Dossier

Ein Zufluchtsort in Europa

Albanien war während des Zweiten Weltkriegs Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge aus ganz Europa. Im Gespräch spricht die Historikerin Franziska Zaugg über ihr kürzlich erschienenes Buch, das sich diesem eindrücklichen Beispiel für Gastfreundschaft und Menschlichkeit widmet.

Franziska Zaugg, Ihr Buch «Albanien, wir überlebten dank deiner Menschlichkeit» beschreibt, wie Albanien im Zweiten Weltkrieg viele jüdische Flüchtlinge gerettet hat. Wieso haben Sie gerade dieses Kapitel des Zweiten Weltkriegs erforscht?

Ich arbeite schon lange zu Südosteuropa, insbesondere im Bereich Konflikt- und Kriegsgeschichte. Einer meiner Schwerpunkte war und ist dabei der Zweite Weltkrieg und insbesondere die Rekrutierungen von Soldaten für die deutsche Waffen-SS und für die Camicie Nere der italienischen Faschisten, für die Milizia Fascista Albanese. Da ist der Link zur Verfolgung jüdischer Menschen leider nicht weit – jüdische Flüchtlinge in Südosteuropa kamen auch schon in meinen ersten zwei Büchern, meiner Dissertation und meinem Postdoc vor. So kam es, dass die Gedenkstätten «Stille Helden» und «Deutscher Widerstand» mich als Expertin angefragt haben, um für die Buchreihe «Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung» ein Buch zur Rolle Albaniens zu schreiben. Die Buchreihe will zeigen, dass es neben Denunziation und Hass auch ganz viele Menschen gab, die ihr Leben für das Leben anderer riskierten.

Die Geschichte Albaniens während des Zweiten Weltkriegs ist komplex und von verschiedenen Herrschaften geprägt.

Die Jahre von 1939 bis 1944 lassen sich in Albanien in drei Phasen unterteilen: die italienische Besatzung von 1939 bis 1941, die Jahre von 1941 bis 1943, in denen nach dem deutsch-italienischen Balkanfeldzug «Grossalbanien» entsteht, zu dem auch Teile des Kosovo gehörten, und die Zeit der deutschen Besatzung von September 1943 bis Herbst 1944, also nach der Kapitulation Italiens.

Wie haben die unterschiedlichen Besatzungen die Juden­verfolgung geprägt?

Es ist wichtig zwischen deutscher und italienischer Besatzungsherrschaft zu unterscheiden. Die deutschen Besatzer setzten beispielsweise im von ihnen besetzten Serbien, zu dem auch Nordkosovo gehörte, die Judenverfolgung ab Frühjahr 1941 radikal durch. Bereits im Juni 1942 galt Serbien laut SS-Standartenführer Emanuel Schäfer als erstes Land überhaupt als «judenfrei». Anders im von Italien besetzten Albanien respektive «Grossalbanien» bis 1943. Die Verfolgung jüdischer Menschen war in diesem Gebiet viel willkürlicher; ambivalent war auch das Verhalten des italienischen Generalstatthalters Francesco Jacomoni di San Savino. Teilweise, wie etwa in Kavaja, konnten sich die Jüdinnen und Juden relativ frei bewegen. Gleichzeitig kam es auch zu Verhaftungen und Deportationen.

Wie hat Albanien den verfolgten Jüdinnen und Juden konkret geholfen?

Das geschah auf unterschiedliche Weise. So liess der selbsternannte König Ahmed Zogu noch bis April 1939 Jüdinnen und Juden einreisen, als viele Staaten Europas jüdischen Flüchtlingen bereits die Visa verwehrten. Sein Handeln war auch mit dem Ziel verbunden, Devisen in sein Land zu holen. Nach der italienischen Besetzung Albaniens, begannen Albaner_innen die jüdischen Mitmenschen zu unterstützen, etwa indem sie ihnen ihre Sommerhäuser im Winter vermieteten, sie bei sich arbeiten oder wohnen liessen – und sich mit ihnen anfreundeten. Dies war bereits mit vielen Gefahren verbunden. Nach dem Balkanfeldzug 1941 und der Zerschlagung Jugoslawiens halfen Albaner_innen an den Grenzen des heutigen Kosovo und Nordmazedoniens den Flüchtlingen, die aus Städten wie Belgrad, Novi Sad oder Skopje flohen, über die «grüne Grenze» zu gelangen oder mit gefälschten Ausweisen per Bahn einzureisen. Mit der italienischen Kapitulation im September 1943 und der Macht­übernahme der Deutschen in Albanien wurde die Situation lebensgefährlich. Dennoch versteckten die Albaner_innen die Jüdinnen und Juden in Städten und in Dörfern, bei sich oder bei Verwandten, sie versorgten sie mit Nahrung und gefälschten Pässe, damit die Verfolgten untertauchen konnten.

Wieso hat gerade Albanien im Zweiten Weltkrieg so viel Menschlichkeit unter Beweis gestellt?

Die Gastfreundschaft wird in allen Ländern Südosteuropas grossgeschrieben. Im albanischen Gewohnheitsrecht, heute am besten bekannt in seiner schriftlichen Form als Kanun des Lekë Dukagjini, ist sehr genau festgehalten, wie ein Gast behandelt werden soll. In ländlichen Gegenden war und ist Gastfreundschaft teilweise gar überlebensnotwendig, sie bietet einen sicheren Ort zum Übernachten und für die Verpflegung. Natürlich spielt auch die so genannte «Besa», vereinfacht oft als Ehrenkodex bezeichnet, in das gastfreundliche Verhalten hinein. Aber Achtung: eine Perspektive, die nur auf die «Besa» fokussiert, ist verkürzt. Die «Besa» kann erstens auch vieles andere bedeuten, zum Beispiel, dass zwei Stämme durch eine «Besa» Fehden aussetzen, um sich gegen einen äusseren Feind gemeinsam zur Wehr zu setzen, wie etwa während des Zweiten Weltkriegs gegen deutsche oder italienische Besatzer, und zweitens gab es auch Menschen, wie den Kommunisten Mihal Lekatari, dessen Antrieb nicht die «Besa» und nicht die Religion war. Lekatari sagt rückblickend: «Es gab keinen religiösen Grund für das, was ich tat. Ich versuchte Juden zu retten, weil sie menschliche Wesen in schrecklicher Gefahr waren, und ich kümmerte mich nicht darum, welche Religion oder Nationalität sie hatten. Wir liebten sie als Menschen.»

Im Nachbarland Kosovo war die Unterstützung von Flüchtlingen umstrittener.

Im Kosovo existierte ein wichtiges Netzwerk, das die Fälschung von Pässen unterstützte und mitorganisierte. Die Flüchtlinge wurden mit Ausweisen versorgt und in das sicherere «Altalbanien» gebracht. Im gleichen Gebiet gab es aber auch Menschen, welche die deutsche Anwesenheit begrüssten. Sie boten den Besatzern ihre Zusammenarbeit an, um auf keinen Fall wieder unter jugoslawische respektive serbische Herrschaft zu kommen. Was dazu führte, dass ein Teil der Bevölkerung beziehungsweise der Elite in dieser Region dazu bereit war, Jüdinnen und Juden zu denunzieren.

Über die Hilfeleistungen der Männer scheint mehr bekannt als über die Aktionen der Frauen.

Die albanische Gesellschaft war sehr patriarchal strukturiert: Männer geniessen in ländlichen Gegenden bis heute mehr Mobilität, waren dadurch im öffentlichen Raum unauffälliger, da zu dieser Zeit Frauen in bestimmten Gebieten wenig in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Ganz im Gegensatz etwa zum Widerstand in Frankreich: dort waren Frauen für Kurierdienste und für den Aufbau der Résistance zentral. Zahlreiche albanische Frauen halfen den Flüchtlingen aber im privaten Raum, innerhalb der Häuser und Höfe. Leider findet man dazu nur wenige konkrete Quellen, oft sind es eher Anhaltspunkte.

Wie schwierig war es, Informationen zu den Hilfeleistenden zu finden?

Es war schwieriger zu den Albanerinnen und Albanern Informationen zu finden als zu den geretteten Flüchtlingen. Tatsache ist: Albanien raste damals von einem Disaster ins nächste. Das Land war bereits ab Ende 1945 und in extremem Masse ab 1946 für die nächsten 45 Jahre zu – absolut isoliert. Deswegen sind auch viele Dokumente verschwunden. Die Retter_innen selbst schwiegen über ihre Rettungsaktionen aus Angst, vom kommunistischen Regime unter Enver Hoxha verfolgt zu werden. Dem albanischen Diktator galten viele der Jüdinnen und Juden und somit auch ihre Helfer_innen als Teil der Bourgeoisie. Erst als sich am Ende der sozialistischen Herrschaft einige Gerettete wie Gavra Mandil, ein jüdischer Holocaust-Überlebender, der als Kind in Albanien überlebt hatte, an die Gedenkstätte Yad Vashem wandten, sollten die Helfer_innen ihre Hilfeleistungen aufschreiben und als Beweis einreichen. Im Fall der Familie Mandil durften der Retter Refik Veseli und seine Frau bereits 1987 nach Israel reisen. Da Auslandsreisen im kommunistischen Albanien praktisch unmöglich waren, handelte es sich um eine aussergewöhnliche Ausnahme. Möglich wurde sie offenbar auch deshalb, weil Gavra Mandil dem Gesuch ein von seinem Vater aufgenommenes Foto von Enver Hoxha beigelegt hatte, das den verstorbenen Diktator bei der Siegesfeier in Tirana Ende 1944 zeigte.

Wie gut erforscht ist das Thema in der albanischen Geschichtswissenschaft und Gesellschaft?

Das Thema der Judenrettung ist in Albanien und Kosovo sehr populär – und wird leider zuweilen auch von nationalistischen Kreisen ausgenutzt. Hierzulande kennt diese Geschichte kaum jemand. Angesichts der heutigen Welt­lage sind solche Rettungsgeschichten aber wichtiger denn je. Der Titel des Buchs «Albanien, wir überlebten dank deiner Menschlichkeit» weist daraufhin, dass Menschlichkeit, Fürsorge und Freundschaft keine Religion und kein Geschlecht kennen. Die jüdischen Flüchtlinge überlebten dank dem oft lebensgefährlichen Einsatz von muslimischen, katholischen und christlich-orthodoxen Albaner_innen. Auch wir haben immer die Wahl, «menschlich» zu handeln. Das gilt nicht zuletzt für die Fluchtgeschichten, die die Gegenwart schreibt.

Das Interview basiert auf einem Gespräch zwischen Jan Dutoit und Franziska Zaugg anlässlich der Buchvernissage zu «Albanien, wir überlebten dank deiner Menschlichkeit». 

Unsere Expertin Franziska Zaugg ist Lektorin am Departement für Zeitgeschichte und Assoziierte Forscherin an der Universität Bern. Sie forscht zu Gewalt- und Konfliktgeschichte sowie Arten von Gedenken und Versöhnung.
franziska.zaugg@unifr.ch