KI: «Mein kostenloser persönlicher Professor»

KI: «Mein kostenloser persönlicher Professor»

«Studierende lassen ihre Arbeiten von KI schreiben» – oder umgekehrt: «KI wird die Bildung revolutionieren!» Diese beiden gegensätzlichen Narrative prägen derzeit die öffentliche Debatte. Doch wie sieht der tatsächliche Umgang mit generativer KI im Hochschulalltag aus?

Genau hier setzt das EduKIA-Projekt an, dessen erste Ergebnisse im Rahmen der Journée IA et Enseignement (J-IA) am Campus Pérolles der Universität Freiburg vorgestellt wurden.

Die J-IA-Tagung bot einen breiten Überblick über aktuelle Fragen rund um KI in der Hochschulbildung, von gesellschaftlichen Auswirkungen über digitale Ungleichheiten bis hin zu neuen Prüfungsformaten. Im Panel «Generative KI an unserer Hochschule» stellte Sandra Mooser von der Dienststelle für Hochschuldidaktik und Digitale Kompetenzen der Unifr eine aktuelle Befragung von Studierenden und Dozierenden vor, die gemeinsam mit der HES-SO durchgeführt wurde. Im Zentrum der Befragung stand nicht die Frage, ob KI gut oder schlecht ist, sondern: Was passiert mit KI an den Hochschulen wirklich?

Insgesamt nahmen 1184 Personen teil, darunter 792 Studierende und 362 Dozierende. Der mehrsprachige Fragebogen umfasste rund 40 Fragen und kombinierte geschlossene sowie offene Antwortformate, um sowohl Nutzung als auch die Wahrnehmung von KI differenziert zu erfassen.

Hohe Nutzung, differenzierte Praxis
Die Zahlen sind eindeutig: Rund 75 % der Studierenden nutzen KI-Tools täglich oder mehrmals pro Woche, und das seit mindestens zwei bis drei Jahren. Am häufigsten wird ChatGPT verwendet (94 %), gefolgt von Tools wie Copilot (von der Unifr zur Verfügung gestellt), Gemini oder Bildgeneratoren.

Doch die verbreitete Annahme, Studierende würden KI-Texte einfach übernehmen, hält den Daten kaum stand: Nur etwa 8 % geben an, generierte Inhalte unverändert zu übernehmen, und selbst diese überarbeiten sie meist in einem weiteren Schritt.

Die grosse Mehrheit nutzt KI anders: als Ausgangspunkt für eigene Recherchen, zur Strukturierung von Gedanken, für Textüberarbeitung und Übersetzungen sowie als Unterstützung für Ideenentwicklung. KI wird damit weniger als «Ghostwriter» eingesetzt, sondern vielmehr als eine Art Denkpartner – oder, wie es eine befragte Person formulierte: als «kostenloser persönlicher Professor».

Sandra Mooser

Lernen im Selbstversuch
Auffällig ist: Trotz intensiver Nutzung fehlt oft eine systematische Anleitung. Viele Studierende bringen sich den Umgang mit KI selbst bei, im Austausch mit Peers oder durch Ausprobieren.

Auch bei Dozierenden zeigt sich ein ähnliches Bild. Zwar wird KI thematisiert, doch weniger als ein Drittel vermittelt konkret, wie die Tools sinnvoll eingesetzt werden können. Die Integration in Lehrkonzepte bleibt häufig abstrakt. Hier zeigt sich ein Spannungsfeld: Während Dozierende ihre eigenen KI-Kompetenzen oft als hoch einschätzen, geben sie dieses Wissen bislang nur begrenzt weiter.

Gemeinsame Sorgen – und klare Wünsche
Interessant ist, dass Studierende und Dozierende die Chancen und Risiken von KI sehr ähnlich einschätzen. Zu den grössten Bedenken zählen Fehlinformationen und Halluzinationen, Fragen der akademischen Integrität, die mögliche Abnahme der eigenen Denkfähigkeit, Datenschutz und Transparenz sowie ethische und ökologische Aspekte.

Gleichzeitig wünschen sich 76 % der Befragten klare Richtlinien zur Nutzung von KI. Bemerkenswert: Es geht nicht um Verbote, sondern um Orientierung.

Drei Handlungsfelder für Hochschulen
Aus den Ergebnissen lassen sich drei zentrale Handlungsfelder ableiten:

  1. Rahmenbedingungen neu denken
    Bestehende Prüfungsformate stammen oft aus einer Zeit ohne KI. Heute stellt sich die grundlegende Frage: «Was wollen wir eigentlich messen?» Die Antwort darauf muss gemeinsam von Studierenden, Fakultäten und Hochschulleitungen entwickelt werden.
  2. Kompetenzen praxisnah vermitteln
    Der Bedarf liegt weniger bei theoretischem Wissen als bei konkreten Anwendungskompetenzen. Studierende und Dozierende wollen wissen: «Was kann ich wie sinnvoll einsetzen – und wo sind die Grenzen?»
  3. Angebote sichtbar machen
    Viele bestehende Unterstützungsangebote an den Hochschulen sind den Studierenden kaum bekannt. Das Problem ist weniger die Qualität als die Kommunikation. Gefragt sind zielgruppenspezifische Formate, von kurzen Hinweisen im Seminar bis zu niedrigschwelligen Informationsangeboten, um die Vielfalt der bereits zur Verfügung stehenden KI-Tools aufzuzeigen.

Eine Einladung zum Gespräch
Die Ergebnisse zeigen: Die Realität im Umgang mit generativer KI ist geprägt von pragmatischer Nutzung, Unsicherheiten und Lernprozessen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob KI die Hochschulen verändert, sondern wie wir diesen Wandel gemeinsam gestalten.

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Author

Lovis Noah Cassaris ist Wissenschaftler’in (Dr. in Deutscher Sprachwissenschaft), Schriftsteller’in und nach einem CAS am MAZ auch als freie’r Wissenschaftsjournalist’in tätig. Seit 2018 arbeitet Lovis in der Redaktion von Unicom Kommunikation & Medien der Universität Freiburg.

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