Dossier

Unsichtbare Geschichten

Auf einer Reise durch den Balkan entdecken die Fotografen Jaka Teršek und Ivan Tomašević eine Region, die von Erinnerung, Ambivalenz und Projektionen geprägt ist. Ihre Bilder zeigen Fragmente des Alltags und lassen Raum für Geschichten, die dem Blick verborgen bleiben.

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Jaka und Ivan, was hat euch zu dieser fotografischen Reise durch den Balkan inspiriert?

Das Projekt begann mit einer gemeinsamen Neugierde auf den Balkan, einer Region, die uns zugleich vertraut und fern war. Obwohl wir beide in Ländern des ehemaligen Jugoslawiens aufgewachsen sind – Jaka in Slowenien und Ivan in Kroatien –, stammte vieles von dem, was wir über den Balkan zu wissen glaubten, aus überlieferten Erzählungen, Stereotypen und Erinnerungen. Das Leben im Ausland schuf eine gewisse Distanz und machte uns je länger, je mehr bewusst, wie wenig fundiert diese Annahmen waren. Die Distanz gab uns aber auch die Möglichkeit, mit einem neuen Blick in die Region zurückzukehren und unsere Vorstellungen durch neu erlebte Erfahrungen zu ergänzen.

Warum habt ihr die Serie «The Balkan Frontier» genannt?

Der Titel bezieht sich weniger auf eine geografische als vielmehr auf eine mentale und kulturelle Grenzlinie. Der Balkan wurde lange als ein Ort zwischen Ost und West gesehen, zwischen Europa und dessen vermeintlichem «Anderem». Die «Frontier» wurde zu einer Metapher für Unsicherheit, für die sich verschiebenden Grenzen zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss, zwischen Mythos und Realität, Vergangenheit und Gegenwart. Vorläufig bleibt es allerdings ein Arbeitstitel.

Folgende Bildauswahl der Fotoserie «The Balkan Frontier» illustriert die gedruckte Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «universitas»:. © Jaka Teršek & Ivan Tomašević

 

 

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Ihr seid aufgebrochen als «ein Kroate und ein Slowene, die unter den Fittichen einer belgischen Kunstakademie durch den Balkan reisen». Wie wurdet ihr von den Menschen aufgenommen, denen ihr begegnet seid?

Die meisten Begegnungen waren von Grosszügigkeit und Offenheit geprägt. Oft luden uns Menschen in ihre Häuser ein, teilten Mahlzeiten, Geschichten und Meinungen mit uns. An manchen Orten, besonders bei älteren Generationen, schuf die gemeinsame jugoslawische Vergangenheit sofort ein Gefühl von Vertrautheit. In anderen Situationen trat die nationale Identität stärker hervor und prägte, wie wir wahrgenommen wurden. In den meisten Begegnungen jedoch schienen die Unterschiede, die im politischen Mainstream-Diskurs betont werden, im Alltag weniger präsent. Stattdessen traten gemeinsame Geschichten, Sprache und Alltagserfahrungen stärker hervor als die Differenzen.

Wir lernten auch, dass unsere blosse Anwesenheit Teil der Begegnung werden konnte. Zwei Menschen, die mit Kameras herumlaufen und Häuser, Gärten und Strassen aufmerksam beobachten, konnten manchmal verdächtig offiziell wirken. Mehr als einmal wurden wir scherzhaft für Inspektoren gehalten, was meistens zu einem Lachen führte und die Tür zu einem Gespräch über das Projekt öffnete.

Hattet ihr einen Plan oder eine bestimmte Vorstellung, wie ihr den Balkan mit der Kamera einfangen wolltet?  

Es gab bestimmte Themen, die uns interessierten, wie etwa Erinnerung, Identität, Grenzen oder auch die Spuren der Geschichte. Gleichzeitig liessen wir aber ganz bewusst Raum für das Unerwartete. Wir hatten eine Art Leitplanke, aber viele der Fotografien entstanden aus Situationen, die wir nicht hätten vorhersehen können. Wir wollten uns dem Balkan nähern, ohne die vorgefassten Bilder zu verstärken, die ihn so oft definieren. Im Verlauf der Arbeit wurde aber deutlich, dass es schwierig ist, den visuellen Konventionen zu entkommen, dass das «visuelle Gedächtnis» nicht einfach rückgängig gemacht werden kann. Diese Spannung zu erkennen, veränderte unseren Umgang damit. Statt zu versuchen, die visuellen Stereotypen des Balkans vollständig zu vermeiden, liessen wir Ambivalenz und Widerspruch in den Bildern sichtbar bleiben.

Wie würdet ihr die Fotografien beschreiben, die aus dem Projekt entstanden sind? Was erzählen sie uns?

Die Fotografien bewegen sich zwischen Dokumentation und persönlicher Beobachtung. Zusammengenommen vermitteln sie, dass sich der Balkan nicht auf eine einzige Erzählung reduzieren lässt. Die Bilder wollen die Region nicht erklären, sondern deren Komplexität durch erlebte Begegnungen und Momente näherbringen. Wir verstehen Fotografie als eine subjektive Kunstform, und das Projekt erzählt zwangsläufig ebenso viel über uns wie über die Orte, durch die uns die Reise geführt hat. Was die Bilder tatsächlich bestätigen, hinterfragen oder offenlassen, bleibt jedoch der Interpretation der Betrachterinnen und Betrachter überlassen.

Viele der Fotografien wurzeln in Begegnungen und Momenten, die nicht sichtbar oder erkennbar sind. Könnt ihr eine der Geschichten hinter den Bildern erzählen?

Viele Bilder tragen tatsächlich Geschichten in sich, die im Bildrahmen unsichtbar bleiben. So fuhren wir einmal nach einem langen Tag unterwegs zurück zur Wohnung, als Ivan vor einem Haus zwei leere Plastikstühle bemerkte. Es war eine vertraute Balkanszene: zwei Stühle zur Strasse hin ausgerichtet, als wären eine Grossmutter und ihre Nachbarin gerade erst ins Haus gegangen und hätten ihren täglichen Beobachtungsposten zurückgelassen. Wo waren sie? Was mochte sich ausserhalb des Bildrahmens abspielen, während sie drinnen die Abendnachrichten schauten, ohne zu wissen, dass die eigentliche Geschichte draussen geschah?

Ivan hätte Jaka beinahe gebeten, das Auto anzuhalten. Stattdessen übernahm das Zögern… die Szene ist zu offensichtlich… dafür lohnt es sich nicht anzuhalten.. er wird denken, es sei ein Klischee, vielleicht sehe ich da eine Bedeutung, wo gar keine ist. Der Moment verging und mit ihm die Stühle.

Am nächsten Tag fuhren wir dieselbe Strasse in der entgegengesetzten Richtung entlang. Die Stühle standen immer noch dort. Bevor Ivan etwas sagen konnte, verlangsamte Jaka das Auto und zeigte auf sie. Er begann, dasselbe Foto zu beschreiben, das Ivan sich am Tag zuvor vorgestellt hatte. Ivan konnte nur lachen und gestand, dass er sie bereits bemerkt, sich aber ausgeredet hatte, anzuhalten. Das Bild hatte einen ganzen Tag lang nur in seinem Kopf existiert.

Wir stiegen beide aus und fotografierten die Szene aus jedem möglichen Winkel. Es hatte etwas Beruhigendes zu erkennen, dass wir uns unabhängig voneinander von demselben Bild angezogen gefühlt hatten. Gleichzeitig war es eine Erinnerung daran, wie leicht Fotografien verschwinden, bevor sie überhaupt entstehen. Es lässt uns darüber nachdenken, wie viele Bilder wir beide vielleicht schon auf genau dieselbe Weise verloren haben, ohne je zu wissen, dass sie da waren. Erfahrungen wie diese prägten das Projekt ebenso sehr wie die Fotografien selbst. Sie beeinflussten nicht nur, was wir fotografierten, sondern auch, wie wir lernten, der Intuition des anderen zu vertrauen. In dieser Hinsicht handelt das Projekt ebenso sehr von Zusammenarbeit und gemeinsamer Wahrnehmung wie von den Bildern selbst.

In der Einleitung zur Fotoserie endet ihr mit der Frage: «Who, where and what is Balkan?» Habt ihr Antworten gefunden?

Ich würde eher sagen, dass die Suche nach Antworten, die Fragen noch komplexer gemacht hat. Wir haben erkannt, dass der Balkan für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutungen haben kann. Er kann als geografischer Begriff verstanden werden, als politisches Etikett, als kulturelle Identität, als von aussen auferlegte Projektion oder einfach als «state of mind». Derselbe Begriff kann in einem Moment präzise sein und im nächsten absolut unzureichend, je nach Ort oder Begegnung. Wir haben dies akzeptiert und nicht versucht, einen gemeinsamen Nenner zu schaffen, sondern offen zu sein für die vielen Facetten und Nuancen.  Die Fragen haben uns begleitet, sie wurden zu einem Teil der Reise, an deren Ende wir keine Antworten mehr suchten.

© Jaka Teršek & Ivan Tomašević

Jaka Teršek (geboren 1997 in Slowenien) und Ivan Tomašević (geboren 1989 in Kroatien) sind ein Künstlerduo mit Sitz in Ljubljana und Berlin. Beide Künstler haben einen Masterabschluss in Visual Arts der Royal Academy of Fine Arts Antwerp, wo sie derzeit als künstlerische Forscher tätig sind. Ihre Arbeiten wurden in internationalen Ausstellungen gezeigt und in verschiedenen Publikationen veröffentlicht.
ivan.tomasevic.photo@gmail.com      
jaka.tersek@gmail.com