30 Jahre Religionswissenschaft an der Universität Freiburg
Seit den Gründungsjahren der Universität Freiburg ist die Religionswissenschaft in der Forschung und Lehre präsent. Freilich hat sich das Fachverständnis in dieser langen Periode stark gewandelt.
Die Anfänge 1894 bis 1898
Die Berufung von Edmund Hardy (1852-1904) an die Philosophische Fakultät zum Professor für „altindische Literatur und Vergleichende Religionswissenschaft“ im Jahr 1894 spiegelte die Aufbruchsstimmung der jungen Universität wider. Zwar hatten Universitäten in Genf, Amsterdam, Leiden, Paris und Brüssel bereits etwas früher Professuren für Religionsgeschichte eingerichtet, aber Hardys Lehrstuhl gilt weltweit als erste Professur unter der Bezeichnung Religionswissenschaft. Für die Etablierung der Disziplin bedeutete dies einen grossen Fortschritt.
Edmund Hardy (vierter von links) mit sieben Professoren und Hund, die 1898 die Universität Freiburg verliessen. (Kantonal- und Universitätsbibliothek Fribourg, Cabinet des manuscrits, Dépôt Müller-Büchi)
Hardy spielte noch aus zwei weiteren Gründen eine wichtige Rolle für die frühe Ausgestaltung des neuen Studienfaches: Er war Mitbegründer der ersten Fachzeitschrift der jungen Disziplin, dem 1899 begründeten Archiv für Religionswissenschaft. Und er verfasste den ersten Artikel in ebendiesem Journal unter dem Titel Was ist Religionswissenschaft? Obwohl Hardy selbst katholischer Theologe aus Deutschland war, trat er nun entschieden für eine empirische Fundierung des Faches und für die Abgrenzung zur Theologie ein: Religionswissenschaft solle sich ausschliesslich an historischen Fakten orientieren; die philosophische wie auch theologische Spekulation über den Wahrheitsgehalt von Glaubensvorstellungen gehöre nicht in ihren Aufgabenbereich; alle Religionen sollten neutral und ohne Vorbehalte erforscht werden.
Hardy selbst – wie auch 10 weitere Professoren – verliess die Universität Freiburg allerdings bereits im Jahr 1898 nach tiefgreifenden Auseinandersetzungen innerhalb der Universität und mit der Regierung des Kantons Freiburg. Im Gedenken an das 125-jährige Jubiläum des berühmten Aufsatzes Was ist Religionswissenschaft? haben wir mit unserer Zeitschrift AЯGOS ein Sonderheft zu Hardy herausgegeben.
Religionsforschung an der Philosophischen Fakultät 1905 bis 1990
Der Bedarf an Kenntnissen über andere Religionen und Kulturen war auch in der Folgezeit immens, verstand sich die Universität im frühen 20. Jahrhundert doch als Kaderschmiede des Katholizismus mit weltweiter Ausstrahlung. In der Philosophischen Fakultät war insbesondere die Sprach- und Literaturforschung bedeutsam: Von 1905 bis 1921 lehrte der französische Indologe Alfred Roussel (1849-1921) „Sanskrit und indische Philologie“. Er befasste sich schwepunktmässig mit den grossen indischen Epen, dem Râmâyana und dem Mahâbhârata, sowie der Geschichte und Gegenwart des Buddhismus.
Auf Roussel folgte 1921 Prinz Maximilian von Sachsen (1870-1951) mit einer Professur für „orientalische Kultur und Literatur“. Als dritter Sohn des sächsischen Herzogs entschied sich Maximilian für ein theologisches Studium und wurde auch 1896 zum Priester geweiht. Wirkte er ab 1900 zunächst als Professor an der Theologischen Fakultät, so wurde er zehn Jahre später aufgrund seines Eintretens für die Ökumene der römischen Kirche mit den Ostkirchen päpstlich verurteilt und verlor seine theologische Lehrbefugnis. Seine fundierte Kenntnis des orthodoxen Christentums verdankte Maximilian seinen zahlreichen Forschungsreisen, die ihn nach Ägypten, Palästina, Syrien, in den Kaukasus, den Balkan und die Türkei führten. Diesen Wissensschatz brachte der überzeugte Pazifist und Vegetarier dann ab 1921 in der Philosophischen Fakultät ein.
Auf verschiedene Weise wurde das Interesse an aussereuropäischen Religionen und Kulturen in der Philosophischen wie auch in der Theologischen Fakultät nun fortgeführt. So war die Ausrichtung der Ethnologie an der Philosophischen Fakultät über viele Jahrzehnte stark theologisch geprägt: Die prägende Figur der Anfangszeit war der Steyler Missionar und katholische Priester Wilhelm Schmidt (1868-1954), der 1938 vor den Nationalsozialisten in die Schweiz floh und ab 1939 als erster Vertreter des Faches Ethnologie seine universale Theorie von der kulturellen Evolution der Religion lehrte. Auf Schmidt folgte 1948 mit Georg Höltker (1895-1976) ein Experte für Altamerika und Neuguinea; 1954 dann Joseph Henninger (1906-1991) der sich vor allem mit dem historischen Islam befasste und auch Arabisch unterrichtete. Die ordentliche Professur für Ethnologie übernahm ab 1956 jedoch der Indienforscher Rudolf Rahmann (1902-1985). Schon 1960 trat Hugo Huber (1919-2014) mit seinen Forschungsschwerpunkten in westafrikanischen Kulturen und dem Sudan die Nachfolge an. Von Schmidt bis Huber wirkten alle Ethnologen gleichzeitig als Steyler Missionare (eines der wichtigsten katholischen Missionswerke im deutschsprachigen Raum). Erst 1989 mit der Berufung von Christian Giordano (1945-2018) vollführte die Ethnologie – nun als Sozialanthropologie – eine Neuausrichtung ohne missionarischen Auftrag.
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Professur für „Islamologie“ bleiben, die von 1971 bis 1990 Johann Christoph Bürgel (*1931) innehatte und die gewissermassen als Vorläufer des Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft, das 2015 an der Universität Freiburg gegründet wurde, gelten kann.
Missionswissenschaft und Religionswissenschaft an der Theologischen Fakultät
In der theologischen Fakultät können wir in der Periode nach dem ersten Weltkrieg einen Institutionalisierungsprozess der Missionswissenschaft in Verbindung mit der Religionswissenschaft beobachten. Das Werben des Akademischen Missionsbundes führte 1929 zur Einrichtung eines ersten Lehrstuhls für Missionswissenschaft, den von 1930 bis 1938 der französische Dominikaner Ernest-Bernard Allo (1873-1945) mit dem Studiengebiet Historia religionum innehatte. Unter seinem Nachfolger, Jean de Menasce (1902-1973), wurde das Lehrgebiet um Missiologia erweitert. Eine gewisse Neuorientierung lässt sich 1948 mit der Berufung von Jacques P. Michels (1904-1972) feststellen, der nun bis 1971 als Lehrgebiet die Religionswissenschaft und Missiologie vertrat, das auch von seinem Nachfolger Richard Friedli (*1937) zunächst in dieser Weise fortgeführt wurde. 1994 wurde sogar eine zweite, ausserordentliche Professur für Religionswissenschaft und Missiologie eingerichtet, die der indische Orientalist und katholische Theologe Anand Nayak (1942-2009) innehatte. Er befasste sich vorwiegend mit dem interreligiösen Dialog zwischen dem Christentum, Hinduismus und Buddhismus.
Die enge Verflechtung der beiden Fakultäten wird auch an der Einrichtung des Instituts für Missionswissenschaft / Institut d’Études Missionaires an der Theologischen Fakultät im Jahr 1944 sichtbar. Hier waren einerseits die Mitarbeiter der Religions- und Missionswissenschaft aktiv – bis einschliesslich Friedli allesamt Dominikaner – und andererseits die ethnologischen Fachvertreter (bis Huber allesamt Steyler Missionare). Die Studieninhalte des Instituts waren bis in die 1960er Jahre klar auf die Ausbildung von Missionaren in der ganzen Welt ausgerichtet und umfassten auch zahlreiche Sprachkurse – unter anderem in Chinesisch, Tamil, Suaheli und Persisch.
Richard Friedli
Richard Friedli
Mit der Berufung von Richard Friedli zum Professor für Religions- und Missionswissenschaft wurde 1973 in mehrfacher Hinsicht eine neue Ära eingeleitet. Als Konsequenz des zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sollte die Auseinandersetzung mit den christlichen Konfessionen und anderen religiösen Traditionen nicht mehr unter dem Primat der Bekehrung, sondern der Ökumene und des Dialogs stehen. Mit Friedlis Ordensaustritt wurde der Lehrstuhl 1995 in der Philosophischen Fakultät unter der Bezeichnung Vergleichende Religionswissenschaft neu ausgerichtet. Auf der Grundlage seiner Erfahrungen im Ostkongo und in Ruanda entwickelte Friedli im Rahmen der „praktischen Religionswissenschaft“ bedeutsame Ansätze der angewandten Friedensforschung, die er auch in seiner Arbeit für die World Conference of Religions for Peace einbringt. Er gilt ferner als einer der Vordenker der interkulturellen Theologie. Friedli war 1977 zudem Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft.
Nach dem plötzlichen Unfalltod von Anand Nayak auf einer Indienreise wurde dessen Professur an der theologischen Fakultät 2011 mit dem Religionswissenschaftler Helmut Zander (*1957) unter dem Profil „Vergleichende Religionsgeschichte und interreligiöser Dialog“ neu besetzt. Zander zeichnete sich mit seinen Forschungen als weltweit führender Experte für die Anthroposophie und das Leben Rudolf Steiners aus. Auch der breiteren religionsgeschichtlichen Debatte und der Esoterikforschung verlieh er wichtige Impulse.
Seine Nachfolge auf der neu profilierten Professur für „Globales Christentum und interreligiöse Theologie“ trat im Sommer 2025 die französische Religionssoziologin Isabelle Jonveaux an, die sich vor allem mit globalen monastischen Gemeinschaften und rezenten Formen der Askese befasst.
Religionswissenschaft an der Philosophischen Fakultät
Im Herbst 2007 übernahm Oliver Krüger den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der Philosophischen Fakultät von Richard Friedli. Er beschäftigt sich in der Forschung vor allem mit religionssoziologischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen, dem Verhältnis von Religion, (neuen) Medien und Moderne, dem Post- und Transhumanismus sowie und dem Feld der Ritualforschung. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland initiierte er 2021 die Gründung des viersprachigen Journals AЯGOS Perspektiven in der Religionswissenschaft, das redaktionell in Freiburg angesiedelt ist. Er betreut kuratorisch die numismatische Sammlung der Universität.
2013 wurde zusätzlich François Gauthier als Professor für die französischsprachige Religionswissenschaft berufen, der sich anthropologisch mit Religion und Wirtschaft, Politik, öffentlichem Raum, dem Burning Man Festival und der Theorie der Gabe (Mauss) befasst.
2023 wurde zudem der langjährige Lehr- und Forschungsrat, Ansgar Jödicke, zum Titularprofessor befördert – seine Studien kreisen schwerpunktmässig um das Verhältnis von Religion und Politik, sowie Religionsunterricht und dem regionalen Feld der postsowjetischen Kaukasusstaaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien.
