Dossier
Russische Soft Power in Serbien
Die Monatsillustrierte «Ruski doktor» verbreitet von Serbien aus russische Gesundheitstipps in den Ländern Ex-Jugoslawiens. Die Lektüre legt den Blick frei auf ein Geflecht aus Alternativmedizin, nationalen Mythen und Kommerz.
Im Sommer 2019 fiel mir an einem Zeitungskiosk in der serbischen Provinzstadt Valjevo eine Illustrierte mit dem Titel «Руски доктор» (Der russische Doktor) auf. Auf dem Cover ein Paar von gut gelaunten Best Agern und ein Herz in den Farben der russischen Flagge, darunter der Spruch: «Der russische Gesundheitsrat ist wertvoll!» Natürlich kaufte ich mir das Magazin sofort. Als Slavist bin ich immer interessiert an solchen interslavischen Zusammenhängen, und als jemand, der das Land ganz gut kennt, fand ich die Verbindung von «Russland» und «Gesundheit» ziemlich überraschend. Bekanntlich ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland bestürzend niedrig. In den diesbezüglichen Statistiken liegt das Land noch einige Plätze hinter Serbien. Doch in Serbien scheint es einen Markt zu geben für russische Ratschläge zur gesunden Lebensführung.
«Russischer Gesundheitscontent» für die Region
Der «Ruski doktor» erscheint seit 2016 monatlich. Im «Media-Kit» auf der Seite des in Novi Sad ansässigen Verlagshauses Color Media International wird damit geworben, dass der «Ruski doktor» das meistgelesene Gesundheitsmagazin «der Region» sei – also der Länder des ehemaligen Jugoslawiens. In Kooperation mit dem russischen Magazin «Der Volksarzt» bietet man «authentischen russischen Gesundheitscontent», namentlich Informationen zu «traditionellen russischen Heilmethoden» und «erprobte Ratschläge» ausgewiesener russischer Experten. Die Auflage betrage 80’000 Exemplare; jede einzelne Nummer werde von über 300’000 Menschen gelesen, 70 Prozent davon «im zahlungskräftigen Alter von 35–65 Jahren».
Bis 2023 gab es auch eine mazedonischsprachige Ausgabe. Eine slowenische erscheint nach wie vor – genauso wie eine kroatische. Letztere hat denselben Titel wie die serbische, nur lateinisch geschrieben. Die Unterschiede zwischen der serbischen und der kroatischen Ausgabe sind minimal. Da sich beide Sprachen nur geringfügig unterscheiden, können Inhalte ohne grossen Aufwand mehrfach verwendet werden. Die Gestaltung der Titelseiten ist identisch, auch dem kroatischen Publikum wird das Herz in den russischen Nationalfarben zugemutet.
Aufschlussreich ist die Rubrik, in der Fragen von Leserinnen und Lesern beantwortet werden. Die Bandbreite der Tätigkeitsfelder der angefragten Fachleute reicht von der Schulmedizin bis weit in die Sphäre freischwebender Quacksalberei. So erklärt z.B. eine Natalija Trubnivskaja, die dem Publikum als «Ayurveda-Lehrerin und Erforscherin alter Zivilisationen» vorgestellt wird, wie man sich mithilfe indischer Weisheit von der Last traumatischer Erfahrungen befreien kann. Der Name «Trubnivskaja» mag für ungeschulte Ohren russisch klingen, ist aber eine Fantasiebildung. Tatsächlich heisst die Dame ausweislich ihrer russischen Webseite Trubinovskaja; in der der kroatischen Ausgabe fungiert sie als Trubnovska. Derlei Achtlosigkeiten lassen darauf schliessen, dass es hier in erster Linie darum geht, Gesundheitsjournalismus mit russischem Anstrich zu performen.
Positive Stimmung gegenüber Russland
Die Verbindung von Russland und Gesundheit mag überraschend sein. Der Umstand, dass der Russland-Bezug in Serbien zu Marketingzwecken benutzt wird, ist es nicht: Das positive Image des Landes hat selbst nach der Vollinvasion in der Ukraine kaum gelitten. An der Autobahn nach Belgrad und im Stadtzentrum sieht man riesige Transparente, auf denen die Firma Gazprom mit dem Spruch «Gemeinsam!» für die russisch-serbische Freundschaft wirbt. Souvenirstände auf der Prachtmeile Knez Mihajlova bieten T-Shirts mit Z-Symbolik und Tassen mit Putin-Porträts an.
Um die positive Stimmung gegenüber Russland in weiten Teilen der serbischen Bevölkerung zu verstehen, muss man sich in Erinnerung rufen, dass Russland 1999 im UN-Sicherheitsrat gegen das Nato-Bombardement stimmte, durch das Serbien gezwungen wurde, die Kontrolle über das Kosovo aufzugeben. Bis heute erkennt Russland die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an. Geschichten von Waffenbruderschaft im 1. Weltkrieg und eine empfundene Nähe durch die gemeinsame Zugehörigkeit zum orthodoxen Christentum tun ihr Übriges.
Die allgemeine Russland-Sympathie wird von der Medienlandschaft befeuert: Russische Portale wie RT Balkan (Russia Today Balkan) oder Sputnik verbreiten Kremlpropaganda auf Serbisch. Auch die berüchtigte Belgrader Tabloid-Presse leistet ihren Beitrag – legendär die Headline der Zeitung «Informer» am 22. Februar 2022, zwei Tage vor dem russischen Überfall auf das Nachbarland: «Die Ukraine hat Russland angegriffen!»
Sergej Boljević, ein Professor an der renommierten Setschenow-Medizinhochschule in Moskau, der aufgrund seines montenegrinisch-serbischen Hintergrunds gern von serbischen Medien interviewt wird, fabulierte im September 2025 auf RT Balkan von einem Impfstoff gegen Krebs, der gerade in Russland entwickelt werde. Gleich nach den Russen würden die Serben davon profitieren, denn: «Wie sich gezeigt hat, sind die russischen und die serbischen Gene sehr ähnlich. Das nennt sich Ethnospezifizität. 99 Prozent der Gene sind identisch.»
Im «Ruski doktor« finden sich zwar sporadisch Stories wie «Putin wählt die Volksmedizin» oder «Was isst Putin?» (bei Banketten im Ausland nichts, in der Heimat alles, «aber er übertreibt nicht»), doch politische Propaganda im engeren Sinne fehlt. Es regiert der Kommerz, wovon Anzeigen für Heilpilze aus der Baikal-Region oder Mittelchen wie «Toksfajter» oder «Fitoslim» aus dem Angebot einer «Russischen Pflanzen-Apotheke» zeugen. Redaktioneller Content und Werbung sind dabei kaum zu unterscheiden, was im Media-Kit des Verlags als «ungewöhnliche Anzeigengestaltung» angepriesen wird.
Alternativmedizin und identitäre Ideologie
Die Sympathie gegenüber Russland und Putin scheint Ausdruck verbreiteten Misstrauens gegenüber der EU und dem «Westen» zu sein. Dass diffuse, ressentimentgeladene Stimmungen ihren Ausdruck in identitären, pseudowissenschaftlichen und verschwörungstheoretischen Positionen finden, ist bekanntlich kein exklusiv serbisches Phänomen. Während der Covid-Pandemie konnte man in verschiedenen Ländern verfolgen, wie stark die Debatte um sanitäre Massnahmen und die Impfung polarisierte und wie schnell irrationale Positionen Zuspruch fanden. Desinformationen und Verschwörungstheorien entfalten auf dem Feld der Gesundheit eine besondere Wucht, weil hier ganz unmittelbar die körperliche Unversehrtheit, ja das Leben selbst auf dem Spiel steht. Es gibt eine Affinität zwischen antiaufklärerischem, identitärem Denken und einer auf obskuren Körpervorstellungen basierenden, sich «traditionell» gebenden Pseudomedizin. In diesem Zusammenhang hat es nicht nur anekdotische Relevanz, dass der mittlerweile verurteilte Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nach seinem Untertauchen und bis zu seiner Verhaftung und Auslieferung nach Den Haag im Juli 2008 in Belgrad unter dem Namen Dragan David Dabić als Alternativmediziner praktizierte. Auch publizierte er als «Spiritualitätsforscher» in der Illustrierten «Zdrav život» (Gesundes Leben) Kolumnen zu Gesundheitsthemen. Er hatte sogar eine Internet-Seite, auf der er verschiedene Produkte und Dienstleistungen im Bereich von New Age, Esoterik und Alternativmedizin anbot, und noch bis kurz vor seiner Verhaftung hielt er öffentliche Vorträge zu Themen wie «spirituelle Energie» und Meditation.
Ist der «Ruski doktor» gefährlich?
Eine Studie der Universität Belgrad, die auf der Untersuchung von 182 Artikeln zu «traditioneller, Komplementär- und Alternativmedizin» auf den Webseiten serbischer Nachrichtenportale und Zeitschriften im Jahr 2021 basierte, befand: Wissenschaftliche Seriosität werde durch einen «pseudowissenschaftlichen Jargon» meist nur vorgetäuscht. Und: Etwa die Hälfte der vorgestellten Heilverfahren wurde als «Volksmedizin» präsentiert, in knapp 70 Prozent dieser Fälle wurde auf sogenannte «traditionelle» serbische oder russische Medizin rekurriert. Dies sei die einzige serbische Spezifik im Vergleich mit «westlichen Medien».
Vieles deutet darauf hin, dass der russische Staat mit seinen medialen Soft-Power-Aktivitäten in Serbien offene Türen einrennt. Doch nicht alle Soft Power ist staatlich orchestriert. Es gibt offensichtlich in Serbien eine Nachfrage für Russisches – ganz gleich, ob es als Propaganda oder als Kräuterpräparat daherkommt. Am Beispiel des «Ruski doktor» sieht man, wie auf dem Feld der Gesundheit, wo die Menschen buchstäblich vulnerabel sind, kommerzielle, national-identitäre und politische Anliegen und Interessen zusammenkommen. Die Zeitschrift ist nur das Symptom einer tieferliegenden Problematik.
Unser Experte Jens Herlth ist Professor für Slavistik am Departement für Europastudien und Slavistik. Er lehrt und forscht zu slavischen Literaturen in ihrem sozial- und ideengeschichtlichen Kontext. Neuere Arbeiten mit Südosteuropa-Bezug sind ein Artikel zu Emmanuel Rubens Balkan-Reiseerzählung «Sur la route du Danube» und ein Handbuchartikel zu Carl Schmitt in Serbien.
jens.herlth@unifr.ch
