Portrait

Alumna mit starken Nerven

Als junger Fussballerin fehlten Gaëlle Thalmann weibliche Idole, heute ist die 36-jährige Schweizer Nationaltorhüterin selbst ein Vorbild für viele Kinder.

Vor ein paar Wochen erhielt Gaëlle Thalmann einen Anruf ihrer fünfjährigen Nichte. Das Mädchen hatte ihre Tante schon oft spielen gesehen, zuletzt bei der EM im Juli in England. Nun erzählte es am Telefon: «Gotti, ich habe mir Fussballschuhe gekauft und bin bereit für das Training!» Was im ersten Moment unspektakulär klingt, hat Thalmann sehr berührt. Ähnlich fühlt sie sich, wenn sie ihren Namen auf dem Trikot von kleinen Fans liest oder High-Fives macht mit den Kindern.

Keine Frauen bei ManU und Inter

Als sie selbst noch ein kleines Mädchen war, war die Fussballwelt – zumindest in der Schweiz – eine fast ausschliesslich männliche. Natürlich gab es bereits Fussballerinnen, sie erhielten aber kaum Aufmerksamkeit. «Ich hatte keine weiblichen Vorbilder. Meine Lieblingsmannschaften waren Inter Mailand und Manchester United – die hatten keine Frauenteams.» Also stellte sich Thalmann vor, wie sie dereinst in der Champions League auflaufen würde – selbstverständlich in derjenigen der Männer. «Damals hat mich das nicht gestört. Aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dass sich etwas ändern muss. Ich bin stolz, hat meine Generation dazu beigetragen, dass Kinder nun auch weibliche Vorbilder haben.»
Dass sie als Kind mit ihren befreundeten Jungs mitträumte, ist nicht verwunderlich. Als die Freiburgerin mit acht Jahren Anfang der 90er Jahre beim FC Bulle zu spielen begann, war sie das einzige Mädchen im Team. «Für mich und meine Mitspieler war das kein Problem. Nur die Gegner tuschelten manchmal, wenn sie mich sahen.» Gaëlle Thalmann war schon immer eine starke Persönlichkeit. Als ihr Vater, der das Team trainierte, fragte, ob jemand freiwillig ins Tor wolle, hob sie sofort die Hand.
Es war der Beginn einer grossen Goaliekarriere. Ungeachtet der schwierigen Umstände ging die Pionierin ihren Weg. Als sie mit 14 nicht mehr bei den Jungs spielen konnte, wechselte sie in das Frauenteam des FC Riaz und kickte mit den Erwachsenen. Mit 17 lief sie mit Thun bereits in der zweithöchsten Schweizer Liga auf. Seither ist Thalmann viel herumgekommen und hat zahlreiche Titel gewonnen. 2009 wurde sie Deutsche Meisterin mit Potsdam, 2013 italienische Meisterin mit Torres, 2021 Schweizer Meisterin mit Servette Chênois. Aktuell hütet sie das Tor von Betis Sevilla in der hochklassigen spanischen Liga. Seit 2007 ist Thalmann zudem Teil der Schweizer Nationalmannschaft. Im September bestritt sie ihr 100. Länderspiel, eine Zahl, die zuvor weder bei den Männern noch bei den Frauen je ein Schweizer Goalie erreicht hatte.
Neuerdings gibt es Gaëlle Thalmann auch als Comicfigur. Im Kinderburch «Hopp Schwiiz», das ein Verlag in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Fussballverband herausgegeben hat, gehört sie ebenso zu den Protagonist_innen wie der Star der Männermannschaft, Xherdan Shaqiri.

© keystone-sda.ch
Nachtschichten und Kompromisse

Die 36-Jährige hat intensive Jahrzehnte hinter sich. «Auf diesem Niveau ist Fussballerin eigentlich ein Vollzeitjob.» Doch Gaëlle Thalmann hat auch nebenbei viel in ihre berufliche Karriere investiert. Einerseits weil sie das als Ergänzung so wollte, andererseits weil sie zu Beginn als Fussballerin so wenig verdiente, dass es nicht vollständig als Beruf durchging. 2009 machte sie an der Universität Freiburg den Bachelor in Geschichte und Germanistik, anschliessend in Hamburg den Master in Geschichte. 2011 kam noch ein CAS in Sportmanagement an der Uni Freiburg dazu. «Es war viel Wille nötig, um immer alles unter einen Hut zu bringen. Die eine oder andere Nachtschicht war auch dabei», sagt Thalmann. «Manchmal habe ich die Vorlesungen nicht strikt nach Interesse ausgewählt, sondern so, dass sie in meinen Fussball-Zeitplan passen.»
Thalmann ist froh, dass sie das Studium durchgezogen hat. «Es hat mich auf verschiedenen Ebenen weitergebracht. Zum Beispiel habe ich gelernt, analytisch zu denken. Das ist wichtig, denn ich bin grundsätzlich ein impulsiver Mensch, der in einem emotionalen Umfeld tätig ist.» Der CAS in Sportmanagement hilft Thalmann mittlerweile auch ganz konkret. Zwar ist die spanische Liga im Gegensatz zu der schweizerischen eine Profiliga, die Torhüterin könnte von ihrem Fussballerinnen-Salär leben. Trotzdem arbeitet sie nebenbei als Managerin im Bereich Nachwuchsförderung in einem 80-Prozent-Pensum beim Schweizerischen Fussballverband, oft von Sevilla aus mit ihrem Laptop.
Thalmann ist Hauptverantwortliche für das Projekt «Uefa Playmakers». «Es richtet sich an fünf- bis achtjährige Mädchen. Das Projekt stützt sich auf Studien, die besagen, dass die meisten Mädchen in diesem Alter lieber unter sich Fussball spielen und viel weniger wettkampforientiert sind als die Jungs. Entsprechend versuchen wir, ein anderes Umfeld für sie zu schaffen.»

Kein bisschen müde

Thalmann kann sich gut vorstellen, nach dem Ende ihrer Karriere in dem Bereich weiterzuarbeiten. Auch deshalb nimmt sie den enormen Aufwand der Doppelbelastung in Kauf. Zunächst einmal hat sie aber noch Ziele auf dem Rasen. Mit 36 Jahren ist Thalmann immer noch die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft. Und sie hat nicht vor, den Platz von sich aus zu räumen. «Ich weiss, wie schnell es im Sport gehen kann und plane nicht zu weit. Aber 2023 ist WM, 2024 sind Olympische Spiele und 2025 findet die EM womöglich in der Schweiz statt…»