Dossier

Das Paradies als Norm der Stadt?!

Die vollendete Schöpfung trägt den Namen einer irdischen Stadt: Jerusalem.

Theologie und Stadt – dieses Verhältnis kann verschieden behandelt werden. Man könnte den Ort von Kirche, Religion, Theologie in der heutigen Stadt untersuchen. Daraus gehen Themen hervor wie Spiritualität gegen städtischen Stress, Cityseelsorge, die Zukunft der Pfarreien in Innenstädten ohne Wohnbevölkerung etc. Weniger Aufmerksamkeit findet die Stadt als Thema der Theologie selbst. Gibt es eine «Theologie der Stadt»? «Videtur quod non», würde Thomas von Aquin vermutlich eine entsprechende Quaestio eröffnen – das scheint nicht der Fall zu sein. Als starkes Gegenargument könnte er heutzutage Harvey Cox anführen, den baptistischen Theologen, der 1965 mit seinem Buch «The Secular City: Secularization and Urbanization in Theological Perspective» die «Stadt ohne Gott» proklamierte, so die deutsche Übersetzung (1966). Worauf könnte Thomas sich in seinem Respondeo dicendum stützen?

Irdische Stadt, himmlisches Jerusalem

Auch ohne theologische Ausbildung fällt etwas auf, wenn wir die Bibel in die Hand nehmen: Die hier gesammelten Zeugnisse beginnen in einem Garten, dem Paradiesgarten Eden – und enden in einer Stadt, dem himmlischen Jerusalem, das auf die Erde herabkommt. Dieser Weg vom Garten zur Stadt ist der typisch menschliche Weg der Kultur: Er beginnt mit der unmittelbaren Bearbeitung des Erdbodens und mündet in eine politische Ordnung, mit der die Menschheit inmitten der Gesamtheit der Geschöpfe ihr Leben gestaltet. Der Zielpunkt dessen, was Gott dem Menschen mit dem Garten zutraut, ist offenbar: die Stadt. Doch geradlinig verläuft dieser Weg nicht.

Schon der Ackerbau steht unter dem Vorzeichen des Sündenfalls: «Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen»; «unter Mühsal» wirst du den Acker­boden bestellen (Gen 3,17–19). Auch die Stadt entsteht unter keinem guten Stern. Von Kain, dem Brudermörder, hören wir: Im Unterschied zu seinem Bruder Abel, dem Schafhirten, ist er zunächst Ackerbauer, unterliegt also den Folgen des Sündenfalls. Von ihm heisst es: «Er wurde Gründer einer Stadt und benannte sie nach seinem Sohn Henoch». Der Turmbau zu Babel (Gen 11,1– 9) zeigt das Streben der Stadt gen Himmel.

Die Frage nach dem paradiesischen Ursprung hat in der Theologiegeschichte das Denken bewegt – nicht zufällig gerade zu einer Zeit, in der die Christen aufgrund der reformatorischen Wirren sich als unfähig erwiesen, die Grundlage des Zusammenlebens in Frieden und Gerechtigkeit zu garantieren. Calvin und Zwingli erprobten ihre reformatorischen Bemühungen um Rückkehr zum Evangelium nicht zufällig durch die Reformierung der Stadt und die Eindämmung der Folgen der Sünde. Diesem «Terror der Tugend», wie Volker Reinhardt sein Buch über Calvin betitelt, wollte die Stadt sich nicht unterwerfen. Aus der Abwehr der christlichen Dominanzversuche entstand die moderne politische Philosophie.

Was wäre wenn?

Der Jesuit Francisco Suárez beginnt in seinem Kommentar zu Thomas von Aquin wieder ganz von vorn und greift eine Frage auf, die er «ein merkwürdiges Thema» nennt: Wie wäre der Zustand des Menschen gewesen, wenn Adam nicht gesündigt hätte? Er fragt, «ob es eine politische Gemeinschaft gegeben hätte, seien es Dörfer, Städte oder Königreiche» (pagi, civitates, regni). Suárez ist überzeugt, dass «die Vereinigung der Menschen in einem politischen Gemeinwesen nicht nur zufällig oder wegen der Verderbtheit der Natur erfolgt, sondern den Menschen ungeachtet ihres Zustands entspricht und ihre Vollkommenheit betrifft». Politische Herrschaft stammt nicht aus der Sünde, sondern aus der Natur des Menschen selbst.

Gerade im unverdorbenen Zustand ist der Mensch ein «zoon politikon«, ein Poliswesen, ein Stadtwesen.

Suárez stimmt mit Thomas von Aquin überein, der in seinen Überlegungen zum Menschen im Paradies (STh I, 96,4) – die politische Qualität des menschlichen Lebens bekräftigt: Im Urzustand ist jeder Mensch frei und «causa sui», um seiner selbst willen da. Da der Mensch ein Gemeinschaftswesen (animal sociale) ist, dient Herrschaft der Ausrichtung auf das bonum commune in Freiheit, ohne jegliche Zwangsgewalt, Unterdrückung, Sklaverei. Das Paradies als Norm der Stadt?!

Der Zwiespalt, den die Überlegungen anzeigen, spiegelt sich in zwei Sätzen, die im Artikel «Stadt» der renommierten «Theologischen Realenzyklopädie» ohne viel Abstand aufeinander folgen: «Das Christentum war von Anfang an auch und vor allem eine Stadtreligion» (Bd. 32, 92) und «Das Verhältnis der Christen zur Stadt war von Anfang an ambivalent» (Bd 32, 94). Das positive Verhältnis der Christen zur Stadt beruht auf ihrer Glaubenserfahrung: Gott hat ihnen die Schöpfung mit einem Kulturauftrag anvertraut. Die Stadt, die diese Selbstverantwortung und Selbstverwaltung gegenüber dem dörflichen Leben in erhöhtem Masse Gestalt gewinnen lässt, entspricht ihrem Lebensgefühl. Der antike Begriff der Stadt als polis wird in die christliche Sprache integriert und auf das Zusammenleben von Himmel und Erde ausgeweitet: «Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger (sympolitai) der Heiligen und Hausgenossen Gottes» (Eph 2,19).

Die heilige Stadt

Auf den ersten Blick wird die irdische Stadt damit entpolitisiert, und die Kirche scheint sich der Realpolitik zu entziehen. Für ihre Gemeinschaftsgestalt wählen Christen das Wort «paroikein» (wohnen mit «Aufenthaltsbewilligung», aber ohne Einbürgerung, würde man in der Schweiz sagen) im Unterschied zum «katoikein» Bürger mit politischen Rechten. Das Wort «Pfarrei» ging aus dieser Wurzel hervor. Doch der himmlische Glanz transformiert die konkrete irdische Stadt. Jerusalem wird zur Stadt schlechthin, zur «heiligen Stadt», weil sie das Wesen der Stadt erfüllt: Gott wohnt in ihr bei den Menschen. Ein Tempel ist nicht mehr nötig (Offb 21.22).

Schon um 150 formuliert der Diognetbrief die spannungsreiche Aufgabe: «Um es kurz zu sagen, was im Leibe die Seele ist, das sind in der Welt die Christen … Christen wohnen in der Welt, sind aber nicht von der Welt …».  Augustinus wird in seinem monumentalen Werk «De Civitate Dei» zum nachhaltig prägenden Theologen der Stadt: Vorbild für seine civitas ist die im Niedergang begriffene Stadt Rom. In ihr erkennt er zwei radikal entgegengesetzte Lebensprinzipien: die civitas terrena (das Prinzip der egoistischen Selbstbezogenheit) und die civitas Dei (das Prinzip der Gottesliebe, einhergehend mit dem Einsatz für andere und für das Gemeinwohl). Die Gottesstadt ist keineswegs identisch mit der Kirche. In jedem Herzen liegen beide Prinzipien im Kampf.

An diesem Grundproblem der Stadt, ja jeglicher politischen Ordnung und auch jeder «Religion», wird sich nichts mehr ändern. Im Gegenteil: Je mehr sich die Potentialität der Stadt steigert, desto mehr treten auch ihre Versuchungen zutage. Die Geldwirtschaft, die im europäischen Raum ab dem 12. Jahrhundert erstarkte, schuf eine neue Blüte der Städte. Das Leben bestand nicht mehr aus der ständigen Arbeit für das physische Überleben. So konnten in den Städten die Universitäten entstehen, die Zeit für intellektuelle statt physischer Arbeit hatten.

Das Beste, was Christen tun können, besteht von nun an darin, die Stadt an ihren paradiesischen Ursprung und ihr himmlisches Ziel zu erinnern. Das tun sie inmitten der Stadt und für die Stadt. Die «Bettelorden», Franziskaner und Dominikaner, zogen sich nicht mehr in die Wüste zurück oder blieben auf andere Weise auf Distanz, sondern hielten der Stadt inmitten der Stadt einen Spiegel vor: Der Mensch lebt nicht aus Reichtum (→ Armut), aus Eigenwillen (→ Gehorsam), aus Selbsterhaltung (→ Verzicht auf Familie und Nachwuchs). Die Ansiedlung der Bettelorden am Rande der Stadt, oft an den Stadtmauern, versucht die Bürger aus der Zentriertheit um die eigene Mitte herauszuführen.

Die heutige Urbanistik sagt: Unsere Städte sind keine Städte mehr, sondern «urbane Gebiete». Ihre Attraktivität aufgrund der ihr innewohnenden Verheissung des guten Lebens ist ungebrochen, aber immer weniger einlösbar. Ihre Abhängigkeit von «Lebens-Mitteln» aller Art wird immer prekärer. Slums sind weltweit ihre verdrängten Begleiterscheinungen. Aus theologischer Sicht steht fest: Eine «Stadt ohne Gott» ist nicht eine «säkulare Stadt», sondern – gar keine Stadt.

Unsere Expertin Barbara Hallensleben ist Professorin am Departement für Glaubens- und Religionswissenschaft, Philosophie. 
barbara.hallensleben@unifr.ch