Dossier
Die Quadratur des Kreises
In der Theorie ist die Kreislaufwirtschaft ein Meilenstein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ökonomie. In der Umsetzung sieht es anders aus.
Take, make, dispose – so simpel ist das lineare Wirtschaftsmodell aufgebaut. Rohstoffe werden aus der Natur abgebaut, zu Produkten verarbeitet und nach der Nutzung entsorgt. Unschwer zu erkennen, dass dieses Modell Probleme mit sich bringt. Endliche Rohstoffe werden erschöpft, grosse Abfallmengen verschmutzen die Umwelt. «In diesem Zusammenhang entstand in den siebziger Jahren die Idee der Kreislaufwirtschaft. In der industriellen Ökologie begannen die Leute, sich die Frage zu stellen, wie Dinge produziert werden können, ohne die Umwelt zu beschädigen», erklärt die Assistenzprofessorin für Sozialanthropologie, Madlen Kobi. Die Erfindung klingt in der Theorie ebenfalls simpel: «Die Kreislaufwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Rohstoffe und Produkte effizient und so lange wie möglich genutzt werden. Gelingt es, Material- und Produktkreisläufe zu schliessen, können Rohstoffe immer wieder von Neuem verwendet werden», schreibt das Bundesamt für Umwelt (BAFU) in seiner Definition.
Baubranche am Pranger
Der Begriff der Kreislaufwirtschaft hat Konjunktur, gerade in der Baubranche. Das spiegelt sich in der Forschung wider. «Wenn es um das Bauwesen geht, ist das Interesse am Thema explodiert», sagt Madlen Kobi. Gemäss Web of Science wurden im Jahr 2000 drei Artikel zum Thema «Circular Economy» publiziert, 2022 waren es über 4000. Auch Madlen Kobi forscht intensiv zu dem Thema, sie leitet seit vier Jahren das Projekt «Urban Bricolage. Mining, Designing and Constructing With Reused Building Materials». Kobi arbeitet an der Schnittstelle zwischen Sozialanthropologie und Architektur; sie setzt sich mit den praktischen Herausforderungen der Wiederverwendung von Baumaterialien auseinander. Und davon gibt es genug. «Zu Beginn meiner Forschung dachte ich, es laufe darauf hinaus, dass alles kreislauffähig wird. Seither wurde ich allerdings von der Realität desillusioniert. Es ist schwieriger, als man sich vorstellt.»
Die Bauwirtschaft interessierte Kobi aus gutem Grund: «In Tonnen angeschaut, produziert sie am meisten Abfall. In der Schweiz stammen 84 Prozent der Abfälle aus der Baubranche.» Entsprechend wichtig wären nachhaltige Lösungen. Auf den ersten Blick sieht es vielfach aus, als wären diese möglich. «Schöne Grafiken mit Kreisläufen gibt es viele. Diese bilden aber immer nur ab, wie die Objekte zirkulieren. Ziegelsteine, Holz, Stahlträger – alles bleibt schön im Kreislauf», sagt Kobi. Das Problem: «Der ganze Aufwand, die menschliche Arbeit und das Fachwissen der Umsetzung, die dahinterstehen, werden nicht dargestellt. In diesem Bereich entstehen viele grosse Herausforderungen.» Als Beispiel nennt Kobi die logistischen Schwierigkeiten, etwa Stahlträger von einem Abbruchhaus zu einem Neubau zu bringen. Dazu braucht es schwere Maschinen, die Kenntnis, wie Stahlträger von einem Gebäude gelöst werden, es braucht ein Transportunternehmen, womöglich ein Lagerhaus. Und der Abbruch sollte zeitgleich mit dem Neubau erfolgen.
Soll das Bauwesen wirklich in Teilen als Kreislaufwirtschaft funktionieren, braucht es zudem ein Umdenken bei Architekt_innen. Fertig die Zeiten, in denen man 20 Fenster einer bestimmten Grösse bestellt, diese in der Fabrik produziert und danach auf die Baustelle gebracht werden. Im Englischen spricht man von architecture in reverse. Architekt_innen schauen in diesem Fall, was ihnen für Material von einer Abbruchstelle oder aus einer Bauteilbörse zur Verfügung steht – und machen dann etwas daraus. «Wenn sie mit wiederverwendeten Materialien arbeiten, stehen womöglich in dem Moment nicht 20 Fenster der gleichen Grösse zur Verfügung», sagt Kobi. «Es verändert Arbeitsprozesse grundlegend, die ganze Komplexität des Alltags, die mit der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft einhergeht, wird in den Grafiken aber oft nicht abgebildet.» Das ist denn auch Madlen Kobis Hauptkritik an der Allgegenwart des Begriffs Kreislaufwirtschaft im Baubereich. «Das Konzept ist schwierig umzusetzen, selbst wenn ein Unternehmen wirklich will, braucht es einen grossen Effort. Das führt dazu, dass der Begriff schneller verwendet wird, als die Praxis folgen kann.»
Circular Washing ist in Mode
In Anlehnung an den Begriff Greenwashing ist deshalb der Begriff Circular Washing entstanden. So nennt man das Vorgehen von Firmen, die ihren Ruf verbessern wollen, indem sie ihre Produkte als kreislauffähiger verkaufen, als sie in Wirklichkeit sind. Oder indem sie positive Aspekte überbetonen. Madlen Kobi und ihre Teamkolleg_innen haben bei Recherchen in Deutschland, Italien, Österreich, Polen und der Schweiz mit zahlreichen Exponent_innen der Baubranche gesprochen und offene Einblicke in Unternehmen erhalten. Kobi erzählt von einem kleinen Unternehmen, das Bauteile wiederverwendet und mehrere Projekte mit verschiedenen Materialien am Laufen hat. Unter anderem nimmt die Firma Parkettstäbe aus alten Böden heraus und bereitet diese so wieder auf, dass sie anderswo eingebaut werden können. Ein wunderbares Vorzeigeprojekt, das entsprechend prominent auf der Website platziert wird. «Gleichzeitig sagte mir der Marketingverantwortliche, dass diese wiederverwendeten Böden nur ein Prozent der gesamten Produktion der Firma ausmachen. Hauptsächlich bietet sie konventionellen Parkettboden an, aus günstigem Holz, das unter weniger guten Bedingungen produziert wurde und qualitativ minderwertig ist.» Auch Zementfirmen würden Circular Washing betreiben. «Oft mischen sie recycelten Zement mit neuem und nennen das dann kreislauffähigen Zement. Oder er wird ausgebaut und im Strassenbau wiederverwendet. Das ist dann eher ein Downcycling, dennoch wird es als kreislauffähig verkauft, weil der Zement noch nicht weggeworfen wird – sondern wohl erst in einem nächsten Schritt.» Kommt hinzu, dass es viel Energie benötigt, um Zement zu recyceln, was ebenfalls umweltschädlich ist.
Fehlende Anreize
Sie bashe nicht gerne Firmen, sagt Madlen Kobi. Ihnen würden auch falsche Anreize gesetzt. «Viele, mit denen ich geredet habe, sagten mir, neue Materialien seien zu günstig. Es ist deutlich teurer, hier einen Baustoff auszubauen, zu lagern und wieder einzubauen, als neue Baustoffe aus dem Ausland, zum Beispiel aus China, zu bestellen.» In der Wiederverwendung steckt viel Arbeit, die entscheidende Frage lautet: Wie kann diese entlöhnt werden, ohne dass das Resultat am Ende teurer wird als ein neues Produkt? «In diesem Bereich ist Innovation gefragt. Einer der Ansätze ist, neue Materialien höher zu besteuern als Arbeit. Momentan ist es umgekehrt.» Wie sehr sich das Verhalten der Menschen verändert, sobald sich die Gegebenheiten verändern, hat Madlen Kobi erlebt, als sie 2022 im Rahmen ihrer Forschung in Wien war und Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. «Plötzlich kam weniger Holz nach Österreich, entsprechend wurde Neuholz teurer – und sofort stieg die Nachfrage nach wiederverwendetem Holz.»
Fehlt es also bloss an gutem Willen? Ist nicht das Konzept der Kreislaufwirtschaft zweifelhaft, sondern nur die Umsetzung das Problem? «Es wäre möglich, den Prozentsatz an wiederverwendetem Material zu erhöhen. Dass jedoch alles im Kreis bleibt, ist nicht möglich», sagt Kobi. «Selbst wenn Gebäude abgebaut und Teile wiederverwendet werden, gibt es immer einen Prozentsatz, der im Abfall landet.» Die Firma, die Parkettstäbe wieder aufbereitet, erklärte der Forscherin etwa, dass rund ein Drittel der Stäbe kaputt oder nicht gross genug seien, um sie aufzubereiten und neu einzusetzen.
Die Lösung? «Es gibt radikale Tendenzen wie Suffizienz und Degrowth.» Bei diesen Ideen geht es darum, dass sich die Menschen mit weniger zufrieden geben, etwa den Konsum herunterschrauben und in kleineren Wohnungen leben, also weniger Ressourcen für den Bau von Wohnraum nutzen. «Aber ich bezweifle, dass sich diese Ideen im Mainstream durchsetzen können.» Was den Bausektor angeht, ist der Lösungsansatz für Madlen Kobi klar: «Ich bin zurückgekommen zur Idee, dass besser das ganze Gebäude weiterverwendet wird, anstatt zu versuchen, einzelne Bauteile im Kreislauf zu halten.» Aus Wohnhäusern werden Kindergärten, aus Industriehäusern Wohnhäuser – ohne immer gleich das ganze Gebäude abzureissen. «Es ist zu hoffen, dass sich dieser Trend durchsetzt. Auch in der Schweiz werden sehr viele Gebäude abgerissen. Das ist nicht nachhaltig.»
Trotzdem sieht Madlen Kobi Anzeichen für ein Umdenken. «Das Bewusstsein ist da, gerade bei Architekt_innen. Noch vor 20 Jahren wurde fast nur gelehrt, wie auf einer grünen Wiese gebaut wird. Heute wird bei der Ausbildung von Architekt_innen vermehrt vermittelt, wie mit Bestandenem etwas geschaffen werden kann.» Man müsse im Bauwesen die Idee der Kreislaufwirtschaft mit anderen Ansätzen kombinieren. Bauen im Bestand, nachwachsende Ressourcen, effizientere Baumethoden. «Letztlich geht es darum, den Blick dafür zu öffnen, wie sonst noch ressourcenschonend gebaut werden könnte. Die Kreislaufwirtschaft sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines Sets von nachhaltigen Baumethoden.»
Unsere Expertin Madlen Kobi ist Assistenzprofessorin am Departement für Sozialwissenschaften der Universität Freiburg. Als Forschungsprofessorin an der Einheit für Sozialanthropologie leitet sie seit Januar 2022 das Projekt «Urban Bricolage. Mining, Designing and Constructing With Reused Building Materials».
madlen.kobi@unifr.ch
