«Die Problematik geht weit über das Thema Sexarbeit hinaus

«Die Problematik geht weit über das Thema Sexarbeit hinaus

Historikerin Sarah Baumann ist für ihre Dissertation zur Sexarbeit von Frauen in der Schweiz mit dem Vigener-Preis ausgezeichnet worden. Im Interview erklärt sie, warum die Themen Frauenarbeit und Migration für die Analyse wichtiger sind als das Thema Sex – und was die Studie zur polarisierten Gegenwartsdebatte beitragen kann.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Dissertation der Sexarbeit von Frauen in der Schweiz zu widmen?
Ich habe mich während meines Studiums stets für soziale Gruppen interessiert, die in der Geschichtswissenschaft wenig beachtet wurden. Als ich auf Themensuche war, kam in der Schweiz die Debatte um das Nordische Modell auf, das durch ein Sexkaufverbot die Freier kriminalisiert. Mich hat interessiert, wie Sexarbeit in der Schweiz reguliert war und ist. Schnell habe ich gemerkt, dass es ein Thema der Arbeitsgeschichte ist. Mehr als um Sex geht es um Arbeit, ganz stark vor allem um Frauenarbeit. Das passte zu meinen Schwerpunkten im Studium. Geschlechterverhältnisse sind ein Thema, mit dem ich mich schon immer gerne befasst habe.

Ihre Arbeit trägt den Titel «Prekäre Liberalisierung – Sexuelle Arbeit von Frauen in der Schweiz (1950 – 1990)». Um welche Liberalisierung geht es – und für wen war sie prekär?
Das Narrativ der sexuellen Liberalisierung ist prägend in den historischen Erzählungen über diese Zeit. Aussereheliche Sexualität nahm zu. Es gab grosse Umbrüche in Sachen Geschlechterordnungen und Sexualmoral. Sexuelle Normen und Praktiken veränderten sich, die Menschen wurden freier. Auf gesellschaftlicher Ebene fand eine Liberalisierung statt. Es ist interessant zu schauen, wie das mit Sexarbeit einhergeht. Es ist ein Feld, das anders von dieser Liberalisierung betroffen ist als die übrigen Bereiche von Sexualitäten und Geschlechterverhältnissen. Tatsächlich festigte sie das Narrativ der Sexarbeiterin als selbstverantwortliches Marktsubjekt.

Das müssen Sie erklären.
1992 wurde im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen das Sexualstrafrecht von 1942 revidiert. Nicht mehr die Sittlichkeit und Moral waren fortan Schutzobjekt, sondern die sexuelle Integrität des Individuums. Der Staat hat sich als Sittenwächter zurückgezogen. Gleichzeitig hat der Bund die Kompetenzen, Sexarbeit zu regulieren, auf Kantone und Gemeinden übertragen. Alte Verdrängungspraktiken liefen so einfach auf anderer Ebene weiter – durch Sperrzonenverordnungen, neue Gewerbeverordnungen und neue Prostitutionsgesetzgebungen auf lokaler Ebene. Gleichzeitig wurden keine staatlichen oder rechtlichen Schutzmechanismen für Sexarbeiterinnen eingeführt. Die Arbeit wurde weiterhin als selbstständige Tätigkeit gefasst, die im besten Fall im Unsichtbaren stattfindet – damit die breite Gesellschaft nicht davon tangiert ist. Nie wurde richtig anerkannt, dass diese Arbeit stattfindet – und entsprechend arbeitsrechtlich geregelt werden müsste, dass sie unter geschützten Bedingungen stattfindet. Stattdessen ist Strassensexarbeit weiter nur an bestimmten Orten möglich, meistens an den Rändern der Stadt, wo die Gefahr für Frauen grösser ist. Und in den Salons ist bis heute Mietwucher ein Thema, viele Frauen zahlen überrissene Mietpreise.

Sie haben Ihren Fokus unter anderem auf die ökonomischen und sozialen Hintergründe der Sexarbeit gelegt. Wer hat Sexarbeit ausgeführt – und was waren die Beweggründe?
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, mit welchen Quellen ich gearbeitet habe. Aufgrund der Tabuisierung haben sich Sexarbeiterinnen lange nicht öffentlich geäussert. Bis in die siebziger Jahre finden sich Stimmen und Biografien deshalb vor allem in Strafprozessakten von Sexarbeiterinnen. Das waren häufig Frauen, die auf der Strasse oder später in Studios angeworben haben. Es ist also nur ein bestimmtes Segment, das wir historisch erfassen können. Dort zeigt sich deutlich, dass es oft Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren waren, meist ohne berufliche Ausbildung und mit geringer Schulbildung. In der Regel stammten sie aus prekären Verhältnissen. Da stellt sich die Frage: Was hatten Frauen ohne Berufsausbildung in den fünfziger und sechziger Jahren für Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Vermutlich nicht viele.
Die meisten dieser Frauen arbeiteten vor oder während der Sexarbeit als Kellnerinnen, Hilfsarbeiterinnen, Coiffeurinnen oder Schneiderinnen. Meist in unsicheren, temporären Arbeitsverhältnissen. Die Arbeitstage waren sehr lang, 12-Stunden-Schichten keine Ausnahme. Gleichzeitig war der Lohn in diesen Jobs sehr tief. Er reichte gerade so aus, um zu sich selbst zu schauen. Viele Sexarbeiterinnen waren aber Mütter, hatten Familie. Wenn eine Frau in den sechziger Jahren alleinerziehend war oder mit einem Partner ein Kind hatte, der arbeitslos oder in einem prekären Arbeitsverhältnis war, wurde es schwierig. Dann reichten diese Löhne nicht mehr aus, um Existenzen über Wasser zu halten. Sexarbeit hingegen hat in kurzer Zeit ein grosses Einkommen ermöglicht. Das war für viele Frauen der Grund, warum Sexarbeit zu einer Option wurde. Gleichzeitig spielte auch die sich etablierende Konsumgesellschaft eine Rolle.

Inwiefern?
Gerade in den sechziger und siebziger Jahren waren ein Fernseher, ein Auto, schöne Kleider und Reisen Ausdruck davon, an der Gesellschaft teilzunehmen. Immer mehr Leute konnten sich das leisten, sodass es zu einer gesellschaftlichen Zielvorgabe wurde. Sexarbeit war eine Möglichkeit, ein Einkommen zu generieren, um am Konsum teilzuhaben und einen gewissen Status zu erlangen.

In den siebziger Jahren wurde die Sexualität zunehmend politisiert. Es gab Frauenbewegungen, das Narrativ der sexuellen Selbstbestimmung entstand. Was hatte das für Auswirkungen?
Es gab vereinzelt Frauen, die mit der Motivation der Neugier in die Sexarbeit gingen oder Sexarbeit als revolutionären Akt im Rahmen der sexuellen Selbstbestimmung beschrieben.  Das Stigma war in einer freieren Gesellschaft dadurch kurzfristig kleiner. Diese Frauen waren aber eine Minderheit. Grossmehrheitlich ist die Motivation bis heute die gleiche geblieben: Nach wie vor leben viele Sexarbeiterinnen in Familienstrukturen, die sie mit ihrem Einkommen mitfinanzieren. Extrem relevant ist neben dem Geld auch der Faktor Zeit. Sexarbeit ermöglicht Frauen in der Regel, sich ihre Zeit selbst einzuteilen.

Verändert haben sich hingegen die Nationalitäten. Sie schreiben, dass bis in die achtziger Jahre die Sexarbeiterinnen grossmehrheitlich Schweizerinnen waren, dann aber die Nachfrage nach billigen migrantischen Sexarbeiterinnen stieg und seither grossmehrheitlich migrantische Frauen Sexarbeit in der Schweiz leisten. Was waren die Hintergründe dieser Verschiebung?
Zum einen begannen sich der Bildungsstand und die berufliche Situation für Schweizerinnen zu verbessern. Zum anderen hatte es mit globalen Entwicklungen zu tun. Der Sextourismus aus der westlichen Hemisphäre in den globalen Süden kam auf. Zu den Sextouristen gehörten zum Teil Betreiber von Cabarets und Stripteaseshows, die Frauen aus Thailand, den Philippinen, der Dominikanischen Republik, Brasilien oder anderen Ländern des globalen Südens direkt anwarben. Gleichzeitig gab es ökonomisch grosse Verschiebungen. Industrieländer verlegten ihre Produktionsstätten in den globalen Süden. Das führte dort zu neuen Arbeitsmöglichkeiten, viele Frauen wechselten von der Subsistenzwirtschaft in die Industrie. Dort arbeiteten sie unter prekären Bedingungen, verdienten fast nichts und wurden teils schnell wieder arbeitslos. So mussten sie neue Wege suchen, zum Familieneinkommen beizutragen.

Zum Teil kamen Frauen auch über Ehevermittlungsagenturen in die Schweiz. Männer konnten Kataloge durchblättern und ihre Ehefrau aussuchen. Wenn die Ehe in der Schweiz anschliessend scheiterte, waren die Frauen auf sich allein gestellt.

Welche Rolle spielen die Männer insgesamt in der Geschichte der Sexarbeiterinnen?
Es ist wichtig festzuhalten, dass sich auch der männliche Freier in einer Struktur von gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit bewegt. Die trägt dazu bei, dass gewisse Bilder von männlicher Sexualität in den Individuen weiterwirken; etwa, dass männliche Sexualität triebhaft ist und ausgelebt werden muss. Schon in den fünfziger Jahren wurde dadurch das Handeln der Männer legitimiert. Es war legitim, zu einer Sexarbeiterin zu gehen, während es für eine Frau nicht legitim war, ausserehelichen Sex zu haben. Die Idee vom Freier als verschrobenem Typen ist jedenfalls falsch. Es ist ein Phänomen, das inmitten der Gesellschaft stattfindet, quer durch alle Schichten.

Es ist spannend zu sehen, wie wenig im Untersuchungszeitraum, den ich angeschaut habe, der Freier thematisiert wird. Er ist die unsichtbare Figur, die ein Schattendasein fristet. Das hat damit zu tun, dass mehrheitlich Männer an den Schalthebeln der Macht waren. Politiker, Journalisten und bürgerlich-konservative Zeitgenossen, die sich zu Sexarbeit äusserten, waren oft selbst Freier. Sie haben über die Gesetzgebung, die behördliche Regulierung und das mediale Nicht-Besprechen der Situation der Männer an der Unsichtbarkeit mitgearbeitet.

Ein Ausdruck des Patriarchats.
Ja, ein Ausdruck eines Systems, in dem Männer in machtvollen Positionen dominieren, wo Männer das Männliche als allgemeingültig erklären und dadurch als nicht erklärungsbedürftig. In dem stattdessen das Handeln von Frauen als viel erklärungsbedürftiger erscheint.

Sie haben die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erforscht, setzen sich aber auch heute noch mit der Thematik auseinander. Wie hat sich die Sexarbeit in der Schweiz seither entwickelt?

Ich habe gerade kürzlich über diese Frage mit der Leiterin einer Fachstelle gesprochen. Es hat sich wenig verändert, die Kontinuitäten überwiegen: die Prekarität, aus der heraus Frauen Sexarbeit betreiben, der fehlende rechtliche Schutz, die anhaltenden behördlichen Kontrollen, die Frauen nicht schützt, sondern bedrängt oder zu Täterinnen macht. Heute ist es oft das Migrationsregime, das greift. Es wird gegen Frauen vorgegangen, die gegen migrations-, ausländer- oder arbeitsrechtliche Bestimmungen verstossen. Es gibt eine Hierarchisierung. Frauen, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit in die Schweiz kommen – das sind vor allem Rumäninnen und Bulgarinnen – können in der Schweiz temporär als Sexarbeiterinnen arbeiten. Frauen aus dem globalen Süden hingegen haben keinen legalen Zugang, um in der Sexarbeit tätig zu sein. Es ist wie in anderen Arbeitsbereichen. Menschen aus dem globalen Süden sind nicht als Arbeitskräfte erwünscht, wenn sie unqualifiziert sind.

Auch die Unsichtbarmachung hält an: Sexarbeit ist allgegenwärtig, aber wie oft sehen wir in unserem Alltag schon Sexarbeiterinnen?

Was kann Ihre Dissertation zu einer sinnvollen Auseinandersetzung mit dem Thema Sexarbeit beitragen?
Ich sehe meinen Beitrag in erster Linie auf der Ebene der Debatte zur Sexarbeit. Die ist im Moment festgefahren. Die einen sagen, Sexarbeit sei immer Ausbeutung, die einzige Lösung deshalb ein Verbot. Diese Lobby, die für ein Nordisches Modell wirbt, ist derzeit stark. Auf der anderen Seite halten die Fachstellen, die mit Sexarbeiterinnen in engem Kontakt stehen, unisono dagegen. Sie vertreten die Meinung, dass sich nichts an den Verhältnissen ändert, wenn wir Sexarbeit verbieten, dass wir uns vielmehr auf den Handlungsspielraum der Frauen fokussieren sollten. Schnell sind die Fachstellen dann mit dem Vorwurf konfrontiert, die Situation zu beschönigen. Wir müssen eine Öffnung in diese Debatte bringen.

Wie?
Indem wir anerkennen, dass es bei der Sexarbeit weniger um den Sex geht als um die Arbeit. Es geht um die Arbeitsverhältnisse und die Frage, aus welchen Verhältnissen die Frauen grossmehrheitlich kommen. Was haben sie für Möglichkeiten in ihren Herkunftsländern? Was haben sie für Möglichkeiten in der Schweiz? Wo können sie arbeiten? Dann sieht man schnell, was wir diesen Menschen in der Schweiz für Arbeitsverhältnisse anbieten; etwa prekäre Verhältnisse in der Reinigung oder in der Pflege. Die Migrantisierungen der Care- und Sexarbeit gehen Hand in Hand – dort müssen wir hinschauen. Die Thematik aus arbeitshistorischer Sicht anzuschauen, in einem breiteren Kontext von Frauenarbeit und der Wertschätzung von Frauenarbeit; in diesem Bereich kann meine Studie etwas zur Gegenwartsdebatte beitragen. Denn die Problematik geht weit über das Thema Sexarbeit hinaus.

Dr. Sarah Baumann war von 2012 bis 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Departement für Zeitgeschichte der Universität Freiburg. Ihre Dissertation mit dem Titel «Prekäre Liberalisierung – Sexuelle Arbeit von Frauen in der Schweiz (1950 – 1990)» schloss sie 2024 ab. Sie wurde dafür mit dem Vigener-Preis der Universität Freiburg ausgezeichnet, der jährlich für herausragende Doktorarbeiten vergeben wird. Die Arbeit wurde im Campus-Verlag als 373-seitiges Buch herausgegeben. Heute arbeitet Sarah Baumann als Redakteurin bei den Parlamentsdiensten des Bundes und vereinzelt als Dozentin an der Uni Freiburg. Zudem macht sie derzeit die Ausbildung zur Gymnasiallehrerin. 

Portrait: © Fabio Blaser

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Author

Matthias Fasel ist Gesellschaftswissenschaftler, Sportredaktor bei den «Freiburger Nachrichten» und freischaffender Journalist.

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