht getauft gewesen. Mit ihrer Mutter wurden die beiden nach Cetinje in Montenegro umgesiedelt, wo noch Verwandte der Mutter lebten. Nachdem auch seine Mutter 1951 früh verstarb, zog Danilo Kiš für sein Studium nach Belgrad. Dort war er der erste Absolvent des neu gegründeten Studiengangs der allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft – schon damals auch einfach als Studium der «Weltliteratur» bezeichnet. Später, bereits als publizierter Autor, unterrichtete er jahrelang Serbokroatisch an verschiedenen Universitäten in Frankreich. Seine letzten Jahre verbrachte er in Paris, schrieb allerdings bis zuletzt auf Serbisch.

Unter dem Einfluss Borges

In seinem Werk widmete sich Danilo Kiš den inneren und äusseren Problemen des sozialistischen Jugoslawiens, schrieb gegen Antisemitismus, Stalinismus und Nationalismus an und fragte nach prinzipiellen Aspekten des menschlichen Zusammenlebens in totalitären Gesellschaften. Gleichzeitig stellte Kiš die höchsten ästhetischen Ansprüche an sein Werk und vertrat formalistische Grundsätze: Literatur müsse im Zusammenhang mit anderen Werken verstanden werden, nicht im Kontext der Biografie ihres Verfassers. Seine Position bezeichnete er als Poet(h)ik – po-etika – ein Begriff, dessen ethische Dimension unterschiedlich interpretiert werden kann: Ursprünglich meinte Kiš damit, dass Literatur ihren ästhetischen Prinzipien treu bleiben und nicht didaktische Ziele verfolgen oder gar politischen Zwecken dienen sollte; in späteren Jahren kamen Überlegungen zur Rolle der Literatur als Zeugenbericht über historische Ungerechtigkeiten hinzu.

Intertextualität prägte Danilo Kiš’ Werk seit seinen ersten Buchpublikationen Anfang der 1960er Jahre. Die englischsprachigen, französischen, russischen und deutschen Schriftsteller – zentral unter anderen James Joyce, Gustave Flaubert, Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Thomas Mann oder Goethe – wurden durch Jorge Luis Borges ergänzt, der ab 1963 in Übersetzung in Jugoslawien erschien und Kiš’ Werk beeinflusste wie kein anderer Autor. Fortan finden sich Spuren eines Borges’schen, metafiktionalen Erzählens, in dem die Grenze zwischen Fiktion und Faktum verwischt wird, überall in Kiš’ literarischem Werk, ebenso wie konkrete, offene Bezugnahmen auf den argentinischen Autor, dessen Vorrangstellung für sein Schaffen Kiš wiederholt betont.

Der Skandal

Während Borges’ postmodernes Vermischen von Faktum und Fiktion aber eher spielerisch bleibt, verlieh Danilo Kiš seinem Schreiben stets eine moralische Tiefe. Seine Figuren sind Aussenseiter, Verfolgte, Verfolger, von der Geschichte vergessene Helden oder Verbrecher; sie landen im Lager, verraten, werden verraten, sie morden oder sterben tragische Tode. Dabei flocht Kiš gerne historische Dokumente in sein literarisches Erzählen ein, empirische mit fiktionalen Quellen vermengend, und bediente sich ausgiebig bei Autorinnen und Autoren, deren Identität zwar meist angedeutet, aber selten gänzlich ausformuliert wird. Dies führte 1976 zum grössten literaturpolitischen Skandal Jugoslawiens, nach der Publikation seines noch heute bekanntesten Werks «Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch». In den «sieben Kapiteln ein und derselben Geschichte», wie der Untertitel lautet, finden sich wiederkehrende Motive: Sechs Geschichten handeln von überzeugten Sozialisten an verschiedenen Orten Mittel- und Osteuropas in den 1930er Jahren – allerdings spielt keine der Handlungen in Jugoslawien – und fast alle Protagonisten landen früher oder später im sowjetischen Straflager. Eine der sieben Erzählungen spielt im mittelalterlichen Frankreich zur Zeit der Inquisition. Die Kapitel verbindet eine kritische Reflexion über totalitäre Ideologien und Antisemitismus. Mit der Geschichte, die von dem namengebenden Protagonisten Boris Dawidowitsch Nowski erzählt, einem Spion, der sich bei seinem Tod im Gulag wortwörtlich in Rauch auflöst, wird auch klar, wofür das Grabmal im Titel steht: als Keno­taph – ein Scheingrab – soll das Werk an die unzähligen Personen erinnern, die Opfer totalitärer Regime wurden und verschwunden sind, ohne ein Grab zu hinterlassen, anhand dessen man sich ihrer erinnern könnte. In typisch (post-)moderner Spielart ist es schliesslich eine Fussnote im Inquisitionskapitel, die die moralische Tiefe des Texts ausformuliert: In schweren Zeiten sind es Entscheidungen einiger mutiger Individuen, die das sogenannte Schicksal positiv beeinflussen können.

Wahre Weltliteratur

Die inhaltliche Brisanz des Buchs – Tito hatte zwar 1948 mit Stalin gebrochen, aber der Sozialismus war nach wie vor Jugoslawiens offizielle Staatsdoktrin – wurde von den konservativen Literaturkritikern durch ein Ablenkungsmanöver umgangen: Statt über die politischen Implikationen des Texts zu diskutieren, wurden absurde Plagiatsvorwürfe erhoben. Dies bewog Kiš, der bereits seit mehreren Jahren an französischen Universitäten unterrichtete, letztlich zur definitiven Umsiedlung nach Frankreich. Nach einer Lungenkrebserkrankung (auf fast jeder Fotografie ist Kiš mit Zigarette zu sehen…) starb er 54-jährig in Paris.

Seine vielfältigen Bezüge zu anderen Literaturen machen Kiš auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die bislang keine oder wenig Erfahrung mit südosteuropäischer Literatur haben, jedoch andere literarische Zusammenhänge nachvollziehen können. Seine Hinwendung zu Literaturen anderer Sprach- und Kulturräume – die nach ihm viele antinationalistisch orientierte Autorinnen und Autoren seiner Region teilten – eröffnet die Möglichkeit, den verengten Blick nationalen Denkens zu überwinden und Literatur sowohl länder- und sprachenübergreifend zu begreifen – als Weltliteratur.

Unsere Expertin Eliane Fitzé ist Doktorassistentin der Slavistik und forscht und lehrt zur russischen Literatur sowie zu den Literaturen des ehemaligen Jugoslawiens. Diesen Frühling unterrichtete sie ein Seminar zum Einfluss der russischen Literatur auf Danilo Kiš.
eliane.fitze@unifr.ch