Dossier
Menschen zwischen hier und dort
Für viele aus dem Zusammenbruch Jugoslawiens hervorgegangene Länder spielte die hiesige Diaspora eine wichtige Rolle. Und den Kosovo gäbe es wohl in der heutigen Form ohne die Schweiz nicht, sagt der Migrationshistoriker Dino Tsakmaklis.
Im Juni hat die Schweiz wieder einmal darüber abgestimmt, ob sie zu stark «überfremdet» ist. Dino Tsakmaklis, wie ordnen Sie die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» migrationshistorisch ein?
Sie knüpft an Überfremdungsdiskurse an, die in der Schweiz bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen – und eine seit über 50 Jahren anhaltende Abstimmungsgeschichte bestimmen, die 1970 mit der Schwarzenbach-Initiative begonnen hat. Immer ging es darum, den Bevölkerungsanteil von Personen ohne Schweizer Pass zu steuern oder zu begrenzen. Mit Ausnahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 wurden alle abgelehnt. Auch die jüngste SVP-Initiative mobilisierte solche diffusen demografischen und fremdenfeindlichen Ängste und verknüpfte sie mit realen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Herausforderungen zu einem einzigen politischen Narrativ. Der alternative Name «Nachhaltigkeitsinitiative» war nicht zufällig gewählt – die Initiant_innen wollten mit ökologischen Sorgen punkten. In ihrer Erzählung stülpen sie eine einzige Formel über alle Probleme: die Zuwanderung als Ursache, ihre Begrenzung als Lösung. Die Initiative lenkte mit einer einfachen Antwort auf vermeintlich einfache Fragen davon ab, nach wirklichen Antworten auf tatsächlich komplexe Fragen zu suchen.
Um komplexe Fragen geht es auch im Rahmen der Konferenz «From Exile to Diaspora», die das Departement für Zeitgeschichte im September durchführt.
In der Schweiz findet ein ständiges Ringen um die eigene Identität statt: Ist die Schweiz ein Migrationsland oder nicht? Unsere Forschung hingegen basiert auf einer klar postmigrantischen Haltung. Das heisst, noch vor jeder Wertung, ob man die Entwicklung gut oder schlecht findet, stellen wir als Migrationshistoriker_innen fest: Migration findet statt. Ein Viertel der Bevölkerung in unserem Land hat keinen Schweizer Pass und 40 Prozent haben eine Migrationsbiografie – das ist die Realität. Zudem wird oft vergessen, dass die Schweiz bis ins späte 19. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland war. Anstatt die Augen vor dieser Tatsache zu verschliessen, fragen wir uns: Was passiert mit Gesellschaften, wenn Menschen aus- und einwandern? Konkret geht es an unserer Konferenz um Intellektuelle und politische Aktivist_innen, die aus Südosteuropa unter anderem in die Schweiz gekommen sind – und so beide Gesellschaften verändert haben.
Heisst das, dass Migration sowohl die Herkunftsländer als auch das Ankunftsland prägt?
Genau. Wenn man sich nur für die Geschehnisse in einem Land interessiert, geraten solche transnationalen Aspekte der Migration aus dem Blick. Die Forschung zur südosteuropäischen Migration ist stark von diesem methodologischen Nationalismus geprägt. Wir möchten die Fragestellungen ausweiten. Wir schauen uns zum Beispiel an, wie in die Schweiz zugewanderte Menschen von hier aus gesellschaftlichen und politischen Einfluss in ihrem Herkunftsland ausüben. Oder umgekehrt: Welche Erfahrungen nehmen Intellektuelle aus ihrem früheren Leben mit – und wie beeinflussen sie dadurch auch die Gesellschaft in der Schweiz? Zusammenfassend lässt sich sagen: Migration ist immer ein wechselseitiger Prozess.
Nennen Sie ein konkretes Beispiel.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten viele national-konservative Kroat_innen aus Titos sozialistischem Jugoslawien nach Mitteleuropa aus. Während diese sogenannten Exilkroaten in Deutschland unter anderem mit Terroranschlägen auf jugoslawische Einrichtungen von sich reden machten, waren hierzulande andere von ihnen publizistisch aktiv. In Brugg gründeten sie etwa den Adria-Verlag, der für die kroatische Nationalbewegung im Exil eine wichtige Rolle spielte. Jährliche Wallfahrten nach Einsiedeln ermöglichten ihnen zudem, sich so zu vernetzen, wie das in Jugoslawien unter staatlicher Beobachtung nicht möglich gewesen wäre.
Als dann Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre zerfiel, öffnete sich für die Exilkroaten ein günstiges Zeitfenster: Sie konnten Positionen, die im sozialistischen Jugoslawien verfolgt worden waren, nun aus der Diaspora heraus in den öffentlichen Diskurs des neuen kroatischen Staates einfliessen lassen. Dass auch nationalistische Strömungen transnational organisiert sind, ist nur ein scheinbares Paradox.
Schon vorher, während des Zweiten Weltkriegs, sind Menschen aus Kroatien geflüchtet.
Ja, im Zweiten Weltkrieg herrschte auf dem Gebiet des heutigen Kroatien und Bosnien-Herzegowina ein faschistisches Satellitenregime Nazi-Deutschlands unter dem Ustaša-Führer Ante Pavelić. Neben der Verfolgung von Serb_innen und Rom_nja bildete die antisemitische Vernichtungspolitik den Kern der Staatsideologie des «Unabhängigen Staats Kroatien». Damals flüchteten rund 1000 jüdische Menschen in die Schweiz. Nachdem sie den Krieg verloren hatten, begaben sich auch einige Funktionäre des kroatischen Nazi-Vasallenstaats in die Schweiz, als Station auf der sogenannten Rattenlinie. Das war eine von katholischen Kreisen in der Schweiz unterstützte Fluchtroute nach Südamerika. So entstand die groteske Situation, dass sich einst Verfolgte und Verfolger nun wieder am selben Ort befanden. Es hätte also durchaus sein können, dass eine geflüchtete Jüdin und ein Ustaša-Funktionär sich zufällig auf einer Strasse in Zürich, Basel oder Genf begegneten. Der Begriff «kroatische Diaspora» wird diesen beiden doch sehr unterschiedlichen exilkroatischen Lebenswelten nicht gerecht.
Inwiefern spielte die Schweiz auch für andere jugoslawische Nachfolgestaaten eine wichtige Rolle?
Auch innerhalb der serbischen und bosniakischen Diaspora finden sich ähnliche intellektuelle und publizistische Bestrebungen. Am bekanntesten ist wohl der Lausanner Verlag L'Âge d'Homme von Vladimir Dimitrijević, der sich seit den 1980er Jahren zunehmend einer serbisch-nationalistischen Programmatik zuwandte und 1990 unter anderem eine Sammlung von Slobodan Miloševićs Reden veröffentlichte.
Aber das vielleicht eindrücklichste Beispiel für den Einfluss der Schweiz auf das Geschehen in Ex-Jugoslawien betrifft die albanische Diaspora aus dem Kosovo: Das Schweizer Exil wurde in den 1980er Jahren zu einer Schaltzentrale der kosovo-albanischen Nationalbewegung – mit Folgen, die bis in die jüngere Geschichte des Landes hineinreichen. Es wäre keine grosse Übertreibung zu sagen: Ohne die Schweiz wäre die Republik Kosovo in der heutigen Form nicht denkbar.
Wieso nicht?
Viele Kosovo-Albaner_innen kamen während den 1980er und 1990er Jahren in die Schweiz, als sich die politische Situation im Kosovo allmählich zuspitzte. Dann brach Ende der 1990er Jahre der Kosovo-Krieg aus – und die kosovarische Gemeinschaft in der Schweiz wuchs sprunghaft an. Mit Hashim Thaçi und Ramush Haradinaj befanden sich auch zwei spätere Schlüsselfiguren der kosovarischen Politik im Schweizer Exil. Von hier aus beteiligten sie sich am Aufbau der UÇK, die sich auch durch Spendensammlungen und Fonds aus der Schweiz finanzierte. Haradinaj kehrte 1998 zurück, beteiligte sich an den Kämpfen und wurde 2004 unter UN-Verwaltung Regierungschef. Und Thaçi wurde nach der Unabhängigkeit 2008 erster Premierminister der Republik Kosovo.
Die kosovarische Diaspora übt bis heute einen starken Einfluss aus: einerseits wirtschaftlich, weil viele hier lebende Kosovo-Albaner_innen Geld an dort lebende Familienmitglieder überweisen und einige im Kosovo auch Investitionen tätigen. Und andererseits politisch, denn Aktivist_innen von hier sind in Netzwerken eng mit Gleichgesinnten im Kosovo verbunden. Aber zur Abspaltung von Kosovo haben nicht nur Exilkosovar_innen beigetragen, sondern auch die Schweizer Politik. Der Bundesrat hat im Februar 2008, nur wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung, die Republik Kosovo anerkannt. Dieses Engagement ist für die Schweiz, die ansonsten auf internationalem Parkett um Zurückhaltung bedacht ist, eher untypisch.
Wieso hat die Schweiz bei der Abspaltung von Kosovo ihre Neutralität aufgegeben?
Hat sie das? Der Neutralitätsbegriff lässt sich sehr unterschiedlich interpretieren. Sicher hat die kosovarische Diaspora damals gut lobbyiert – aber mehr wissen wir erst, wenn die 30-jährige Sperrfrist für Bundesdokumente abläuft. Besser dokumentiert ist der internationale Kontext: Die Weltgemeinschaft wollte nach den Erfahrungen in Bosnien und Herzegowina ein Wiederholen ethnischer Gewalt im Kosovo verhindern. Dieser Kontext prägte wohl auch die Schweizer Position.
Eine Minimaldefinition von Diaspora wäre: Man bewahrt eine Verbindung zum alten Ort und geht zugleich eine Beziehung zum neuen Ort ein Dino Tsakmaklis
Wir haben darüber gesprochen, wie sich die verschiedenen Migrationsbewegungen unterscheiden. Gibt es auch generelle Muster oder verbindende Elemente?
Es heisst oft: «Die Migration ist eine Konstante im menschlichen Dasein.» Das ist absolut richtig. Spannend wird es aber erst, wenn man sich konkrete Konstellationen in unterschiedlichen historischen Kontexten anschaut. Exil und Diaspora sind keine gleichbleibenden Gefässe, die man mit Menschen befüllt – sie entstehen immer wieder neu und unterliegen stetigem Wandel. Eine Minimaldefinition von Diaspora wäre vielleicht: Man bewahrt eine Verbindung zum alten Ort und geht zugleich eine Beziehung zum neuen Ort ein. Dies mag banal erscheinen, es ist aber genau diese transnationale Vermischung, in der Neues entsteht. Migration bedeutet für Betroffene fast immer Verlust, Entfremdung und nicht selten Trauma – das darf nicht übersehen werden –, aber wissenshistorisch betrachtet sind solche Brüche für Intellektuelle oft auch Momente von grosser Kreativität.
Und was ist mit den Nicht-Intellektuellen? Mit den Menschen, die in der Schweiz «Fremdarbeiter» waren?
In den 1970er Jahren galten Jugoslaw_innen oft als pflegeleichter als etwa Italiener_innen, die eine lebendige Gewerkschaftstradition mitbrachten und sich politisch stärker organisierten. Die von Schweizer Arbeitgebern und Behörden gepriesene Anpassungsfähigkeit der Jugoslaw_innen war aber ein Ausdruck ihrer Schutzlosigkeit, die das Saisonnierstatut herstellte. Das Statut war bis 1991 in Kraft. Es erlaubte Aufenthalte für jeweils eine Arbeitssaison, die maximal neun Monate dauerte. Saisonniers durften weder ihren Arbeitgeber noch ihren Wohnort wechseln und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Sozialversicherungsleistungen. Schwer wog auch das Verbot des Familiennachzugs: Wer in die Schweiz kam, musste seine Kinder zurücklassen – oder sie illegal mitnehmen und hier verstecken. So wuchsen viele als sogenannte Schrankkinder auf. Das sind keine Einzelschicksale, das ist systematisches Unrecht.
Hier kommen wir zurück zur SVP-Initiative: Im Kern ging es meiner Ansicht nach nie wirklich um die Wohnungsnot, den Lohndruck oder ökologische Probleme, sondern darum, die Menschen, die in die Schweiz kommen, zu entrechten. Denn die Initiant_innen hatten Personen in zeitlich befristeten Arbeitsverhältnissen von den Zuwanderungsbeschränkungen ausgenommen. Ein Saisonnierstatut für das 21. Jahrhundert – glücklicherweise hat die Stimmbevölkerung es verhindert.
Internationale Konferenz
Am 9. und 10. September 2026 findet unter dem Titel «From Exile to Diaspora: Southeast European Intellectuals and Political Activists Abroad» eine internationale Tagung an der Universität Freiburg statt. Expert_innen aus ganz Europa tauschen sich darüber aus, wie Intellektuelle und politische Aktivist_innen ihre Gemeinschaften im Her- und Ankunftsland mitgestalten und wie sie zur globalen Wissensproduktion beitragen. Ein besonderer Schwerpunkt gilt der Geschichte südosteuropäischer Menschen in der Schweiz. Organisiert wird die Zusammenkunft vom Departement für Zeitgeschichte der Universität Freiburg, unter der Leitung von Franziska Zaugg, Karlo Ruzicic-Kessler und Dino Tsakmaklis.
Unser Experte Dino Tsakmaklis ist Doktorand am Departement für Zeitgeschichte der Universität Freiburg und erforscht, wie südosteuropäische Intellektuelle im Exil zur europäischen Geistesgeschichte beigetragen haben.
konstantinos.tsakmaklis@unifr.ch
