Dossier
Diaspora im Dialog
Werden muslimische Gemeinschaften in der Schweiz aus dem Ausland gesteuert? Das Beispiel der bosnischen Diaspora zeigt, dass der Austausch mit dem Herkunftsland keine Einbahnstrasse ist und die religiösen Gemeinschaften auf beiden Seiten prägt und inspiriert.
Muslim_innen in der Schweiz stellen eine stark von Migration geprägte Gemeinschaft dar. Seit den 1960er Jahren sind Personen aus Jugoslawien in die Schweiz eingewandert, darunter auch Musliminnen und Muslime, die aufgrund der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan seit dem 14. Jahrhundert einen Teil der dortigen Bevölkerung ausmachen. Durch die Kriege in den 1990er Jahren hat sich die Anzahl von Menschen, die aus den Balkanländern in die Schweiz gelangten, weiter vergrössert. Mit 31 Prozent bilden Muslim_innen mit einer Staatsangehörigkeit einer der verschiedenen Staaten des Balkans (vor allem Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien und Serbien) die grösste Gruppe unter der rund halben Million Muslim_innen in der Schweiz. Von den 37 Prozent der Muslime und Musliminnen mit Schweizer Staatsangehörigkeit hat darüber hinaus ein beachtlicher Anteil ebenfalls Wurzeln in der Balkanregion.
Enge Bande zum Herkunftsland
Aufgrund ihrer Migrationsgeschichte können die muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz als Diaspora verstanden werden. Diaspora bedeutet aber nicht eine einseitige Abhängigkeit vom Herkunftsland und eine alleinige Ausrichtung auf dieses. Wie der Soziologe Stewart Hall aufzeigt, vermischt sich eine oft idealisierte Herkunft mit Erfahrungen im Einwanderungsland und Perspektiven für die Zukunft. Diaspora wird ständig ausgehandelt, auf Ebene der Individuen wie der Gemeinschaften.
Von Seiten der Herkunftsländer gibt es Ansprüche und Interessen, um den Einfluss auf die Ausgewanderten nicht zu verlieren. Das hängt nicht zuletzt auch mit ökonomischen Interessen zusammen, spielen doch Rücküberweisungen eine wichtige Rolle. Religiöse Autoritäten und Vertretungen der muslimischen Gemeinschaften aus den verschiedenen Ländern des Balkans unternehmen regelmässig Reisen durch die Schweiz und vertreten den Anspruch, eine Steuerungsfunktion für die muslimischen Gemeinschaften wahrzunehmen. Vorträge, Einweihungen neuer Moscheeräumlichkeiten, nationale Feste oder auch Gedenktage wie etwa für die Opfer des Massakers von Srebrenica bieten dafür Gelegenheiten.
Besonders intensiv sind die Beziehungen in der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, die beansprucht, nicht nur die Muslim_innen im Inland zu vertreten, sondern auch bosnischstämmige Muslim_innen im Ausland. Im rund 90-köpfigen Parlament der Islamischen Gemeinschaft sind so auch neun Sitze für Vertreter_innen aus verschiedenen Ländern der Diaspora vorgesehen. Die rund 15 bosnischen Imame, die in der Schweiz tätig sind, benötigen zudem ein Dekret des Grossmuftis von Sarajevo. Dies konkretisiert den Anspruch, die religiöse Lehre auch in der Diaspora zu kontrollieren. Es handelt sich aber auch um eine Massnahme der Qualitätssicherung, da das Dekret einen Masterabschluss der Universität Sarajevo oder an einer anderen als gleichwertig anerkannten Universität voraussetzt.
Zwischen Tradition und Erneuerung
Erfahrungen und intellektuelle Traditionen des bosnischen Islams können als Ressource für die Diaspora dienen. So wurde Bosnien-Herzegowina 1878 im Rahmen der auf dem Wiener Kongress erfolgten Neuordnung des Balkans vom Habsburgerreich besetzt und 1908 annektiert. Die Habsburger bauten in dieser Zeit eine lokale religiöse Infrastruktur für die Muslim_innen auf. Dazu gehörte eine kirchenähnlich strukturierte islamische Gemeinschaft mit dem Grossmufti als Oberhaupt, der dem Rang nach einem katholischen Erzbischof entsprach. Daneben wurde in Sarajevo eine Fachschule für Schariarichter gegründet, ein Vorläufer für die heutige Fakultät für Islamische Studien der Universität Sarajevo. Die Studierenden setzten sich dort sowohl mit dem staatlichen Recht als auch mit islamischen Rechtstraditionen auseinander, die in Bosnien-Herzegowina bis 1946 im Bereich des Familienrechts ihre Gültigkeit behielten. Mit all diesen Massnahmen wollten die Habsburger die bosnischen Muslim_innen integrieren und verhindern, dass sie sich weiterhin als Diaspora des Osmanischen Reichs verstehen würden. Gleichzeitig begannen muslimische Intellektuelle sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Muslimischsein in einem nichtmuslimischen Staat bedeutet. Diese Reflexionen wurden im Königreich Jugoslawien und später im kommunistischen, zeitweise sehr religionsfeindlichen Jugoslawien weitergeführt und zunehmend identitätspolitisch instrumentalisiert.
Ungeachtet davon sind für die bosnische Islamtradition Reformorientierung, die Institutionalisierung der muslimischen Gemeinschaft, die Erfahrung des Zusammenlebens in einer multireligiösen Gesellschaft und die positive Sicht auf den säkularen Staat kennzeichnend. So wird an der Fakultät für Islamische Studien in Sarajevo Islam als europäische Denktradition praktiziert in einer Auseinandersetzung mit muslimischen Diskursen und zeitgenössischer europäischer Philosophie. All dies bietet auch Anknüpfungspunkte für die noch jungen muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz, die teils mit ähnlichen Fragen konfrontiert sind.
Auf der anderen Seite entwickeln sich aber auch die Lebensrealitäten der Muslim_innen in der Schweiz rapide weiter. Obwohl sprachliche und kulturelle Prägungen aus dem Herkunftsland noch eine wichtige Rolle spielen und in den Moscheen gepflegt werden, werden die Landessprachen der Schweiz zunehmend zu Kommunikationssprachen der muslimischen Gemeinschaften. Musliminnen und Muslime erleben gesellschaftliche, aber aufgrund der vielfältigen Zusammensetzung ihrer Gemeinschaften auch innermuslimische Diversität in einem gesteigerten Ausmass. Moscheegemeinden unterschiedlicher Prägung schliessen sich zu kantonalen Dachverbänden zusammen, um ein gemeinsames Gegenüber für den Staat zu bilden und auch um gemeinsam Erfahrungen des Muslimseins in der schweizerischen Gesellschaft zu reflektieren.
Keine Einbahnstrasse
Eine zentrale Entwicklung der letzten Jahre, zu der bosnischstämmige Muslim_innen entscheidend beigetragen haben, ist der Aufbau muslimischer Seelsorge in öffentlichen Institutionen in der Schweiz. Ein Forschungsprojekt des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg in Kooperation mit der Fakultät für Islamische Studien der Universität Sarajevo hat die Seelsorgepraxis in der Armee, in Spitälern und in Gefängnissen vergleichend untersucht.
Während Seelsorge in der Schweiz in diesen Institutionen etabliert ist, ist das in Bosnien-Herzegowina nur bei der Armee der Fall. Aufgrund der starken Säkularisierung hat Religion in Spitälern und Gefängnissen keinen festen Platz und es werden in der Regel nur punktuelle Besuche durch Imame durchgeführt. Der Ort der Seelsorge in öffentlichen Institutionen erfordert eine Anerkennung von deren Rahmenbedingungen; so musste etwa ein Armee-Imam in Bosnien-Herzegowina einer Rekrutin vermitteln, dass das Tragen des Kopftuchs in der Armee ausgeschlossen ist.
Drei Ergebnisse der Studie wurden von den bosnischen Kooperationspartnern mit besonderem Interesse aufgenommen: Seelsorge führt zu einer Differenzierung von Rollen religiöser Professioneller: Während dem Imam die Aufgabe zukommt, religiöse Lehren zu vermitteln, hören die Seelsorgenden in erster Linie zu und helfen Personen, in schwierigen Lebenssituationen Orientierung und Halt zu finden und dafür ihre eigenen Ressourcen zu mobilisieren. Seelsorge eröffnet zudem ein Tätigkeitsfeld für qualifizierte weibliche Fachpersonen, die von der Tätigkeit als Imam ausgeschlossen sind. Schliesslich erfordert Seelsorge Sensibilität für unterschiedliche Lebensrealitäten, auch für Menschen mit geringer oder keiner religiösen Sozialisation, und ist somit ein Erfahrungsraum für Diversität.
Die Forschungsergebnisse wurden bei einer Tagung im Februar 2026 in Sarajevo intensiv diskutiert. Auch muslimische Seelsorgende aus der Schweiz traten bei der Tagung als Expert_innen auf. Entwicklungen in der Schweiz gaben Impulse, um auch in Bosnien-Herzegowina auf eine Bedarfssituation von Kranken, Gefangenen und Armeeangehörigen zu antworten und eine professionelle Seelsorge in öffentlichen Institutionen aufzubauen.
Das Beispiel unserer Studie zeigt, dass bosnische Islamtraditionen Impulse für muslimisches Leben in der Schweiz geben können, wie aber auch Neuentwicklungen im schweizerischen Kontext im Bereich der Seelsorge wieder nach Bosnien-Herzegowina zurückwirken. In politi-schen und medialen Islamdebatten wird häufig unterstellt, dass die Muslim_innen in der Schweiz aus dem Ausland kontrolliert würden. Die Praxis steht diesen stereotypen Wahrnehmungen diametral entgegen. Diaspora bedeutet keine Einbahnstrasse vom Herkunftsland in das Einwanderungsland, sondern erzeugt vielfältige Wechselwirkungen, die einen transnationalen Islam mit variablen Zentren und Bezugskontexten hervorbringt.
Unser Experte Hansjörg Schmid ist Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg und Professor für Interreligiöse Ethik. Gemeinsam mit Aid Smajić, Amira Hafner-Al Jabaji und Ahmet Alibašić hat er die von Movetia geförderte Studie «Professionalising Muslim Spiritual Care: Swiss and Bosnian Experiences» verfasst.
hansjoerg.schmid@unifr.ch
Literatur
Stuart Hall, Cultural Identity and Diaspora, in: Jana Evans Braziel/Anita Mannur (Hg.), Theorizing Diaspora. A Reader, Malden: Wiley 2005, S. 222–237
