Porträt
"Ich bin einen anderen Weg gegangen"
Vor 25 Jahren war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Departement für Zeitgeschichte – heute ist er ein Mitglied der Landesregierung. Bundesrat Martin Pfister im Gespräch mit seiner Alma Mater.
«Die Schweiz braucht etwas mehr Freiburg» – mit diesen Worten haben Sie am 1. August Ihre Rede in der Freiburger Basse-Ville beendet. Was macht Freiburg für Sie zu einem Modell für die Schweiz?
Freiburg hat eine sehr menschliche Qualität und gleichzeitig eine Offenheit und Internationalität – nicht zuletzt durch die Studierenden – die mich fasziniert haben. Eine Verbindung von Tradition und Moderne. Die Gegensätze, die die Welt interessant machen, erlebt man in Freiburg auf eine sehr positive Art.
Was hatte sie 1988 dazu bewogen, an der Universität Freiburg zu studieren?
Mein Vater hatte bereits in Freiburg studiert und die Stadt ist sein Sehnsuchtsort geblieben, was mir natürlich als Kind nicht entgangen ist. Angesprochen haben mich auch die Überschaubarkeit der Uni Freiburg, die Zugänglichkeit der Professorenschaft und des Mittelbaus. Nach einem Jahr sass ich mit der Hälfte meiner Professorinnen und Professoren am Stammtisch!
Ihre Lizentiatsarbeit haben Sie zu Alt-Bundesrat Philipp Etter geschrieben. Warum ein Bundesrat?
Mein Doktorvater, der inzwischen emeritierte Professor Urs Altermatt, hat sich ja mit Bundesratsgeschichte befasst. Als die Familie von Philipp Etter den grossen Nachlass der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat, hatte ich die Gelegenheit, als Erster diesen Nachlass zu sichten. Etter wurde 1934 Bundesrat, aber das Bundesarchiv wurde erst im 2. Weltkrieg professionalisiert, und viele Bundesräte nahmen Dokumente abends auch mit nach Hause. Etter hatte beispielsweise die handschriftlichen Korrekturen zur Botschaft der geistigen Landesverteidigung bei sich daheim im Privatarchiv. Das wäre heute undenkbar – und ausserdem verboten.
Chefredaktorin Claudia Brülhart zu Besuch im Bundeshaus bei Bundesrat Martin Pfister| © STEMUTZ.COM
Nach dem Studium waren Sie mehrere Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Departement für Zeitgeschichte. Hatten Sie damals eine akademische Karriere vor Augen?
Ich hätte mir diesen Weg gut vorstellen können. Aber es kam anders: Ich wurde Vater und wollte mit einem sicheren Einkommen für meine Familie sorgen können. Die akademische Karriere hatte mich aber schon gereizt. Meine damaligen zwei besten Freunde aus dem Mittelbau, Christina Späti und Damir Skenderovic, haben heute beide eine Professur am Departement für Zeitgeschichte. Ich bin einen anderen Weg gegangen.
Sie stehen als Bundesrat dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport vor – einem Departement, das nicht selten in der Kritik steht. Wie gehen Sie damit um?
Wir leben in spannenden und sich ständig verändernden Zeiten; das Zusammenleben weltweit ist im Wandel. Die Art, Konflikte auszutragen, verändert sich, unsere Demokratien sind in verschiedener Hinsicht bedroht. Ich erachte es als ein Privileg, in einer solch wichtigen Umbruchphase die Aufgabe des Verteidigungsministers wahrnehmen zu dürfen, und tue dies mit Freude, historischem Bewusstsein und einer Neugierde, die ich auch dem Studium zu verdanken habe. Ganz wichtig dabei ist mein Team, das mich unterstützt. Und meine Grundeinstellung dem Amt als Bundesrat gegenüber.
Wie meinen Sie das?
Als ich Bundesrat wurde, war für mich klar: Während der Jahre als Bundesrat gehört mein Leben dem Amt. Ich gönne mir die Freiheit, mich voll und ganz dieser Aufgabe zu widmen, und bin dankbar, dass mein Umfeld mir dies ermöglicht. Und genau darum kann ich mit der Belastung umgehen und nachts trotzdem gut schlafen.
Wie geht es der Schweizer Armee?
Es geht ihr besser, als dies wahrgenommen wird. Viele Bereiche funktionieren gut, wie ich feststellen durfte. In der Ausbildung der jungen Leute wurden grosse Fortschritte erzielt. Die der Armee anvertrauten Aufgaben werden professionell erfüllt und im europäischen Vergleich schneiden wir gut ab. Aber natürlich stehen wir auch vor Herausforderungen, etwa in materieller Hinsicht: Wenn wir kriegstauglich sein wollen, ist eine Aufrüstung unumgänglich.
Braucht die Armee mehr Frauen?
Mehr Frauen würden der Armee guttun, deren Kultur auf eine positive Art verändern, davon bin ich überzeugt.
Bei Ihnen daheim sind die Frauen in der Überzahl. Hat diese starke weibliche Präsenz Ihr Denken geprägt?
Ich habe bestimmt ein grösseres Verständnis für die Anliegen der Frauen und käme nie auf die Idee, Frauen als weniger wichtig zu empfinden. Ich leide mit, wenn meine Töchter Situationen erleben, die nach wie vor nicht von Gleichberechtigung zeugen – und freue mich auch, wenn ich sehe, wie selbstverständlich sie ebendiese Gleichberechtigung privat leben.
Aus der Studienzeit an der Uni Freiburg ist Ihnen eine Posaune geblieben, die Sie noch immer spielen. Was haben Sie sonst noch mitgenommen aus den Jahren hier in Freiburg?
Begleiten tun mich sicher noch ganz viele Bücher – und natürlich die Freude an der welschen Kultur. In den Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter lebte ich auch an den Wochenenden in Freiburg und konnte meine Sprachkenntnisse erweitern.
Martin Pfister ist seit April 2025 Bundesrat. Er steht dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) vor. 1996 schloss er an der Universität Freiburg das Studium der Geschichte und Germanistik ab.
