Forschung & Lehre
Der Wald im Wandel
Zunehmende Trockenheit, steigende Temperaturen und extreme Wetterereignisse: Die Folgen des Klimawandels setzen auch den Schweizer Wald unter Druck. Wie begegnen Walliser Förster_innen diesem Wandel? Geowissenschafter Jan Zumoberhaus untersucht diese Frage in seiner Dissertation.
Rund 30 Prozent der Landesfläche der Schweiz sind mit Wald bedeckt, fast die Hälfte dieser Wälder erfüllt eine Schutzfunktion: Sie sichern Siedlungen und Infrastrukturen vor Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und Murgängen. Im Wallis liegt dieser Anteil sogar bei 87 Prozent. Aber: Der Schweizer Wald steht unter Druck. Im Waldbericht 2025 des Bundesamts für Umwelt BAFU ist die zunehmende Belastung der Wälder in den vergangenen zehn Jahren dokumentiert: Wiederkehrende Hitze- und Trockenperioden, Stürme, der Befall durch Schadorganismen sowie anhaltend hohe Stickstoffeinträge setzen dem Ökosystem zu. Sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, ist für die Wälder eine grosse Herausforderung. Mit zunehmender, ganzjähriger Trockenheit steigt die Waldbrandgefahr. Im Wallis gingen zuletzt 2003 (Leuk), 2011 (Visp) und 2023 (Bitsch) mehrere Hundert Hektar Schutzwald durch Brände verloren. Zahlreiche Baumarten werden an ihren heutigen Standorten künftig nicht mehr optimal gedeihen – darunter die wirtschaftlich bedeutende Fichte und möglicherweise auch die Buche, die häufigste Laubbaumart der Schweiz. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Schutzwirkung des Waldes vor Naturgefahren ebenso wie auf die biologische Vielfalt.
Welche Herausforderungen konkret auf den Wald zukommen, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Und doch müssen bereits heute Entscheidungen getroffen werden – mit dem Anspruch, auch in 30, 50 oder 100 Jahren noch Wirkung zu entfalten. «In der Forstwirtschaft trifft das Denken in langen Zeiträumen auf einen schnellen Wandel», sagt Jan Zumoberhaus vom Departement für Geowissenschaften. Er hat mit Walliser Förstern Interviews geführt und die Aussagen aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive analysiert.
Jan Zumoberhaus, in Ihrer Dissertation geht es um den Walliser Wald und den Klimawandel. Im Zentrum jedoch steht der Mensch.
Die Folgen des Klimawandels zeigen sich deutlich im Wald, speziell auch im Wallis. Wandel in der Natur gab es schon immer, aber heute schreitet er sehr schnell voran. Die Forstwirtschaft plant traditionell in Zyklen von 30 Jahren und mich interessierte die Frage: Was bedeutet diese beschleunigte Dynamik für Personen, die in langen Zeiträumen denken und Verantwortung tragen? Försterinnen und Förster stehen vor der Herausforderung, unter wachsender Unsicherheit Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen sich über Jahrzehnte erstrecken.
Wo liegt der Fokus Ihrer Forschungsarbeit?
Es ging mir nicht darum, einen normativen Weg vorzugeben oder Handlungsempfehlungen zu formulieren. Meine Arbeit versteht sich vielmehr als eine Analyse oder Beobachtung. Ich versuche aufzuzeigen, weshalb die Praxis im Umgang mit der Natur bisweilen im Widerspruch zum gesellschaftlichen Wunsch nach Sicherheit und Planung steht. Also auch im Widerspruch mit der modernen Vorstellung, auf alles eine Antwort bieten zu können.
Warum ist gerade der Wald ein gutes Beispiel für diese Problematik?
Der Wald ist ein komplexes Ökosystem. Wir wissen eigentlich nicht, wie der Wald der Zukunft aussehen wird und die Förster sind sich dieser Unsicherheit bewusst. Sie reflektieren sie – ich nenne es deshalb eine reflexive Unsicherheit. Der Deutsche Forstökonom Roderich von Detten nutzt dafür den Begriff des «intelligenten Durchwurstelns». Dies beschreibt die Praxis gut.
Durchwursteln?
Das Durchwursteln ist intelligent und reflexiv, das heisst die Situation wird immer wieder neu beurteilt, es wird auf Unvorhergesehenes reagiert. Unsicherheit wird akzeptiert, es wird nicht notwendigerweise nach mehr Wissen gesucht. Vielmehr geht es um ein Ausprobieren, trial and error. Die Forschung befasst sich heute auf Versuchsflächen und mit Modellrechnungen mit der Frage, wie sich welche Baumarten in den nächsten 30 Jahren entwickeln werden. Diese Forschung ist wichtig und gut. Aber aus der Perspektive eines Försters ist es nicht möglich, 30 Jahre auf Resultate zu warten. Diese Baumarten müssen das Klima heute und auch jenes in 30 Jahren aushalten können.
Welche Rolle kommt den Förster_innen in diesem Wandel zu?
Sie haben die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, den Wald zu erhalten – und damit seine Funktionen. In meinen Gesprächen habe ich oft gehört, dass wir wieder lernen müssen, mit der Natur zusammenzuarbeiten, die Natur wieder mehr zu erleben. Als genereller Ansatz zum Umgang mit Unsicherheiten bietet sich die Förderung der Biodiversität an, also die genetische Vielfalt, die Artenvielfalt und die Vielfalt von Lebensräumen. Sie erhöht die Resistenz des Schutzwaldes gegenüber dem Klimawandel. Aber: Es sind alle gefordert, kreativ und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Auch Waldbesitzende wurden aktiv; sie haben zusammen mit Forstleuten den Verein KlimaWald Wallis gegründet. Damit können Projekte unterstützt werden, die den Wald widerstandsfähiger und fit machen für den Klimawandel.
In der Schweiz hat sich die Temperatur seit vorindustrieller Zeit bis 2024 um 2,9 Grad Celsius erhöht. Gemäss Klimamodellen muss in Zukunft mit erheblich wärmeren Durchschnittstemperaturen sowie trockeneren Sommern gerechnet werden – mit Folgen für den Wald. Modelle zeigen, dass sich die Vegetationshöhenstufen bis Ende des 21. Jahrhunderts bis 700 Meter nach oben verschieben werden. Gemäss einer BAFU-Publikation zu Pflegemassnahmen in Wäldern mit Schutzfunktionen werden vormals vorherrschende Baumarten an gewissen Standorten nicht mehr geeignet sein oder nur noch beigemischt vorkommen. Dafür finden andere Baumarten neu geeignete Bedingungen vor. Arten der tieferen Lagen breiten sich gegen oben hin aus. Je nach Höhenlage dauert es zum Teil lange, bis sich Naturverjüngung einstellt. Darum ist es umso wichtiger, frühzeitig geeignete waldbauliche Massnahmen zu ergreifen, damit sich gewünschte Baumarten etablieren und künftig die Schutzfunktion übernehmen. Ziel sind vielfältige, strukturreiche, klimaangepasste und damit resiliente Wälder mit einer breiten, standortgerechten und an die künftigen Standortverhältnisse angepassten Baumartenzusammen-
setzung.
Nicht nur die Folgen des Klimawandels setzen dem Wald zu.
Generell haben die Wälder Mühe, sich zu verjüngen und damit zu regenerieren. Heute wird Mischwald gefördert, aber junge Laubbäume werden häufig vom Wild verbissen. Verjüngung – wie zum Beispiel nach einem Waldbrand – gestaltet sich deshalb als schwierig. Der Einfluss der Wildhuftiere auf die Waldverjüngung stellt eine grosse Herausforderung für die Bewirtschaftung von Schutzwald dar. Das Wild bevorzugt viele der zukunftsfähigen Baumarten. Bei zu starkem Wildeinfluss wird also eine der wichtigsten waldbaulichen Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel erschwert – oder gar verunmöglicht.
Bergstürze und Hochwasser erzeugen stärkere Bilder als die Folgen des Klimawandels auf den Wald. Weil dort die Veränderung schleichend geschieht?
Im Wallis und auch in der Schweiz generell kam es noch nie zu einem grossflächigen Zusammenbruch des Systems «Wald». Kleinräumig schon, ich denke zum Beispiel an Waldbrände. Obwohl wir bereits Folgen des Klimawandels sehen, sind heute viele Aspekte im Wald noch nicht manifest.
Wie reagiert die Gesellschaft auf die Unsicherheiten durch den Klimawandel?
Mittlerweile sind sich grosse Teile der Gesellschaft bewusst, dass der Klimawandel stattfindet. Und gleichzeitig möchte man am Bestehenden festhalten, an dem, was schon immer war. Das ist heute vielleicht nicht mehr möglich und es geht eher um die Anpassung an die neue Realität. Bergstürze und Hochwasser nach Starkniederschlägen führen uns die Folgen des Klimawandels heute schon vor Augen. Hochwasserschutz oder Steinschlag-Netze sind gute Beispiele, wie Gelder investiert werden in die Prävention von potenziell zukünftigen Ereignissen.
Sie sagten, wir können nicht auf alles eine Antwort bieten.
Die Gesellschaft erwartet von der Wissenschaft, dass sie Antworten liefern soll. Eindeutige Antworten, ohne Unsicherheitsfaktor. Der Klimawandel aber führt uns das Gegenteil vor Augen. Aus meiner Sicht sollten Unsicherheiten mehr kommuniziert werden dürfen. Letztlich geschieht ja nicht nur das, was wir im Moment sehen und wissenschaftlich wahrnehmen. Ich verwende dabei den Begriff der Transzendenz – mehr als das Sichtbare. Ein Förster, der jahrzehntelang im Wald gearbeitet hat, ist sich dieser Transzendenz der Natur bewusst. Aus wissenschaftlicher Perspektive dagegen möchten wir alles verstehen und kontrollieren. Aber ist das überhaupt möglich? Vielleicht kann die Forstwirtschaft in diesem Sinne auch ein Vorbild für die Gesellschaft sein, mit Unsicherheiten umzugehen.
Auch in der Ausbildung für Berufe der Waldwirtschaft spielt der Klimawandel eine grosse Rolle, wie Patrick Insinna, Leiter des ibW Bildungszentrums Wald in Maienfeld (GR), betont. Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Wald seien ein lernfeldübergreifendes Thema und fänden in der Ausbildung auf allen Ebenen Beachtung. «Wir haben sogar eigens einen Klimawandeltag eingeführt, an dem wir uns intensiv damit auseinandersetzen», so Insinna. Dabei gehe es nicht nur um naturwissenschaftliche Grundlagen, sondern auch um den Umgang mit den damit verbundenen Unsicherheiten. Angehende Försterinnen und Förster lernen, mit Szenarien zu arbeiten und dennoch fundierte Entscheidungen zu treffen. «Die Klimaszenarien des Bundes geben Hinweise darauf, welchen Herausforderungen sich der Wald in den kommenden Jahrzehnten stellen muss. Die Berufsleute müssen lernen, mit dieser Unsicherheit zu leben – und trotzdem Verantwortung zu übernehmen.» Wichtig ist für Insinna auch der enge Austausch mit der forstlichen Forschung, etwa mit der Eidg. Forschungsanstalt WSL als Teil des ETH-Bereichs. Dieser ermögliche es der Höheren Fachschule, am Puls der Zeit zu bleiben und aktuelle Erkenntnisse sowie Best-Practice-Beispiele direkt in den Unterricht zu integrieren.
Jan Zumoberhaus, wieso haben Sie den Wald zum Thema Ihrer Dissertation gemacht – und weshalb im Wallis?
Ich bin zwar kein Forstwissenschafter, habe aber ein Flair für Ökologie. Botanik und Artenkenntnis betreibe ich hobbymässig. Am Beispiel von Wald und Klimawandel hat mich fasziniert, dass hier das Denken in langen Zeiträumen auf den schnellen Wandel trifft. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL betreibt im Wallis viel Forschung. Es ist eine Art Hotspot und ein Freiluftlabor, um langfristige klimatische Prozesse zu beobachten und vorwegzunehmen. Das Wallis hat ganz eigene biogeografische und bioklimatische Verhältnisse. Man findet hier sehr trockene, warme Sommer und gleichzeitig kalte Winter. Trockenheit tritt heute schon verbreitet auf. Eventuell können die Erkenntnisse übertragen werden auf die zukünftigen Verhältnisse im Mittelland. Daneben habe ich zum Wallis aber auch einen persönlichen Bezug: Mein Urgrossvater ist im Goms aufgewachsen.
Unser Experte Jan Zumoberhaus ist Diplomassistent und Doktorand in Geographie am Departement für Geowissenschaften. In seiner Forschung interessiert er sich für Mensch-Natur-Beziehungen, mit einem Fokus auf Erkenntnistheorien, Praktiken und Politiken von Vegetationsmanagement und Naturschutz.
jan.zumoberhaus@unifr.ch
Seine Dissertation: «The Causal Power of the Possible. Navigating Complexity and Uncertainty in Adapting Forests to Climate Change in the Swiss Alps», hat er Ende Februar 2026 eingereicht.
