Fokus
Jeder Franken wird verdreifacht
Jeder Franken, den der Kanton in die Universität Freiburg investiert, generiert 3,27 Franken Wertschöpfung im Kanton. Dies zeigt eine aktuelle Studie der BAK Economics AG Basel. Im Interview spricht Studien-autor Michael Grass über die direkten und indirekten Effekte, drohende Budgetkürzungen und die Transformation von einer Industrie- zu einer Wissensökonomie.
Der Gelehrte Alexander von Humboldt sagte, es wäre eine Verfehlung, den Wert einer Universität mit wirtschaftlichen Kennzahlen aufzuzeigen. Michael Grass, warum braucht es die Studie zur Wertschöpfung der Universität?
Alexander von Humboldt hat natürlich recht. Der Wert einer Universität ist weit mehr als die wirtschaftlichen Effekte, die von ihr ausgehen. Allerdings werden Universitäten in der öffentlichen Diskussion oft als Kostenfaktor gesehen, nicht aber als Wirtschaftsfaktor. Der Grund: Die Kosten sind transparent sichtbar, der Nutzen hingegen ist oft nur bruchstückhaft oder anekdotisch erkennbar. Diese Informationslücke schliesst unsere Studie.
Universitäten stehen finanziell unter Druck, es drohen Budgetkürzungen und Sparmassnahmen. Ist Politiker_innen der wirtschaftliche Nutzen nicht genügend bewusst?
Wenn es für die Ausgaben nicht genügend Einnahmen gibt, müssen Politiker_innen nach Lösungen suchen und entweder die Einnahmen erhöhen oder die Ausgaben senken. Meistens verlangt eine mehrheitsfähige Lösung beides. Das Besondere bei den Hochschulen ist, dass von ihnen positive Externalitäten ausgehen, von denen eine Reihe von Nutzniessern profitiert: Unternehmen, Bevölkerung, Staat. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Finanzierung von Universitäten eine Investition ist, und zwar eine, die sich rentiert. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive hat es Vorteile, beim Konsum und nicht bei den Investitionen zu sparen.
Der Economic Footprint der Unifr, also die unmittelbaren Rückflüsse aus der Universität in die regionale Wirtschaft, beträgt 3,27. Heisst: Für jeden investierten Franken des Kantons werden 3,27 Franken Wertschöpfung im Kanton generiert. Wie kommt diese Zahl zustande?
Da lohnt sich zunächst ein Blick auf die Finanzierung. Der Kanton Freiburg hat im letzten Jahr 125 Millionen in die Universität investiert. Das entspricht 39 Prozent des Budgets der Uni. Durch die hohe Anzahl auswärtiger Studierender und die Forschungsexzellenz schafft es die Universität Freiburg, pro Beitragsfranken des Kantons zusätzlich 1,50 Franken an Budget zu generieren. Denn die anderen Kantone bezahlen einen Beitrag für ihre Bürger_innen, die an der Uni Freiburg studieren – und besonders interessante Forschungsprojekte erhalten Fördergelder. Insgesamt standen der Uni Freiburg 2024 so 326,5 Millionen Franken zur Verfügung. Zieht man da die Betriebsausgaben für Elektrizität, IT-Services und so weiter ab, bleibt eine Bruttowertschöpfung von 268 Millionen Franken. Der Grossteil davon fliesst in Löhne und Gehälter der Angestellten. Zwei Drittel dieser Lohnsumme gehen an Personen, die im Kanton wohnen. Die konsumieren hier und kurbeln die Wirtschaft an – genau wie die Studierenden. 70 Prozent der Studierenden wohnen während ihres Studiums im Kanton Freiburg, im Vergleich zu anderen Unis ist das sehr viel. Unser Modell zeigt, dass der Wertschöpfungsmultiplikator bei 1,52 liegt. Für jeden Wertschöpfungsfranken, der an der Uni erwirtschaftet wird, entstehen noch einmal 52 Rappen Wertschöpfung bei einem anderen Unternehmen im Kanton Freiburg. Die direkte und indirekte Wertschöpfung ergeben am Ende zusammengezählt gut 408 Millionen Franken. Setzt man diese in Relation zu den 125 Millionen, die der Kanton zahlt, kommt man auf diesen Faktor von 3,27.
Wie gross ist der Anteil der Wertschöpfung der Uni an der Gesamtwirtschaftsleistung des Kantons?
Mehr als zwei Prozent der kantonalen Volkswirtschaft entstehen unmittelbar entlang der Wertschöpfungskette der Uni Freiburg. Das ist für eine einzelne Institution bemerkenswert. Kommt hinzu, dass ein Grossteil davon steuerlich abschöpfbar ist. Geschätzte 22 Prozent der Beiträge des Kantons fliessen wieder zurück in die Finanzhaushalte des Kantons und seiner Gemeinden. Nicht eingerechnet sind da die ganzen Einkommenssteuern von früheren Absolvent_innen, die nach ihrem Studium im Kanton bleiben.
Welche Rolle im Kanton spielt die Uni Freiburg als Arbeitgeberin?
Selbst zählt sie rund 2700 Mitarbeitende mit 1900 vollzeitäquivalenten Stellen. Das entspricht einem Anteil von rund 1,5 Prozent am kantonalen Gesamtwert. Auch hier dient die Uni gleichzeitig als Multiplikator. Wenn die Wertschöpfungsketten miteinbezogen und die wirtschaftlichen Effekte daraus berechnet werden, kommt man zum Schluss, dass für jede 100-Prozent-Stelle, die an der Uni Freiburg entsteht, nochmals eine 50-Prozent-Stelle in einem anderen Unternehmen im Kanton geschaffen wird. Damit hängen in Freiburg über 4000 Beschäftigte und 2875 Stellen von der Universität ab. Was auffällt: Die Wertschöpfung der Uni Freiburg ist in den vergangenen zehn Jahren im Vergleich zur kantonalen Gesamtwirtschaft überdurchschnittlich gewachsen, das Stellenwachstum hingegen war unterdurchschnittlich gross. Das zeigt, dass die Produktivität der Institution in der letzten Dekade klar gesteigert werden konnte.
Ein kleines Gedankenspiel: Was wäre, wenn es die Uni Freiburg nicht mehr gäbe?
Ein Grossteil der Effekte ginge verloren, während ein Grossteil der Kosten bliebe. Denn auch der Kanton Freiburg bezahlt ja für seine Bürger_innen, die in anderen Kantonen studieren. Momentan profitiert rund die Hälfte davon, im eigenen Kanton studieren zu können. 51 Prozent der Freiburger_innen beginnen ihr Studium an der Uni Freiburg.
Worin liegt derzeit die grösste Herausforderung für die Institution?
In der Finanzierung. Konkret drohen etwa Kürzungen bei den Forschungsbeiträgen aus dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Im Rahmen des «Entlastungspakets 27» hat der Bundesrat vorgeschlagen, die Beiträge pro Jahr um rund zehn Prozent zu kürzen. Was den Anteil der SNF-Beiträge am gesamten Forschungsbudget angeht, liegt die Uni Freiburg mit 57 Prozent auf Rang zwei aller Schweizer Universitäten. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, weil es ein Zeichen von wissenschaftlicher Exzellenz ist und ein Beweis dafür, dass die Uni Freiburg immer mehr auf Spitzenforschung setzt. Gleichzeitig hätte eine Kürzung um zehn Prozent entsprechend einen sehr spürbaren Impakt.
Wozu können Sparmassnahmen führen?
Nebst den unmittelbaren Effekten, die durch die Finanzflüsse generiert werden, haben wir in der Studie auch die langfristigen, weniger einfach messbaren Effekte der Universität auf die Volkswirtschaft analysiert. Die Uni dient als Drehscheibe des regionalen Innovationsökosystems. Wenn das Budget für Forschende gekürzt wird, wird die Innovation ein Stück weit abgedreht. Innovation entsteht dadurch, dass verschiedene Leute ihr Wissen zu Lösungen kombinieren. Entsprechend verläuft der Schaden in diesem Bereich nicht linear. Wenn zehn Prozent der Gelder wegfallen, kann das am Ende grösseren Schaden anrichten, als der Betrag vermuten liesse, auch wenn er wohl erst in ein paar Jahren erkennbar wäre.
Sie sprechen in Ihrer Studie von verschiedenen Katalysatoreffekten, die die Universität auf die kantonale Volkswirtschaft hat. Können Sie Beispiele nennen?
Ein wichtiger Punkt ist die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Wenn wir nur diejenigen betrachten, die in Freiburg ihren Abschluss machen und direkt hier zu arbeiten beginnen, reden wir bereits von 4500 hochqualifizierten Fachkräften, die in den letzten zehn Jahren in den Arbeitsmarkt integriert wurden. Nutzniesserin ist die regionale Wirtschaft. Wir haben festgestellt, dass die meisten Absolvent_innen aus anwendungsorientierten Fächern stammen und die wirtschaftlichen Strukturen gut abgebildet werden. Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen dem, was an der Uni vermittelt wird, und den Kompetenzen, die im Beruf benötigt werden. 75 Prozent der Bachelorabsolvent_innen, 82 Prozent der Masterabsolvent_innen und 95 Prozent der Doktorand_innen gaben an, das Studium habe sie sehr gut auf das Berufsleben vorbereitet. Vonseiten der Unternehmen wird oft die Mehrsprachigkeit der Absolvent_innen hervorgehoben, sie ist ein wichtiger Grund für den Verbleib von Unternehmen im Kanton.
Was gibt es noch für Katalysatoreffekte?
Die Universität hat eine Antennenfunktion. Sie ist stark vernetzt in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft. Ein Beispiel: 74 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen entstehen im Rahmen internationaler Kollaborationen. Es wird extrem viel Wissen in die Region geholt, was wiederum wirtschaftliche Akteure anzieht. Eine weitere wichtige Aufgabe ist der Wissens- und Technologietransfer. Wir haben 25 Fakultäten identifiziert, die zu den gegenwärtig relevanten Zukunftstechnologien des Kantons Freiburg Anknüpfungspunkte haben. Dazu gehören Themenbereiche wie Food Tech, Nanotech, Sensors, Robotics, Energy, Medtech, Biotech oder Bioinformatics. Es besteht eine hohe Kohärenz, das ist wichtig. Auch die Förderung von Spin offs und Start-ups gehört zur Rolle der Uni als Brückenbauerin. Nicht zuletzt, weil sie ein international anerkanntes Forschungszentrum mit Fokus auf Spitzenforschung ist, stärkt die Uni zudem die Wahrnehmung und das Image des Kantons Freiburg als Wissens- und Technologiestandort.
Sie sprechen von der Transformation von einer Industrie- zu einer Wissensökonomie. Was bedeutet das?
In reifen Industrieländern sind Industrieunternehmen aufgrund des hohen Lohn- und Wohlstandsniveaus nur noch wettbewerbsfähig, wenn sie sich dem Preiswettbewerb entziehen können – das bedeutet, dass Innovation immer wichtiger geworden ist für den Markterfolg und die Wettbewerbsfähigkeit. Betrachtet man das aus der Perspektive einer gesamten Volkswirtschaft, bedeutet das: Wir brauchen ein sehr gutes Bildungssystem, Spitzenforschung an Universitäten, Fachhochschulen für den Technologietransfer, Start-ups für die agile Entwicklung neuer Lösungen und Ideen sowie grosse Industrieunternehmen, die massiv investieren und in der Lage sind, Innovationen in Produktivität und kommerziellen Erfolg umzumünzen. Hinzu kommt: Industrieunternehmen verdienen immer mehr auch mit Wissen, Lizenzen und Dienstleistungen, und nicht nur mit dem Verkauf von Produkten.
Unser Experte Michael Grass ist Leiter Analysen und Studien der BAK Economics AG, Basel.
info@bak-economics.com
