Dossier

Die Idee von der Balkanisierung Europas

Was wäre, wenn der schöpferische Geist des Balkans Europa inspirieren und der Barbarogenije zur Quelle einer kulturellen Erneuerung würde? Mit diesen Ideen vereinte der Zenitismus die künstlerische Avantgarde der 1920er Jahre.

Die Neugestaltung der geografischen Karte des Balkans am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts infolge grosser politischer Umwälzungen trug zur Etablierung des Begriffs «Balkanisierung» bei. Darunter verstand man den Zerfall einer grösseren geografisch-politischen Einheit in mehrere kleinere Einheiten, zwischen denen sich antagonistische Beziehungen und dauerhafte Konflikte entwickeln. Im Laufe der Zeit erweiterte die «Balkanisierung» ihre Semantik und erhielt einen pejorativen Charakter. Sie bezeichnete nicht mehr nur die Auflösung eines Ganzen, sondern wurde auch zum Synonym für eine Rückkehr zum Stammeshaften, Primitiven, Rückständigen und Barbarischen. Dieses Stigma trug dazu bei, dass der Balkan in Europa oft als das «Andere» gesehen wurde. Zugleich wurde dadurch die Polarisierung zwischen Europa als «Zentrum» und dem Balkan als «Peripherie» hervorgehoben.

Unter Künstlerinnen und Künstlern in Europa und auf dem Balkan selbst herrschte nach dem Ende des 1. Weltkriegs jedoch eine andere Stimmung. Die Avantgarde sah gerade im Primitiven eine Quelle der Erneuerung und eine unerschöpfliche Inspiration für die Ent­wicklung neuer künstlerischer Konzepte. Das Interesse an fernen Regionen, Kulturen, Völkern und Landschaften, einschlies­slich jenen Osteuropas und des Balkans, wurde zu einem neuen Inhalt, mit dessen Hilfe die erschöpfte euro­päische Kultur erneuert und wiederbelebt werden sollte.

Genie und Barbar zugleich

In diesem geistigen Umfeld entstand ein bemerkenswertes jugoslawisches Avantgardeprojekt: der Zenitismus. Im Gegensatz zu jenen kulturellen Projekten, die eine (west-)europäisch ausgerichtete Modernisierung des Balkans propagierten, richtete der Zenitismus seinen Blick in die entgegengesetzte Richtung und stellte die provokanten Fragen: Was wäre, wenn wir stattdessen eine Balkanisierung Europas durchführen würden? Wie wäre es, wenn die europäische Kultur durch den primitiven und barbarischen Geist des Balkans erneuert würde?

Das zenitistische Projekt begann im Herbst 1921 mit der Gründung der internationalen Zeitschrift «Zenit» in Zagreb. Als Herausgeber zeichneten Ljubomir Micić, Ivan Goll und Boško Tokin verantwortlich. Das Konzept der Zeitschrift beruhte auf Micićs Idee der Zusammenarbeit «aller Geister, egal in welcher Sprache sie schreiben». «Zenit» wurde zu einer internationalen Plattform des Humanismus, Pazifismus und der grenzüberschreitenden Brüderlichkeit der Künstler.

Bereits in den ersten Ausgaben der Zeitschrift entwirft Micić eine einzigartige balkanische Ideologie. Sie beruht auf der Vorstellung eines geistig starken, unverfälschten Individuums, dessen Aufgabe die geistige Erneuerung Europas nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ist. So entstand der Barbarogenije – die zentrale Figur und Schlüsselsymbol des Zenitismus.

Angelehnt an Friedrich Nietzsches Konzept des Übermenschen, besitzt der Barbarogenije keine klar umrissenen körperlichen Merkmale. Das Einzige, was ihn konkret bestimmt, ist seine Eigenschaft als Dichter. Aus dem zwischen Kosovo und Nordmazedonien gelegenen Gebirge Šar-Planina und dem Ural stammend, gilt Barbarogenije als urtümlicher Vater der Völker des europäischen Südostens. In sich vereint er das Genie des Künstlers mit dem Wesen des Barbaren. Als Prophet eines neuen Zeitalters ist er zugleich Zerstörer und Schöpfer einer neuen Kunst, die Verkörperung eines neuen Barbarentums, das «die Vorstädte der grossen und traurigen westeuropäischen Städte niederreisst», die «Fensterscheiben vergoldeter Paläste zerschlägt» und die «Papiertürme» der europäischen Kultur in Brand setzen wird. Mit dem Barbarogenije verbinden sich Micićs Vorstellungen von universaler Menschheit, kollektivem Fortschritt und der Gleichheit aller Menschen. Die Figur verkörpert Humanismus und Freiheit und vermittelt zugleich eine starke pazifistische Botschaft. Einerseits setzt er sich für universelle Werte ein, andererseits bleibt er balkanisch und lokal verwurzelt, was ihm auch innerhalb der jugoslawischen Kultur Authentizität verleiht.

Die neue Rolle des Balkans

Die Balkanisierung, d.h. die barbarische Verwandlung Europas, stellt den provokativsten Teil des Zenitizmus dar. Gemeint ist dabei nicht «politischer Zerfall», sondern eine künstlerische Revolution, die auf der Energie des balkanischen «Barbarentums» und Primitivismus beruht. Ihr Ziel ist die Affirmation und Befreiung des menschlichen Geistes von Konventionen, gesellschaftlichen Hierarchien und einer bürokratisierten Zivilisation, die Europa in eine tiefe geistige Krise und schliesslich in den Krieg gestürzt hatten. Für die Zenitisten bedeutete das Barbarentum Heroismus und eine Rückkehr zur Natürlichkeit des menschlichen Geistes. Seine zerstörerische Revolte sollte kulturelle Jugendlichkeit und Unverdorbenheit fördern und Europa mit neuer Energie befruchten.

In dieser barbarischen Aktivität erhält der Balkan eine neue Bedeutung und Rolle. Er ist Heimat der Barbaren, der «Kinder der Sonne und der Berge», die den «Geist des Menschen» und die Idee einer durch Liebe verbundenen kosmischen Einheit in sich tragen. Der Balkan wird zur Brücke zwischen Ost und West, zu einem Raum kultureller Begegnung, menschlicher Freiheit und schöpferischer Energie, aus dem eine neue Kunst hervorgehen kann. Micić bezeichnet ihn als den «sechsten Kontinent» und als den geografischen Raum des Barbarogenije-Dichters.
Mit diesem Konzept der Balkanisierung versucht Micić gegen die Einordnung der balkanischen Identität als minderwertiges «Anderes» anzukämpfen. Die zenitistische Umwertung der Begriffe «Balkan», «Barbar» und «Primitivismus» verfolgt das Ziel, die vorherrschenden kulturellen Hierarchien umzukehren und den Balkan nicht als Randgebiet Europas, sondern als Quelle seiner möglichen geistigen und kulturellen Erneuerung zu präsentieren.

Anfang und Ende des Zenitismus

Der Zenitismus entstand unter ganz spezifischen historischen Umständen. Nach der Befreiung von der Herrschaft Österreich-Ungarns wurde 1918 das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später das Königreich Jugoslawien) gegründet. In der Öffentlichkeit herrschte eine starke optimistische Stimmung, die mit der Idee des Jugoslawismus und der Einheit der drei Völker verbunden war. Die Schaffung einer neuen Identität bedeutete zugleich auch die Schaffung einer neuen gemeinsamen südslawischen Kultur.

In diesem Sinne ist der Zenitismus weit mehr als nur eine künstlerische Avantgardebewegung. Er ist der Ausdruck eines historischen Augenblicks, in dem die Vorstellung einer kulturellen und geistigen Erneuerung eng mit dem Projekt eines neuen südslawischen Zusammenlebens verknüpft war. Der Barbarogenije verkörperte die Hoffnung auf eine selbstbewusste Kultur des Balkans, die nicht bloss europäische Vorbilder nachahmt, sondern als gleichwertiger Partner am Aufbau einer neuen, modernen Kultur und Zivilisation teilnimmt. Im Zenitismus sollten avantgardistische Kunst, gesellschaftliche Utopie und die Idee einer kulturellen Emanzipation des Balkans zu einem einzigartigen Programm verschmelzen.

Die wachsende Popularität der marxistischen Philosophie und die Strahlkraft der Russischen Revolution von 1917 fanden in der zenitistischen Bewegung ihren Niederschlag. Der Barbarogenije wurde zum proletarischen Kämpfer und der Zenitismus selbst zum «Sohn des Marxismus». Mit dieser programmatischen Auflehnung gegen die kapitalistische und imperialistische Ordnung Europas begann zugleich der Epilog der zenitistischen Bewegung. Die zunehmende Hinwendung der Zenitisten zum politischen Aktivismus rief grosses Misstrauen seitens der staatlichen Behörden hervor. In der Bewegung sah man eine potenzielle Gefahr. Die Zeitschrift «Zenit» wurde im Dezember 1926 verboten, und Micić selbst war gezwungen, nach Frankreich zu emigrieren.

Die Fragen sind geblieben

Die Idee des Barbarogenije, dieses poetischen Hybrids, war zweifellos eine einzigartige Erscheinung in der jugoslawischen Literatur und unterschied den Zenitismus von den übrigen jugoslawischen Avantgardebewegungen, die mit Nachdruck eine Europäisierung der jugoslawischen Kultur anstrebten. Im Dezember dieses Jahres jährt sich das Ende dieser Bewegung zum hundertsten Mal; deren Fragestellungen aber haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis zwischen Europa und dem «Balkan», über Zentrum und Peripherie, kulturelle Hierarchien und Wertsysteme sind weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskussionen. Der Zenitismus ist nicht nur eine Episode der Kunst- und Literaturgeschichte, sondern auch ein Zeugnis des Widerstands gegen die Marginalisierung Südosteuropas als europäisches «Anderes».

Unsere Expertin Bojana Rakic-Jovanovic hat in Niš (Serbien) serbische und vergleichende Literaturwissenschaft studiert und an der Unifr einen Master in Slavistik absolviert. Sie ist wissenschaftliche Bibliothekarin in der Bibliothek für Ost- und Ostmitteleuropa (EOC) der Unifr.
bojana.rakic-jovanovic@unifr.ch