Dossier
London erzählt
«When a man is tired of London, he is tired of life». Der Schriftsteller Samuel Johnson verwies mit diesen Worten bereits im 18. Jahrhundert auf die Endlosigkeit einer Stadt, die viele Klassenwelten und Zeitgeschichten auf engstem Raum bündelt – nicht zuletzt in der Literatur.
London entzieht sich einfachen Formeln: Es ist keine Stadt, die niemals schläft, noch die Stadt der Liebe. Dennoch übt London eine magnetische Ausstrahlung aus, als pulsierende, vielschichtige, multikulturelle Metropole, die Touristenströme und internationale Finanzeliten anzieht, gleichzeitig aber das Flair einer stilvollen englishness ausstrahlt. London spielt daher in der Populärkultur eine bedeutsame Rolle. Nicht selten wird London als Schauplatz von Verbrechen oder politischen Intrigen in Filmen, Serien und Kriminalliteratur dargestellt. Diese Film- und Serienproduktionen prägen unsere Vorstellungen der Stadt: Die Netflix-Serie «The Crown» inszeniert Buckingham Palace als opulente Bühne politischer und privater Dramen der Royals, während die BBC-Produktion «Sherlock» das Publikum in die nebligen Abgründe eines viktorianischen Londons entführt. Diese populären Bilder beeinflussen, wie Tourist_innen, aber auch Leser_innen weltweit die Stadt sehen.
In der Tat ist es beinahe unmöglich, die britische Literaturgeschichte zu erzählen, ohne London im Blick zu haben. Bereits in der frühen Neuzeit wird die Stadt zum Schauplatz von Ereignissen wie dem Grossbrand von 1666 oder der Verschwörung um Guy Fawkes, die bis heute Teil des kulturellen Gedächtnisses Grossbritanniens sind. Spätestens mit der Popularisierung des Romans im 18. und 19. Jahrhundert wird London zum Kristallisationspunkt gesamtgesellschaftlicher Veränderungen sowie individueller Aspirationen: Bei Charles Dickens erscheint die viktorianische Metropole als zugleich reale und traumhaft übersteigerte Bühne sozialer Gegensätze, in der Nebel, enge Gassen, Armut und Reichtum untrennbar verschränkt sind. R. L. Stevenson lokalisiert in seiner Novelle «Dr. Jekyll and Mr. Hyde» (1886) den Sitz des Bösen und des Wahnsinns in einem gespalteten Haus: Während der gesellschaftlich hoch respektierte Dr. Jekyll im prunkvollen Vorderbau mit makelloser Fassade residiert, finden seine unheilvollen Laborexperimente, die zur Verwandlung in seinen moralisch verkommenen Doppelgänger Mr. Hyde führen, im verlotterten Hinterhofambiente des Stadtteils Soho statt. Zwar gibt es regionale, oft ländliche «Fluchtpunkte» in der englischen Erzählkunst der Zeit, etwa das ländliche Zentralengland in den Romanen George Eliots oder Thomas Hardys Südwesten, aber selbst dann, wenn London nicht im Zentrum der Geschichte steht, führt meist kein Weg an der Hauptstadt vorbei, wo Macht, Geld und Status stark miteinander vereint sind. Joseph Conrads Novelle «Herz der Finsternis», 1899, am Ende der viktorianischen Ära veröffentlicht, schlängelt sich entlang des Flusses Kongo durch den afrikanischen Dschungel, aber die Fäden werden gleich zu Beginn in London, dem nicht weniger finsteren Herzen des britischen Kolonialreichs, gesponnen.
Im literarischen Modernismus des 20. Jahrhunderts, etwa bei Autoren des Bloomsbury Circles wie Virginia Woolf, verschiebt sich der Blick: London wird zur Erfahrungsform einer fragmentierten, beschleunigten Moderne, in der sich Wahrnehmung, Erinnerung und urbaner Raum wechselseitig strukturieren, und sich die Vertreter einer internationalen Avantgarde die Klinke in die Hand geben. Bereits in Woolfs Roman «Mrs Dalloway» (1925) lassen sich die Traumata des Ersten Weltkriegs nicht mehr aus dem Londoner Stadtleben wegdenken. Die kriegsversehrten Heimkehrer erwartet eine Stadt, die lauter, heller und schneller wird. Nur wenig später, im Jahr 1949, wird London zum Sitz totalitärer Macht in George Orwells bekannter Dystopie «1984». Im Senate House, heute vom University College genutzt, siedelt er sein perfides Wahrheitsministerium an, von dem aus das fiktive Reich Oceania unter strenger Überwachung verwaltet wird.
Von diesen «klassischen» Darstellungen der Stadt lässt sich ein Bogen zur Gegenwart schlagen. In der zeitgenössischen Urban-Fantasy entstehen alternative Versionen Londons, die auf den ersten Blick fantastisch wirken, bei genauerem Hinsehen jedoch eng mit der Stadtgeschichte verknüpft sind. Diese Texte spiegeln, verdoppeln, verschieben oder unterlaufen London und machen damit erfahrbar, dass jede Stadt stets mehr ist als das, was sich auf einem offiziellen Stadtplan abbilden lässt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Neil Gaimans Roman «Neverwhere» (1996). London ist in diesem Text in zwei Ebenen aufgeteilt: «London Above» ist die bekannte Stadt mit Tourist:innen, Büros und Sehenswürdigkeiten; «London Below» hingegen ist eine verborgene Unterwelt, in der jene Figuren leben, die im offiziellen Stadtbild keinen Platz haben: Vergessene, Marginalisierte, Obdachlose, Menschen, die «durch das Raster» gefallen sind. Namen realer U-Bahn-Stationen und Orte tauchen in verzerrter Form wieder auf. So wird die «Tube» zu einer Art Gedächtnisraum, in dem sich Geschichten von Ausgrenzung, Verlust und Solidarität sammeln. Die fantastische Verdoppelung macht wahrnehmbar, was sonst leicht übersehen wird, dass die glitzernde Grossstadt immer auch eine Stadt der Unsichtbaren ist.
Der in London heimische Autor China Miéville entwirft in seinen Romanen diverse solche alternativen Stadträume. In «King Rat» (1998) erscheinen Dächer, Hinterhöfe und die Kanalisation der Stadt als Revier von Ratten und Subkulturen; Abfall und die Geräuschkulisse der Drum’n’Bass-Szene werden zu prägenden Bestandteilen der erzählten Stadt. In «Un Lun Dun» (2007) stolpern zwei Mädchen aus dem «gewöhnlichen» London in eine bizarre Parallelstadt namens Unlondon, in der vergessene Dinge, Abfälle und Sprachspiele ein Eigenleben entwickeln. In «Kraken» (2010) steht ein gigantischer, plötzlich verschwundener Riesenkalamar aus dem Londoner Naturhistorischen Museum im Zentrum einer apokalyptischen Verschwörung, die sich quer durch Archive, Kirchen und Wasserleitungen der Stadt zieht. In all diesen Texten werden reale Orte wie Museen, Wohnviertel und U-Bahn-Stationen von Magie, Monstern und Kulten überlagert und verzerrt.
Gerade diese Überlagerung macht die Romane so interessant für den Blick auf die Stadt als Konzept. Denn Miévilles und Gaimans alternative Londons sind keine reinen Fluchtwelten. Sie sind literarische Modelle, um über reale und aktuelle Themen nachzudenken: Von Gentrifizierung und dem Verschwinden bezahlbaren Wohnraums über soziale Unsicherheit bis hin zur Frage, wie sich vergangene Katastrophen in das Stadtbild einschreiben. Wenn in der fantastischen Erzählung Kanalisationssysteme, U-Bahn-Schächte oder vergessene Tunnel wichtig werden, erinnert dies daran, wie sehr eine moderne Metropole wie London auf Infrastrukturen beruht, die normalerweise unsichtbar bleiben. Wenn ruinöse Häuserzeilen oder plötzlich auftauchende Geister die Figuren an frühere Brände oder Bombennächte erinnern, wird deutlich, dass Städte wie London auch aus Erinnerung gebaut sind.
Solche Texte lassen sich als poetische Weiterführung der viktorianischen und modernistischen Stadtromane lesen. Sie schreiben die Erfahrung des sozialen Ausschlusses, der Klassenspaltung und der Katastrophen-
geschichte in fantastischen Bildern fort und machen zugleich sichtbar, wie sehr das heutige London von seinen historischen Traumata her gedacht wird. In heutigen Romanen über London begegnet man also nicht nur fantastischen Figuren und erfundenen Verschwörungen, sondern einer Stadt, in der sich viktorianische Nebel, modernistische Wahrnehmungs-
experimente und zeitgenössische Debatten über Wohnraum, Migration und Sicherheit gegenseitig überlagern. Literatur macht diese Überlagerung sichtbar und ermöglicht es, sie spielerisch, kritisch oder spekulativ weiterzudenken. So wird London zu einer Art Labor für die Frage, wie sich Städte erzählen lassen – als Orte der Macht und der Marginalisierten, der sichtbaren Plätze und der verborgenen Unterwelten.
London steht damit exemplarisch für die Stadt von gestern und heute. An der britischen Hauptstadt lässt sich zeigen, wie eine Stadt nie nur eine, eindeutig festgelegte Geschichte besitzt. Stattdessen existieren viele, teilweise widersprüchliche Erzählungen nebeneinander: Die offizielle Version der Reiseführer, die kritische Perspektive sozial engagierter Romane, die düstere Warnvision der Dystopie und die fantastischen, aber politisch hellhörigen Entwürfe der Urban-Fantasy. Wer diese Geschichten liest, sieht auch die reale Stadt mit anderen Augen und erkennt vielleicht, dass auch die eigene Stadt mehrschichtig, verletzlich und voller möglicher Doppelgänger ist.
Unsere Expertin Julia Straub ist Professorin für Neuere Englische Literatur. Sie unterrichtet zum Thema London in der englischsprachigen Literatur und führt Studierende an spannende Ecken der englischen Hauptstadt.
julia.straub@unifr.ch
Unser Experte Nino Töndury ist Doktorand für Englische Literatur. Er forscht zu alternativen Stadtbildern Londons in der Gegenwartsliteratur.
nino.toendury@unifr.ch
