Fokus
Einen Garten und dazu noch eine Bibliothek
Sie ist schön, sie ist gross und sie steht allen offen. Die neue KUB bietet viel Platz zum ruhigen Arbeiten und Stöbern und lockt gleichzeitig mit kulturellen Veranstaltungen, einem Ort zum Kaffeetrinken – und einem Dachgarten, den man gesehen haben muss.
Geduld bringt Rosen – oder eine neue Bibliothek, die das Warten gelohnt hat. Nach sechs Jahren Bauzeit öffnet die rundum erneuerte Kantons- und Universitätsbibliothek (KUB) im September ihre Türen. Beim Vorher-Nachher-Vergleich sticht eine Zahl sofort heraus: diejenige der Gesamtfläche der öffentlich zugänglichen Bereiche. «Sie beträgt neu 15’000 Quadratmeter – fünfmal mehr als zuvor», sagt Direktorin Angélique Boschung. Die Zahl zeigt die Dimensionen des Um- und Ausbaus auf, der 117 Millionen Franken gekostet hat.
Das Resultat ist eine Oase mitten im Stadtzentrum zwischen Georges-Python-Platz und dem Uni-Hauptgebäude Miséricorde. Wer den neuen Haupteingang bei der Rue Saint-Michel betritt, taucht ein in eine andere Welt. «Die neue KUB ist so konzipiert, dass die Gastfreundschaft im Zentrum all unserer Aktivitäten steht. Die hellen und grosszügigen Räume sind Teil dieses Konzepts», erklärt Boschung.
Stöbern – der Anti-Algorithmus
Am lebhaftesten geht es im Erdgeschoss zu und her. Dort befindet sich der Hauptbereich der Bibliothek. Wichtige Neuerung: ein weitläufiger Freihandbereich. Während bis anhin Titel bestellt werden mussten, kann nun gestöbert werden. 200’000 Bücher und Dokumente sowie 1200 Zeitschriften sind frei zugänglich. «Das ist eine sehr wichtige Veränderung. So lassen wir Raum für Zufall und Entdeckungen. Etwas, das durch das Internet und die sozialen Medien immer mehr verloren geht. Wegen der Algorithmen kommen wir nur noch mit Dingen in Kontakt, für die wir uns schon vorher interessierten», sagt Angélique Boschung. «Unser Blick auf die Welt droht sich dadurch zu verengen. Diese Art der geistigen Abschottung trägt zur Polarisierung der Gesellschaft bei. Die Rolle einer Bibliothek besteht darin, diesen Blick zu öffnen.» Jemand, der einen Reiseführer suche, verlasse die Bibliothek womöglich zusätzlich mit einem Sprachlehrmittel und einem Roman für die Reise.
Eine Vorauswahl ist aber auch in der Bibliothek nötig. Schliesslich schaffen es nur 200’000 der 2,6 Millionen Dokumente in den Freihandbereich. Nach welchen Kriterien werden diese ausgewählt? «Einerseits haben wir dafür Kolleg_innen aus unterschiedlichen Fachgebieten konsultiert. Andererseits haben wir geprüft, ob die Dokumente aktuell und in gutem Zustand sind. Gleichzeitig schauen wir auf die Statistiken. Häufig ausgeliehene Medien sind tendenziell eher frei zugänglich, selten ausgeliehene bleiben im Magazin.»
© stemutz.com
Ort der Geselligkeit
Nebst dem Empfang und dem Freihandbereich mit allen Neuerwerbungen befinden sich im Erdgeschoss auch eine grosse Ausstellungshalle, ein Mehrzweckraum und ein Café. Die Ausstellungshalle wird gleich vom ersten Tag an genutzt. «Wir beginnen mit einer Exposition, die der Baustelle gewidmet ist. Im Zentrum stehen die Arbeiter_innen, die massgeblich zur Gestaltung der KUB beigetragen haben. Damit wollen wir ihnen Tribut zollen.» Im Mehrzweckraum «Kaleidoskop» steht die kulturelle und wissenschaftliche Wissensvermittlung im Vordergrund. «Dort werden wir Konferenzen, Universitätsseminare und Workshops veranstalten.» Im Café «La Parenthèse» schliesslich, das für 100 Personen konzipiert ist, geht es um «Geselligkeit und Begegnungen», wie Boschung sagt.
Es ist offensichtlich: Die neue KUB bricht mit der ohnehin überholten Vorstellung der Bibliothek als sterilem Ort. «Die Tendenz geht in die Richtung, dass Bibliotheken vermehrt als Treffpunkt verstanden werden. Als ‹dritter Ort› neben Berufswelt und Privatleben.» Entsprechend einladend soll dieser Ort sein – und zwar nicht nur für Akademiker_innen, sondern für die gesamte Bevölkerung. «Die Bibliothek ist ein Ort ohne Konsumdruck. Sie können zu Ihrem Vergnügen herkommen, zur kulturellen Bereicherung – und das alles, ohne etwas kaufen zu müssen.» Je mehr sie zum Verweilen einlade, desto besser könne die KUB Verbindungen schaffen zwischen Sammlungen und Publikum, zwischen den Generationen, zwischen dem an der Universität gewonnenen Wissen und der breiten Öffentlichkeit, sagt Boschung.
Dänisches Modell als Inspiration
Inspiriert ist das Konzept der KUB vom dänischen Four-Spaces-Modell, das die öffentliche Bibliothek als demokratischen, sozialen und kulturellen Treffpunkt definiert. Demnach ist die Funktion einer Bibliothek in vier Bereiche unterteilt: Inspiration Space, Learning Space, Meeting Space, Performative Space. «Jeder der vier Bereiche wird durch vier Ziele definiert. Hinter sämtlichen Zielen steckt jeweils die Idee, das Nutzungserlebnis möglichst positiv zu gestalten.»
Inspirieren und zum lebenslangen Lernen anregen soll die Bibliothek also, als sozialer Ort für Dialog, Vernetzung und Debatte dienen – und die Besucher_innen aktiv mitgestalten lassen. Für diesen Performative Space hat Angélique Boschung ebenfalls ein Beispiel parat: In der musikwissenschaftlichen Bibliothek – die wie die sprach- und literaturwissenschaftliche Bibliothek in die neue KUB integriert wird – steht ein E-Piano. «Dort können die Leute an Partituren arbeiten. Oder auch einfach improvisieren. Es geht darum, die Kreativität zu fördern, die Entstehung neuer Inhalte und Werke anzuregen.»
Über 1000 Besuchende pro Tag
Die Bestrebungen, ein attraktiver Ort für alle zu werden, sind also klar. Die Umsetzung in die Praxis ist allerdings noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Wie will die KUB breitere Bevölkerungsschichten anziehen? «Ein wichtiger Punkt ist die Niederschwelligkeit. Dazu gehört der kostenlose Zugang zu unseren Dienstleistungen.»
Im Fokus stehen zudem die Öffnungszeiten. Die sollen möglichst ausgedehnt und attraktiv sein. «Idealerweise würden wir sieben Tage die Woche öffnen. Leider ist das aufgrund begrenzter Ressourcen am Anfang nicht möglich.» In der ersten Phase ist die KUB von Montag bis Freitag von 8 bis 22 Uhr geöffnet, am Samstag von 10 bis 18 Uhr. Am Sonntag bleibt sie geschlossen. «Mittel- und längerfristig hoffe ich, dass wir auch sonntags öffnen können. Denn an diesem Tag haben die Leute frei und entsprechend Zeit für einen Besuch.» Einen Schritt hin zu einem breiteren Publikum macht die KUB auch mit spannenden Veranstaltungen: Bereits geplant ist etwa ein Themenabend zum Singer-Songwriter und Autor Leonard Cohen.
400’000 Besucher_innen hofft Boschung in den neuen Räumlichkeiten jährlich zu empfangen. Das sind mehr als 1000 pro Tag – und deutlich mehr als die 275’000 Besucher_innen, die vor dem Umbau pro Jahr in der KUB waren. «Es ist ein ambitioniertes Ziel – aber mit dem wunderbaren Bau haben wir definitiv unsere Argumente», sagt Angélique Boschung und strahlt.
Platz zum Studieren und Arbeiten
Mehr Raum erhalten auch die Studierenden und Forschenden, welche die Bibliothek in erster Linie zum Arbeiten nutzen. «Es wird 700 Einzelarbeitsplätze geben, einerseits entlang der Fenster mit Blick auf den Park, andererseits in den drei grossen Lesesälen.» Zum Vergleich: Vorher gab es 200 Einzelarbeitsplätze.
© BCU Francesco Ragusa
«Interessant sind zudem die Gruppenarbeitsräume. Rund hundert solche Räume stehen zur Verfügung. Von der Kapazität her variieren sie zwischen zwei und zwölf Personen», sagt Angélique Boschung. «Unser Ziel ist es, allen Lernmethoden und -bedürfnissen gerecht zu werden, je nachdem welche Aufgabe für die Studierenden oder Forschenden gerade ansteht.» Manchmal müsse man Ideen austauschen und mit Kolleg_innen diskutieren. «Manchmal brauchen wir aber schlicht Ruhe und Konzentration, um uns in unsere eigene Welt zurückzuziehen.» Dafür sind etwa die Einzelboxen angedacht, die in erster Linie für Doktorierende vorgesehen sind und reserviert werden können. Grundsätzlich gilt: Wer Ruhe sucht, ist in den oberen Etagen gut aufgehoben. Zu den persönlichen Highlights der Direktorin gehört ganz klar der Dachgarten. «Es ist ein echter Leseraum – aber im Freien, mit Pflanzen und Sitzmöbeln. Es wird auch Schattenplätze geben, die Leute sollen sich durch und durch wohlfühlen.» Zu den weniger auffälligen Favoriten von Angélique Boschung gehört das zentrale Treppenhaus, das unter anderem das sanierte historische Gebäude mit dem Neubau verbindet. «Es ist eine wunderbare Metapher für die KUB. Verwurzelt in unserem Erbe und gleichzeitig offen für die Moderne – genau so wollen wir sein.»
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Unsichtbare Grösse
Und so ist die KUB mit der neuen Orientierung an den Publikumsbedürfnissen und der puren Schönheit des neuen Gebäudes bereit für neue Herausforderungen. Doch wie sieht es eigentlich mit der Digitalisierung aus? Eines der wichtigsten Themen unserer Zeit – auch für Bibliotheken. «Tatsächlich erhält das Gebäude derzeit viel Aufmerksamkeit. Letztendlich geht es bei einer modernen wissenschaftlichen Bibliothek aber genauso sehr, wenn nicht sogar noch mehr, um ihre digitale Dimension als um ihre physische.» Das zeigt ein Blick auf die Ausgaben. «Wir verfügen über ein jährliches Anschaffungsbudget von drei Millionen Franken. 2,6 Millionen davon entfallen auf elektronische Ressourcen.» Im Rahmen der laufenden Open-Science- und Open-Access-Bewegung arbeite die KUB eng mit der Universität zusammen. «Wir bieten ausserdem digitale Sammlungen für die breite Öffentlichkeit an: E-Books und Streaming-Dienste für Filme und Musik. Ganz zu schweigen von den Sammlungen zum kulturellen Erbe, wie alte Fotosammlungen, die digitalisiert wurden. Die Digitalisierung ist von zentraler Bedeutung – auch wenn man sie nicht sieht.»
Fürs Auge gibt’s ab dem 1. September nun erst einmal den neuen Prachtbau zu besichtigen. Für Angélique Boschung beginnt an diesem Tag ein neues Zeitalter: «Die Qualität der Räumlichkeiten wird die KUB zweifellos zu einem Wahrzeichen Freiburgs werden lassen.»
Eine lange Geschichte
Als das neobarocke Gebäude der Kantons- und Universitätsbibliothek (KUB) 1910 fertiggestellt wurde, war es mit seinem elektrischen Licht, dem fliessenden Wasser in den Garderoben, dem Aufzug in den Magazinen und einer Kapazität von 700’000 Büchern für 300 Studierende voll auf der Höhe der Zeit. In den 1970er Jahren benötigte die KUB die ersten grösseren Retuschen. Das Ziel der damaligen Erweiterung: den geordneten Betrieb 40 weitere Jahre zu gewährleisten. Maximal bis 2010 also. Es sollte dann aber ein paar Jahre länger dauern bis zur nächsten Generalüberholung. 2018 sagte das Freiburger Stimmvolk deutlich Ja zum Um- und Erweiterungsbau «Jardins cultivés» des Lausanner Architekturbüros Butikofer de Oliveira. Der Verpflichtungskredit belief sich auf 60 Millionen Franken. Hinzu kamen 15 Millionen Franken Bundesbeiträge und vier Millionen, die der Kanton bereits in die Projektierung investiert hatte. Die Eröffnung war für 2024 geplant. Die historische Bausubstanz erwies sich jedoch als schlechter als erwartet. Hinzu kam die unter anderem durch die Corona-Pandemie verursachte Preissteigerung bei Baumaterialien. So dauerte der Umbau länger – und wurde teurer. 2024 sprach das Freiburger Kantonsparlament einen Zusatzkredit von 38 Millionen Franken.
Unser Expertin Angelique Boschung ist Direktorin der Kantons- und Universitätsbibliothek KUB.
angelique.boschung@fr.ch






