Dossier
Wieviel Stadt braucht der Mensch?
China hat seit den 1980er-Jahren einen rasanten Wandel von einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer weitgehenden Verstädterung durchlaufen. Was macht das mit den Menschen? Ein Gespräch mit Madlen Kobi, die diese Entwicklung als Sozialanthropologin vor Ort untersucht hat.
Im November hat die UN bekanntgegeben, dass nun mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten lebt. Freuen Sie sich als Stadtanthropologin über diese Entwicklung?
Ja, natürlich. Allerdings haben wir diese Schwelle laut anderen Quellen schon vor zehn Jahren überschritten. Es kommt darauf an, wie man das misst. Je nachdem, wo man die Stadtgrenze zieht, gehören auch Leute, die sehr ländlich leben, noch zur Stadtbevölkerung. Das ist etwa in vielen der grössten afrikanischen Städte der Fall. In China hingegen wird eine Person bei Geburt registriert und gehört danach entweder zur Land- oder Stadtbevölkerung. Viele Wanderarbeiter_innen zählen deshalb zur ländlichen Bevölkerung, auch wenn sie in Städten wohnen. Unabhängig von der Zählweise steht jedenfalls fest, dass heute fast alle Menschen auf der Welt irgendetwas mit einer Stadt zu tun haben, dort eine Ausbildung machen, arbeiten, oder in der Stadt Verwandte haben, die ihnen Geld überweisen. Städte sind für die Menschheit als Identifikations- und Wirtschaftsräume sehr wichtig geworden.
Sie haben zu verschiedenen Städten in China geforscht. Was zeichnet sie aus?
China hat sich sehr schnell verstädtert. Die Gesellschaft war bis in die 1980er-Jahre stark landwirtschaftlich geprägt und weitgehend abgeschottet vom Ausland. Von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre, unter Mao Zedong, galt das rurale Ideal: den Boden selbst zu beackern, um sich zu ernähren. Viele städtische Kommunist_innen wurden aufs Land geschickt, damit sie die einfache und richtige Lebensweise praktizieren konnten. Allerdings war das damalige Landleben nicht rosig, es gab auch mehrere Hungersnöte. Die ökonomischen Reformen leiteten dann einen rasanten Wandel ein. Dabei hat sich China gegenüber der Welt geöffnet. Im Zuge dieser Entwicklung gewannen die Städte als Knotenpunkte und Produktionszentren für die globale Wirtschaft zusehends an Bedeutung. Die Einwohnerzahlen vieler Städte haben sich innert wenigen Jahrzehnten verzehnfacht. Das gilt nicht nur für Metropolen wie Peking, Shanghai oder Hongkong, sondern auch für viele weitere Millionenstädte im Landesinneren, die hier in Europa weitgehend unbekannt sind.
Wie hat sich die Lebensweise der Menschen verändert?
Wie auch andernorts auf der Welt haben städtische Ballungszentren und die Arbeit in Industrie- und Dienstleistungssektoren gegenüber der kleinbäuerlichen Produktion an Wichtigkeit gewonnen. Heute ist ein Grossteil der Landwirtschaft darauf ausgerichtet, die vielen Millionen Menschen in den Städten zu ernähren. Zahlreiche ehemalige Reisbauern sind zwar in die Stadt gezogen, um auf Baustellen oder in Restaurants Geld zu verdienen. Aber sie sind nicht komplett abgewandert, sondern kehren an Feiertagen und zur Bestellung ihrer Felder regelmässig in ihr Herkunftsdorf zurück. Viele Wanderarbeiter_innen lassen ihre Kinder bei den Grosseltern auf dem Land zurück, denn die Kinder sind dort registriert und können wegen ihrer ländlichen Wohnsitzregistrierung nur dort zur Schule gehen. Gleichzeitig können sich viele junge Erwachsene nicht mehr vorstellen, sich auf dem Land abzurackern. Auch wenn sie lange Arbeitszeiten in den Fabriken zu leisten haben – oft nur für einen geringen Lohn –, ist es körperlich meist weniger anstrengend als die Arbeit, die ihre Eltern oder Grosseltern verrichtet haben.
Vom Land in die Stadt zu ziehen, bedeutete also einen Aufstieg?
Ja, das Leben in der Stadt bietet zahlreiche Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten und Annehmlichkeiten im Alltag. In der Regel ist die Wohnung im Winter geheizt und im Sommer mit einer Klimaanlage gekühlt. Aber natürlich hat auch das Leben in der Stadt seine Kehrseiten. Ich war 2018 das letzte Mal in China; während der Covid-Pandemie war das unmöglich und danach hat es sich leider nicht mehr ergeben. Als ich damals für vier Monate in Chongqing war, einer riesigen Stadt im Südwesten, habe ich mit vielen Leuten gesprochen, die sich über die schlechte Luft beklagten, über die vielen Staus und die langen Pendelzeiten zwischen Wohn- und Arbeitsort.
Was können wir in Europa von der Urbanisierung in China lernen?
Vielleicht, dass gewisse Transformationen sehr schnell geschehen können. In China hat sich zum Beispiel bei der Mobilität die grüne Wende innert zehn Jahren vollzogen. Heute fahren die meisten öffentlichen Verkehrsmittel und auch neu gekauften Privatautos in den Städten mit elektrischer Energie. Das hat in Bezug auf die Luftverschmutzung zu deutlichen Verbesserungen geführt. Bei uns geht der Wechsel vom Verbrenner zum Elektroauto dagegen nur schleppend voran. Hier gelingt es den grossen Erdölkonzernen, die Veränderung auszubremsen. Die grüne Wende existiert bei uns deshalb weiterhin eher als Vision. Aber das schnelle Tempo hat auch seine Schattenseiten.
Und zwar?
Wenn in der Schweiz Bauvorhaben geplant werden, unterstehen sie einer demokratischen Kontrolle. Wer sich wehren will, kann dies innert den gesetzlich geregelten Einsprachefristen tun. Wenn hingegen in China die Stadtregierung eine neue Flusspromenade bauen will, dann macht sie das autokratisch, ohne mit den involvierten Personen zu verhandeln. Im Fall der Stadt Aksu, in der ich für meine Doktorarbeit geforscht habe, sind so zwar in Rekordfrist schön gestaltete Uferwege mit Sitzgelegenheiten und Parks für Rollbrettfahrer_innen entstanden. Doch während die Mittelklasse einen besseren Zugang zum Fluss erhielt, wurden die ärmeren Leute, die zuvor am Flussufer wohnten, verdrängt und umgesiedelt. Ein weiteres Problem ist, dass der Bauboom teilweise nicht Wohnraum sondern Leerstand generiert. Bis vor wenigen Jahren galten Wohnungen als sichere Investition, die Preise entwickelten sich jahrzehntelang immer nur nach oben. Doch einige der riesigen Bauprojekte, die während dem Boom fertiggestellt wurden, florierten nicht. Heute gibt es in vielen grösseren Städten im Norden Chinas Quartiere, die wie verlassene Geisterstädte wirken.
Wie gelangen Sie zu Erkenntnissen, wie gehen Sie vor?
Die wichtigste Forschungsmethode als Sozialanthropologin ist die teilnehmende Beobachtung. Wenn ich vertieft einer Frage nachgehe, lebe ich mehrere Monate vor Ort. Ich vereinbare Interviewtermine mit Fachpersonen – und halte immer auch meine Augen und Ohren offen, um Einblicke in den Lebensalltag der Menschen zu gewinnen. Oft führen erste Kontakte nach dem Schneeballprinzip zu Gesprächen mit weiteren Menschen. In China hat mir geholfen, dass ich Chinesisch spreche und als Westlerin anders aussehe als alle anderen. Dadurch haben sich viele spontane Austauschgelegenheiten ergeben, auf der Strasse oder im Nudelshop. Viele Menschen waren neugierig und haben mir Fragen zu Europa und zum Leben in der Schweiz gestellt. Im Gegenzug beantworteten sie dann auch meine Fragen. Ich sage im Gespräch immer, wer ich bin, und worin mein Forschungsinteresse liegt. Meist habe ich kein Aufnahmegerät dabei. Nach dem Gespräch suche ich einen ruhigen Ort auf, um möglichst wortgetreu zu notieren, an was ich mich erinnere.
Während Ihrer Doktorarbeit haben Sie untersucht, wie Uigur_innen und Han-Chines_innen in städtischen Räumen zusammenleben.
Ja, zwischen 2010 und 2015 war ich in der Autonomen Region Xinjiang im Nordwesten von China. Xinjiang liegt nördlich von Tibet. Das Gebiet ist von Wüsten und Bergen geprägt und weniger stark bevölkert als der Osten Chinas. In den Oasen entlang der Taklamakan-Wüste betrieben die Uigur_innen früher vor allem Viehzucht und Landwirtschaft. Die uigurische Kultur ist wie andere zentralasiatische Kulturen muslimisch geprägt: Sie sprechen eine Turksprache, verwenden arabische Schriftzeichen und essen kein Schweinefleisch. Im Laufe der Zeit haben sich einige der Oasen zu grossen Städten entwickelt. Dabei sind viele Han-Chines_innen aus Zentralchina eingewandert – auf der Suche nach Arbeit, aber auch, weil die Regierung ihre Ansiedlung aktiv gefördert hat. Heute leben ungefähr gleich viele Han-Chines_innen wie Uigur_innen in Xinjiang – und in beiden ethnischen Gruppen gibt es verschiedene soziale Klassen, also nicht nur reiche Chines_innen und arme Uigur_innen, sondern auch umgekehrt. Meine hauptsächliche Forschungsfrage lautete, wie sich die Gruppen die Stadträume teilen. Gibt es etwa ethnisch geprägte Viertel?
Was haben Sie herausgefunden?
Natürlich gibt es Stadtteile, die mehrheitlich uigurisch geprägt sind. Das sieht man etwa an den Restaurants und Läden. Aber viele Uigur_innen wohnen auch in Vierteln, die auf den ersten Blick sehr chinesisch aussehen und umgekehrt. Eine klare Trennlinie existiert nicht. Das liegt auch an den Danwei, den sogenannten Arbeitseinheiten. Das sind staatliche Institutionen oder Firmen, welche eigene Wohnsiedlungen bauen. Die Unternehmen bieten so ihren Mitarbeitenden günstigen Wohnraum an.
«Arbeitseinheit» klingt kommunistisch.
Ja, die Danwei bauten auf ihren Anlagen neben den Produktionsstätten auch Wohnungen, Kantinen, Bibliotheken, Läden und Sportplätze. Das Leben fand also mehrheitlich innerhalb dieser meist mit Mauern abgegrenzten Räume statt.
So wie in der 15-Minuten-Stadt, von der auch bei uns oft die Rede ist?
Bis in die 1980er-Jahre waren viele Arbeitseinheiten tatsächlich nahe an diesem Konzept, dass alles, was man zum Leben braucht, im Quartier in Gehdistanz zu finden ist. Viele Leute sind ihr Leben lang in der Arbeitseinheit geblieben. Doch heute sind in China Arbeit und Wohnen räumlich meist getrennt. Viele Viertel in chinesischen Städten bestehen nur aus Wohnanlagen. Das sind Komplexe aus mehreren Gebäuden, die einen rechtwinkligen Block bilden. Nur Bewohner_innen und Besucher_innen gelangen in den Innenbereich, wo es teilweise auch Spielplätze, Schwimmbäder, Fitnessstudios oder kleine Einkaufsläden gibt.
Rechtwinklig angeordnete Wohnkomplexe: Das stelle ich mir ziemlich öde vor.
Die Wohnanlagen sehen nicht überall gleich aus, in wohlhabenden Vierteln sind sie besser ausgestattet. Aber ja, die Blockbebauung hat etwas Strenges. Bei den Tourist_innen viel beliebter sind die verschlungenen Gässchen, wie sie etwa in der Altstadt von Peking oder auch in Kaschgar zu finden sind.
Welche Rolle spielten imperiale Gedanken bei der von der Regierung unterstützten Ansiedlung von Han-Chines_innen in der Region?
Xinjiang ist reich an Rohstoffen, und unter den Uigur_innen gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen. Aber für die Regierung ist klar, dass Xinjiang ein untrennbarer Teil des chinesischen Territoriums bleibt. Ich habe untersucht, wie Individuen der beiden Gruppen zusammenleben – aber auch, wie die Einwanderung von Han-Chines_innen die Architektur verändert: Viele neu gebaute Häuser und Plätze sind im Stil von Ost-China gebaut: die Planer_innen und die Materialien kommen oft von ausserhalb Xinjiangs. Es gibt also gute Gründe, von einer Sinisierung der Region zu sprechen.
Wie passt das urbane Miteinander von Uigur_innen und Han-Chines_innen zur Geschichte mit den berüchtigten Umerziehungslagern?
Die Situation war schon angespannt, als ich vor Ort forschte. Im Jahr 2009 gab es erste tödliche Auseinandersetzungen in Ürümqi, der Hauptstadt der Region. Mich interessierte: Wie leben Menschen unter diesen politischen Bedingungen zusammen? Trotz der Spannungen pflegten die Menschen in den Städten auch weiterhin ihre nachbarschaftlichen Beziehungen. Die Leute konnten offenbar unterscheiden: «Das ist die Regierungspolitik – und das ist mein Nachbar.» Ab 2015 hat sich die Situation dann sehr stark zugespitzt. Viele Uigur_innen wurden immer stärker überwacht. Niemand konnte voraussehen, dass China so weit gehen und Uigur_innen in Umerziehungslager stecken würde. Damit versucht die Politik Terrorismus zu verhindern. Doch es geht viel eher Richtung kulturelle Vernichtung, denn es wurden auch viele Wissenschaftler_innen verhaftet, wie etwa die Professorin Rahile Dawut, mit der ich vor Ort zusammengearbeitet habe. Wie viele Personen in diesen Lagern stecken, gefoltert oder getötet wurden, ist nicht bekannt. Aber fast jede Familie vermisst jemanden. Die zunehmende Spannung hat tiefe Gräben zwischen den ethnischen Gruppen geschaffen. Sie hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr in Xinjiang weiterforschen konnte. Meine Forschungspartner_innen vor Ort haben mir empfohlen, wegzugehen und mein Nachfolgeprojekt woanders zu machen. Sie erklärten mir, dass viele Menschen immer weniger gewillt seien, mit mir zu reden, weil sie sich nicht in Gefahr bringen wollen: Für Uigur_innen in Xinjiang kann jeder Kontakt mit Ausländer_innen ein Grund für eine Festnahme sein.
Unsere Expertin Madlen Kobi ist Assistenzprofessorin am Departement für Sozialwissenschaften der Universität Freiburg. Der Schwerpunkt ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit liegt auf Mensch-Material- und Mensch- Umwelt-Beziehungen in der Stadt.
madlen.kobi@unifr.ch
