Publikationsdatum 29.05.2026
Serendipity
Serendipity. Schöpfungslehre zwischen Physik und Metaphysik
Barbara Hallensleben
„Schöpfungslehre“ lautete das Thema der Hauptvorlesung Dogmatik von Prof. Barbara Hallensleben im FS 2026. Es mangelt nicht an theologischen Aspekten, beginnend mit der creatio ex nihilo, der „Schöpfung aus Nichts“. Zugleich bietet es sich an, in diesem Bereich nicht von den Ergebnissen der Naturwissenschaften in ihrer kosmologischen Forschung abzusehen. Während mehrerer Jahrhunderte schien hier eher eine unversöhnliche Konkurrenz zu bestehen: Schöpfung oder Urknall, Schöpfung oder Evolution, göttliche Ordnung oder Naturgesetze. In der Vorlesung entdeckten die Studierenden, wie die Naturwissenschaften sich seit etwa 100 Jahren von der Hoffnung auf die Weltformel verabschiedet haben, nicht zuletzt da die Quantenphysik die Eindeutigkeit der Kausalketten preisgegeben hat.
Christoph Leuenberger, Dozent für Fragen der Kosmologie, stellte den Studierenden in einer Gastvorlesung nicht nur die Entdeckung der Quantenphysik vor, sondern auch die verschiedenen quasi-philosophischen Formen ihrer noch unabgeschlossenen Deutung. Für die einstündige Begleitvorlesung faszinierte der Astrophysiker Heino Falcke, führend beteiligt an der ersten Fotografie eines „Schwarzen Lochs“, die Studierenden so sehr, dass sie sein fast 500 Seiten umfassendes Buch „Zwischen Urknall und Apokalypse“ vollständig erarbeiteten. Dabei begegneten sie dem glaubenden evangelischen Christen und Prädikanten seiner Landeskirche, den seine Forschungen im Staunen über die Schöpfung, in der Hoffnung auf den Schöpfer und im Wissen um die Grenzen der Erkenntnis bestärken.
Am 20. Mai folgten die Studierenden der Einladung des Physikers Prof. Claude Monney, der in seinem Laboratorium seine Forschungen zu „physikalischen Eigenschaften neuer Materialien“ vorstellte. Durch einen „glücklichen Zufall“ (in der Wissenschaft „serendipity“ genannt) hat er kürzlich eine neue Entdeckung gemacht, die ein Material durch Beschuss mit Lichtphotonen bei unveränderter chemischer Substanz in einen neuen Stoff verwandelt. Die etwa 500‘000 CHF teure Apparatur für seine Forschungen dringt mit ihren Messungen in Bereiche vor, die weit über (besser: unter!) die Auflösung selbst der besten optischen Mikroskope hinausgeht. Claude Monneys Forschungen sind nicht primär anwendungsorientiert. Man spürte seine unmittelbare Freude am Verstehen der Wirklichkeit, die man fast „kontemplativ“ nennen könnte.
Das Seminar über das neue Buch von John Betz „Christ – the Logos of Creation“, gewidmet der Rehabilitierung einer christologisch grundgelegten Metaphysik, und das Lektüreseminar zu Giorgio Agambens Analyse der Metaphysik in seinem Werk „Filosofia prima filosofia ultima. Il sapere dell’Occidente fra metafisica e scienze“ gaben der Philosophie ihre Stimme bei der Vermittlung zwischen Theologie und den Wissenschaften.
Im Zusammenklang der Aspekte wurde spürbar, wie die Theologie keinesfalls eine Randexistenz im Hause der Wissenschaften hat, gerade weil sie sich nicht mehr als deren „Königin“ gebärdet. Es war eine Erfahrung von „Serendipity“: Wir zogen aus, die Schöpfungslehre zu verstehen – und fanden Christus, den Logos (nicht nur Gottes, des Vaters, sondern) der Schöpfung inmitten der vielfältigen Wahrheitssuche zwischen Physik und Metaphysik …
