Dossier

Gefährliches Halbwissen über Low-Carb-Diäten

Kohlenhydratarme Diäten gehören seit Jahren zu den populärsten. Dabei ist die wissenschaftliche Grundlage alles andere als solid. Professor Dragos Inta hat als einer der Ersten systematisch an weiblichen Mäusen geforscht und festgestellt: Low-Carb Diäten führen bei diesen nicht zu einer Gewichtsreduktion – im Gegenteil.

Dragos Inta kann nur den Kopf schütteln, wenn er wieder eine vereinfachende Überschrift liest. Der Psychiater und Neurowissenschaftler nimmt einen Artikel aus dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hervor. «Je weniger Kohlenhydrate, desto besser fürs Abnehmen», steht dort in grossen Lettern. «Wir leben in Zeiten von Orthorexia nervosa», sagt Inta. Darunter versteht man den Zwang, ausschliesslich gesunde Lebensmittel zu verzehren. Nicht immer aber stützen sich Betroffene dabei auf fundierte Informationen. «Überall werden Low-Carb-Diäten propagiert. Dabei ist die wissenschaftliche Literaturlage dünn, es gibt zum Beispiel kaum Daten zum weiblichen Geschlecht. Alles wird vereinfacht dargestellt, wir brauchen mehr Forschung.»

Dragos Inta trägt seinen Teil dazu bei. Die moderne biologische Psychiatrie fokussiert sich in der Pathologie zunehmend nicht mehr nur auf das Gehirn als Hauptorgan. «Darm-Hirn-Interaktionen spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen.» Der Darm steht also immer mehr im Fokus – und damit eben auch die Ernährung.

Kohlenhydrate am Pranger

Ein Drittel der Patient_innen mit Depressionen leidet gleichzeitig an Adipositas. Die Krankheitsbilder scheinen sich also gegenseitig zu befördern. Um genauer zu untersuchen, warum das so ist und im Idealfall Therapieformen zu entwickeln, mit denen gegen beide Probleme vorgegangen werden kann, hat Dragos Inta mit seinem Team Low-Carb-Diäten in Tiermodellen erforscht. Bei diesen Diäten werden möglichst wenige Kohlenhydrate zu sich genommen. Brot, Teigwaren, Kartoffeln, aber auch verschiedene Obst- und Gemüsesorten sind weitgehend tabu.

Die Idee dahinter: Kohlenhydrate sind ein wichtiger Energielieferant. Sie werden vom Verdauungssystem in Einfachzucker umgewandelt, der Körper und Gehirn mit Energie versorgt. Fehlen diese Kohlenhydrate, muss der Körper einen anderen Weg finden, um Energie zu erzeugen. Der Metabolismus verändert sich, der Insulinspiegel sinkt, der Körper greift auf seine Fettreserven zurück. Bei der Fettverbrennung entstehen Ketonkörper, die als alternative Energielieferanten dienen. Soweit die Theorie.

Überraschende Daten

Dass sich in der Praxis ein differenzierteres Bild ergibt, belegen Intas Versuche mit Mäusen. «Die Daten sind faszinierend – und auch für uns überraschend.» Jeweils acht Wochen lang wurden die Mäuse entweder einer ketogenen Diät – eine extreme Form der Low-Carb-Diät, bei der Kohlenhydrate weniger als 5 Prozent der Nahrung ausmachen – unterzogen, oder aber einer moderaten Low-Carb-Diät mit einem Kohlenhydratanteil von rund 20 Prozent.

Das Resultat: Bei der ketogenen Diät werden tatsächlich viele Ketonkörper produziert, bei der moderaten Diät hingegen gar keine. Interessant ist vor allem aber auch die Entwicklung des Körpergewichts. In diesem Bereich gibt es nämlich grosse geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei den männlichen Mäusen war nach acht Wochen ketogener Diät ein signifikanter Gewichtsverlust erkennbar. Ganz anders bei den weiblichen Mäusen, bei ihnen schlug die Diät nicht an. Bei der moderaten Diät veränderte sich das Gewicht der Männchen nicht, die Weibchen nahmen nach der sechsten Woche sogar zu. «Die Resultate sind unglaublich. Es ist, als hätten männliche und weibliche Mäuse komplett andere Parameter durchlaufen», sagt Inta. Wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass darauf noch niemand aufmerksam gemacht hatte, obwohl das Thema Low-Carb-Diäten seit Jahren omnipräsent ist? «Es wurde immer nur an Männchen geforscht – oder zumindest wurden immer nur die Resultate zu Männchen ver­öffentlicht.

Besonders problematisch ist, dass daraus anschliessend generalisierte Schlüsse gezogen wurden. Dass es sich bei den Probanden ausschliesslich um männliche Tiere handelte, stand nur klein im Methodenteil.» Die Gründe für die geschlechterspezifischen Unterschiede sind noch unklar. Dragos Inta fordert aber, dass in Zukunft zwingend an weiblichen und männlichen Mäusen geforscht wird, wenn die Effekte kohlenhydratarmer Diäten untersucht werden.

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Interdisziplinär und gesamtheitlich

Die ursprüngliche Idee, eine neue Therapieform für Depression und Übergewicht zu finden, erhält durch die neuen Erkenntnisse nicht gerade Rückenwind. Letztlich legen die Daten nahe, dass die moderate Low-Carb-Diät, wie sie in der Praxis problemlos umsetzbar ist, kaum eine Wirkung erzeugt. Die ketogene Diät wiederum ist so rigoros, dass sie längerfristig schwierig beizubehalten ist und negative Nebenwirkungen hat. Irgendetwas müssen wir ja essen, Low Carb geht deshalb meist mit High Fat einher. Und die fettreiche Ernährung der ketogenen Diät hinterlässt Spuren. Ein ungünstiges Lipidprofil und Atherogenese – also die chronische Entzündung von Gefässen – können die Folgen davon sein. «In unserem Experiment

haben wir bei beiden Geschlechtern und sogar bei beiden Diätformen eine Zunahme des proentzündlichen Faktors TNF alpha beobachtet.» Die Art der zugefügten Fette erscheint besonders wichtig. Eine aktuelle, grossangelegte Harvard-Studie zeigt, dass sogar eine moderate Low-Carb-Diät mit einem hohen Anteil an gesättigten Fetten die Mortalität deutlich erhöht, während dieselbe Diät mit ungesättigten (meist pflanzlichen) Fetten diese Wirkung nicht hat.
Dass Dragos Inta Hoffnungen in eine kohlenhydratarme Ernährung gesetzt hatte, hat mit der positiven Wirkung von ketogenen Diäten bei Epileptiker_innen zu tun. «Bei Status epilepticus ist sie bei über 80 Prozent der Fälle effektiv und damit die wirksamste antiepileptische Therapie überhaupt», erklärt Inta. «Sie hat also eine klare neurobiologische Wirkung. Das ergibt Sinn, das Gehirn funktioniert mit Glukose. Fehlt diese, wie dies bei der ketogenen Diät der Fall ist, ändert sich durch die massive metabolische Umstellung auch die Funktionsweise des Gehirns.»

Gleichzeitig ist bekannt, dass eine hohe Komorbidität zwischen Epilepsie und Depressionen besteht. Es sind all diese Zusammenhänge und Verstrickungen, die Dragos Inta interessieren und dafür plädieren lassen, körperliche und psychische Phänomene interdisziplinär und gesamtheitlich zu betrachten.

«Es ist eine ganz neue Medizin am Entstehen»

Das Darmmikrobiom etwa – also die Gesamtheit von Bakterien und anderen Mikroorganismen, die im menschlichen Darm leben – wird in den Augen des Professors in Zukunft immer mehr im Fokus stehen. «Erste Gene für synaptische Proteine wurden im Verdauungstrakt von Schwämmen gefunden – elementaren Tieren, die kein Gehirn haben. In der Evolution scheint sich das Gehirn also aus dem Verdauungstrakt heraus entwickelt zu haben», sagt Inta. «Auch heute finden wir im Gehirn noch Proteine, die sonst nur im Darm exprimiert sind. Cholecystokinin zum Beispiel ist wichtig für die Verdauung und die Motilität der Gallenblase – und im Gehirn eine der effektivsten Substanzen, die eine Panikattacke auslösen können.»
Erfolgreich an diesen Rädchen herumschrauben zu können, wird in den nächsten Jahren von immer grösserer Bedeutung sein. «Es ist eine ganz neue Medizin am Entstehen – und es wird eine ganze Industrie darauf wachsen.» Als Beispiel nennt Inta Bestrebungen, eine schlaffördernde Milch zu entwickeln. Da wird einer Milch ein Lactobacillus zugefügt, der GABA produziert, den wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter im Gehirn. Die Milch wird zum Schlafmittel mit derselben Wirksamkeit eines Benzodiazepins – einfach ohne dessen Nebenwirkungen, also auch ohne Suchtpotenzial.

Extreme Diäten sind gefährlich

«Das alles ist komplex und wir müssen es noch besser verstehen», sagt Inta – und kommt zurück auf die mediale Präsenz der Low-Carb-Diäten. «Es ist ein klassisches Beispiel dafür, dass zu viel ungefilterte Information mit potenziell schwerwiegenden Auswirkungen an die Öffentlichkeit gelangt.» Der Professor findet es fahrlässig, Leuten zu Diäten zu raten, deren Wirkung wissenschaftlich nicht richtig untersucht ist. Er denkt dabei auch an die der tödlichsten aller psychischen Krankheiten: der Magersucht. «Neue Studien zeigen, dass Anorexia nervosa womöglich nicht nur psychologische auch neurobiologische Mechanismen eine Rolle spielen. Wenn Ratten nicht genug zu fressen erhalten, werden sie hyperaktiv. Sie verbrauchen dadurch mehr Energie, es kommt zu komplexen metabolischen Veränderungen im Fettgewebe und sie geraten in einen Teufelskreis. Es geht also offensichtlich nur um Selbstkontrolle und Angst vor Übergewicht – denn Ratten schauen nicht in den Spiegel. Mit extremen Diäten können Gefahren verbunden sein.»

Unser Experte Dragos Inta ist ordentlicher Professor an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakultät der Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der biologischen Psychiatrie. Er verbindet neurobiologische mit klinischen Untersuchungen.
dragos.inta@unifr.ch