Porträt

«Mit Begeisterung!»

Früher war er Profispieler, heute organisiert er die Eishockey-WM in der Schweiz. Das ist kein Zufall: Als seine Mitspieler Golf spielten, schrieb Christian Hofstetter Seminararbeiten.

Wie Christian Hofstetter vorstellen? Bekannt ist er in Freiburg in erster Linie als legendärer Eishockeyspieler. Von 1989 bis 1997 war er Captain von Gottéron. Es war die Zeit, als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Slawa Bykow und Andrei Chomutow völlig überraschend zwei der besten Spieler der Welt nach Freiburg wechselten. Eine «unreal Story» nennt Hofstetter die Verpflichtung der beiden Russen.

Aktuell stellt man den 58-Jährigen aber besser als Chef des Organisationskomitees der Eishockey-WM vor, die im Mai in der Schweiz stattfindet. Als Generalsekretär laufen bei Hofstetter die Fäden zusammen. Austragungsort ist nebst Zürich auch Freiburg. Ein internationaler Grossanlass in einer kleinen Stadt; die zweite unreal story seiner Karriere? «Freiburg ist nicht zum ersten Mal Austragungsort, so gesehen ist es nicht ganz so unglaublich.» Zuletzt 1990 – mit Hofstetter als Volunteer. Aus persönlicher Sicht passe der Ausdruck unreal story dennoch. «Weil ich Jahrzehnte später diese WM organisieren darf, unter anderem in der Stadt meines Herzens, in der Arena, in der ich grossgeworden bin.»

Seminararbeiten statt Golf

Längst nicht alle Sportler legen nach erfolgreicher Profikarriere eine erfolgreiche berufliche Karriere hin. Dass Hofstetter es geschafft hat, ist kein Zufall. Ausbildung war ihm immer wichtig – und er war schon immer ein geschickter Organisator und Verhandler. Als er während seiner Collège-Zeit den Schritt in die Profimannschaft schaffte und dadurch am Morgen Training hatte, wurde das schulisch zum Problem. Mehr als eine Sportdispens schaute bei der offiziellen Anfrage aber nicht heraus. «Also habe ich mit den einzelnen Lehrer_innen Vereinbarungen getroffen. Sie sagten mir, ich dürfe trainieren gehen, solange die Leistungen stimmen. Das habe ich als Ansporn genommen.»

1987 begann Hofstetter sein zweisprachiges Betriebswirtschaftsstudium mit Schwer­punkt Marketing an der Universität Freiburg, 1996 hatte er das entsprechende Lizenziat in der Tasche. «Es war mit Entbehrungen verbunden. Während meine Mitspieler im Sommer Golf spielten, schrieb ich Seminararbeiten und Prüfungen.» Bereut hat er das Studium aber nie. Ganz im Gegenteil: «Die analytische Herangehensweise an Problemstellungen hilft mir noch heute. Es ist wichtig, nicht aus der Hüfte zu schiessen, sondern alle Fakten zusammenzutragen, bevor man nach Lösungen sucht.»

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Kurz nach dem Lizenziat beendete Hofstetter seine Karriere auf dem Eis. Mit nur 29 Jahren. «Mir lagen zwei Offerten vor. Eine von Gottéron und eine für einen Job im Marketingbereich eines Sportartikelherstellers. Da ich von meinem Lizenziat Gebrauch machen wollte und wusste, dass im Sport das Ende jederzeit schnell kommen kann, habe ich mich für die weniger lukrative Offerte entschieden. Langfristig gesehen war das der richtige Entscheid.»

Den Grossteil seiner beruflichen Karriere verbrachte Hofstetter von 2008 bis 2023 beim Internationalen Eishockeyverband (IIHF). Zunächst im Bereich Marketing und Kommunikation, später als Sportchef. Bei 15 Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen war er in dieser Zeit dabei.

Und nun also sein Chef d’Œuvre: die Organisation der WM im eigenen Land. Ein Topjob. Nicht der erste in seiner Kar­riere. Wie macht er das? «Mit Begeisterung! Was ich mache, mache ich mit Begeisterung. Wenn ich an etwas glaube, gebe ich 100 Prozent Einsatz, scheue keine Mühe, die Sache voranzutreiben – egal ob am Tag, in der Nacht oder am Wochenende.» Wie lang seine Tage sind? «Schwierig zu sagen, mit den diversen Kommunikationsmitteln und Ansprechpartnern in verschiedenen Zeitzonen ist man immer im Einsatz. Wenn ich um Mitternacht etwas sehe, das ich erledigen kann, dann erledige ich es.» Die grösste Herausforderung bei der Organisation? «Die unterschiedlichsten Erwartungen aufzunehmen, einzuordnen und unter einen Hut zu bringen. Damit der Event für die Verbände, die Medien, die Fans, die Sponsoren, die Teams und den Internationalen Eishockeyverband zum Erfolg wird, müssen viele Interessen berücksichtigt werden.»

Hohe Ansprüche, ein Budget über rund 50 Millionen Franken – wie geht Hofstetter mit dieser Verantwortung um? Kommt es vor, dass er Mühe mit Einschlafen hat? «Zum Glück nicht. Einerseits, weil ich ein kompetentes Team habe, in dem alle ihren Bereich im Griff haben. Andererseits ist Druck für mich etwas Positives, er spornt mich an. Diese Denkweise konnte ich aus meiner Sportlerkarriere mitnehmen.»

Freiburg wird bunt

Wie wird sich das Stadtbild in Freiburg im Mai verändern, wenn Fans aus aller Welt in die Stadt reisen, aus Schweden, Tschechien, Kanada, Dänemark, der Slowakei? «Es wird bunt. Eishockeyfans sind gerne lange unterwegs und nehmen manchmal gleich ganze Restaurants ein. Sie sind friedlich und feiern bei Weltmeisterschaften gerne alle zusammen.»

Den Leuten «durch das Eishockey ein Lächeln ins Gesicht zaubern» gehört zu Hofstetters Zielen für die WM. So wie das in der ersten Primarklasse in der Freiburger Unterstadt einem Freund gelungen war, als er den kleinen Christian zum ersten Mal mit zum Eishockey nahm. «Dort wurde meine Liebe zu dem Sport entfacht. Sie hat mich nie wieder losgelassen.»

Christian Hofstetter kam in Zürich zur Welt und zog im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Freiburg. Nach seiner Karriere als Eishockeyprofi war er vor seinem langen Engagement beim Internationalen Eishockeyverband auch für den Europäischen Fussballverband (UEFA) tätig, als er bei der Organisation der Fussball-­EM 2008 in der Schweiz und Österreich mithalf. Heute arbeitet der 58-Jährige für die OC 2026 IIHF Ice Hockey World Champioship AG und ist als Generalsekretär der Heim-WM für die gesamte Planung, Organisation und Durchführung des Grossanlasses verantwortlich. Seit Herbst 2008 lebt er wieder in Zürich.