Forschung

Departement für Biblische Studien

Eine Neuausgabe der Biblia Hebraica

Das deutsche Bibelwerk in Stuttgart und der Weltbund der Bibelgesellschaften haben 1991 eine vollständig revidierte neue Ausgabe der Biblia Hebraica in Auftrag gegeben. Herausgeber sind wie schon bei der Biblia Hebraica Stuttgartensis (BHS) eine Reihe von Fachleuten, denen jeweils die Edition eines biblischen Buches anvertraut ist. Die Editionsarbeit wird von einer Herausgeberkommission (HK) koordiniert. Ihr gehören (in alphabetischer Reihenfolge) an: Yohanan Goldman (Fribourg, Schweiz), Arie van der Kooij (Leiden), Gerard Norton (Birmingham), Stephen Pisano (Rom), Adrian Schenker (Fribourg, Schweiz), Jan de Waard (Amsterdam), Richard Weis (Twin Cities). Die Herausgeber der bibl. Bücher sind:
Avraham Tal (Tel Aviv) Genesis
Hans-Peter Mathys (Basel) Exodus
Marc Vervenne (Leuven) Leviticus
Martin Roesel (Rostock) Numeri
Carmel McCarthy (Dublin) Deuteronomium
Leonard Greenspoon (Creighton University, Nebraska) Josua
Natalio Fernández Marcos (Madrid) Richter
de Waard Ruth
Pisano 1-2 Samuel
Schenker (Fribourg) 1-2 Könige
Zipora Talshir (Beersheva) 1-2 Chr
David Marcus (New York) Esra-Nehemia
Magne Saebø (Oslo) Esther
van der Kooij Jesaja
Weis Jeremia
Johan Lust (Leuven) Ezechiel
Augustinus Gianto (Rom) Daniel
Anthony Gelston (Durham) Dodekapropheton
Robert Althann (Rom) Hiob
Norton Psalmen
de Waard Proverbien
Piet Dirksen (Leiden) Hohelied
Rolf Schäfer (Stuttgart) Klagelieder
Yohanan Goldman (Fribourg) Qohelet

Für die Masoren ist Professor Aron Dotan, Tel Aviv, der Konsultor der Herausgeber.

Zum ersten Mal ist die Herausgeberschaft einer hebräischen Bibel aus christlichen und jüdischen Mitgliedern zusammengesetzt. Von Seiten der deutschen Bibelgesellschaft wird das Projekt von deren Generalsekretär, Dr. Jan Bühner, betreut.

Der Titel lautet Biblia Hebraica Editione Quinta (BHQ) cum apparatu critico novis curis elaborato communiter ediderunt (es folgen die Namen der HK). Warum "5. Edition"? Es handelt sich um die 5. Biblia Hebraica, die in Stuttgart herausgebracht wird (die 3 Ausgaben der Biblia Hebraica unter dem Namen Rudolph Kittel in Leipzig und Stuttgart und dann die BHS als 4. Ausgabe).

Was führte zur Entscheidung für eine völlig revidierte Neuausgabe der BHS? Die deutsche Bibelgesellschaft wollte zunächst nur eine verbesserte Neuauflage der BHS herausbringen. Aber in Parallele zur Neuedition des N.T., das nach einer mehrjährigen internationalen Kommissionsarbeit unter den Auspizien des Weltbundes der Bibelgesellschaften (UBS) und auf die Initiative des damaligen Leiters der wissenschaftlichen Projekte der UBS, Eugene A. Nida, als "The Greek New Testament" 1966 in 1. Aufl. erschienen war, hatte Nida im Auftrag der UBS ein Komitee für die Vorbereitung einer Neuausgabe des A.T. zusammengestellt. Es hiess Kommission für "The Hebrew Old Testament Text Project" (HOTTP) und bestand (in alphabetischer Reihenfolge) aus Dominique Barthélemy (Fribourg, Schweiz), Norbert Lohfink (Frankfurt a.M.), W. McHardy (Oxford), Alexander Hulst (Utrecht), Hans-Peter R&uu ml;ger (Tübingen), James Sanders (Claremont, Californien). Diese Kommission bearbeitete von 1969 bis 1979 ca. 5000 Stellen in textkritischer Hinsicht, ursprünglich gedacht in Analogie zum selektiven Apparat des Greek New Testament als Material für einen selektiven textkritischen Apparat einer zu schaffenden neuen Biblia Hebraica. Da es aber im Unterschied zum griechischen N.T. keine vollständige Ausgabe der hebräischen Bibel mit einem heutigen Ansprüchen genügenden Apparat gibt, erschien die Idee eines selektiven Apparates ohne den Hintergrund einer Ausgabe mit einer systematischen Variantensammlung (wie sie für das Greek New Testament in Nestle-Aland gegeben ist) bald als unbefriedigend. So kam es zum Beschluss, eine editio critica minor der hebräischen Bibel zu realisieren (im Gegensatz zur Hebrew University Bible, die von Moshe Goshen-Gottstein in Jerusalem initiiert wurde und von C. Rabin, S. Talmon und E. Tov fortgeführt wird, und die eine editio critica maior sein wird), die einen gleichmässig angelegten Lesartenapparat bieten will. (Es sei angemerkt, dass die Deutsche Bibelgesellschaft 1997 auch die BHS in einer 5. verbesserten Ausgabe herausgebracht hat.)
Wie sehen die Editionsprinzipien der geplanten neuen Biblia Hebraica aus? Der Text ist derjenige der Handschrift der russischen Nationalbibliothek St. Petersburg (früher Bibliothek Ssaltikow-Schtschedrin) 19A aus der 1. Sammlung Firkowitsch (da die Stadt früher Leningrad hiess, hat sich die Sigel L für diese Handschrift eingebürgert). Schon die BHK, 3. Aufl. und BHS htten diese Handschrift ihrer Ausgabe zugrundegelegt. Es scheint in der Tat verfrüht und vielleicht überhaupt problematisch, einen kritischen Text der hebräischen Bibel herzustellen. Die Komplexität der Textsituation erlaubt im derzeitigen Zeitpunkt jedenfalls eine solche Rekonstruktion noch nicht. Der Kodex L wird zum ersten mal mit Masora magna und parva abgedruckt. Mm wird übersetzt, Mp ebenfalls so verständlich dargeboten wie möglich, um den textkritischen Nutzen der beiden Masoren auf die bestmögliche Weise zu erschliessen. Die Masoren stellen ja die textkritische Arbeit der tiberiensischen Masoreten dar und gehören damit zur tiberiensischen Textüberlieferung. Überdies wird das traditionelle Layout der Seiten der Handschrift und die Perikopeneinteilung reproduziert, sodass es sich um eine grundsätzlich diplomatische Edition handelt.
Der Apparat enthält die Varianten aus jeweils zwei der besten tiberiensischen Textzeugen (normalerweise Codex Aleppo, Codex der Propheten aus Kairo, Damaskus-Pentateuch u.a.). Ferner werden alle nicht rein orthographischen Varianten der antiken hebräischen Handschriften (in der Hauptsache die Handschriften aus der Wüste Juda, Qumran, Murabaat, Nahal Hever usw.) verzeichnet. Auf die Registrierung der Varianten in den späteren, mittelalterlichen, bei Kennicott und de Rossi notierten oder in der Geniza von Kairo entdeckten Manuskripte ist verzichtet, es denn sei denn, dass besondere Gründe eine Erwähnung solcher Lesarten nötig machen. Es folgen die alten Übersetzungen in der Reihenfolge: LXX (bei der zwischen den verschiedenen Schichten und Rezensionen unterschieden wird), die hexaplarischen Übersetzer, Vulgata, Peschitto, Targumim. Die Tochterübersetzungen der LXX (Vetus latina, koptische, armenische u.a. Zeugen) erscheinen nur dort, wo sie allein die älteste Gestalt der LXX repräsentieren. Selbstverständlich werden alle andern für die Textgeschichte unentbehrlichen Zeugen (rabbinische und patristische Literatur, Texte wie Papyrus Nash u.a.m.) jedesmal herangezogen, wo sie für den Zugang zur ältesten Textform unentbehrlich sind. Die Auswahlkriterien für die Lesarten sind ihre Bedeutung für die Textkritik, d.h. sie müssen als Zugang zu einer möglichen hebräischen (bzw. aramäischen) Textbasis interpretiert werden können, oder ihre Wichtigkeit für Übersetzung und Interpretation der Stelle, ferner die textkritische Diskussion in der exegetischen Literatur und Forschungsgeschichte. Der Apparat wird auch Syntax- und Abschnitt-Varianten (Setûmôt, Petûhôt) berücksichtigen.
Die als sekundär eingestuften Lesarten erhalten in der Regel einen Indikator der Beurteilung durch den Herausgeber des Apparates. Dieser Indikator soll in abgekürzter Form auf den Grund hinweisen, der den Herausgeber bewogen hat, die Lesart als nicht-ursprünglich zu betrachten. Dadurch soll der Apparat in quasi stenographischer Manier Einblick in die Argumente eröffnen, die bei den Optionen des Herausgebers den Ausschlag gegeben haben. Diese Indikatoren oder Faktoren sind ein Kommentar in kürzester Form. Der Apparat kann Konjekturen enthalten, sofern sie allein die Textsituation zu erklären vermögen. Um auf diesem Gebiet Willkür möglichst zu vermeiden, werden die Bedingungen für Konjekturvorschläge genau definiert.
Die Biblia Hebraica wird wie die BHS in Faszikeln erscheinen. Jedem Faszikel wird ein Textkommentar beigebunden sein. Dieser wird in einer knappen Einleitung die Textsituation und Textzeugen charakterisieren und in seinem Hauptteil die komplexeren Fälle des Apparates oder wiederkehrende Phänomene, die einer synthetischen Behandlung bedürfen, erklären. Ferner wird dieser Textkommentar die Übersetzungen der Mm und allfällige Erklärungen zu den Masoren bieten. In der Gesamtausgabe der Bibel wird der Textkommentar einen Begleitband (eingebunden oder separat) bilden.
Die Sprache des Apparates und des Textkommentars ist das Englische. Man mag den Verzicht auf das Lateinische bedauern. Der Grund für die Wahl der modernen Sprache der Wissenschaft liegt im Wunsch, möglichst vielen Benutzern weltweit den Zugang zum Apparat zu erleichtern.
Im Apparat selbst (und natürlich auch im Kommentarband) werden die Lesarten entweder direkt in ihrer Sprache zitiert (das gilt für die hebräischen, griechischen, lateinischen, aramäischen und syrischen Zeugen) oder im Fall der der nicht-lateinischen Tochterversionen der LXX in der Regel in Übersetzung geboten, ausgenommen dort, wo eine Wiedergabe in der Originalsprache unentbehrlich ist. Aber die Lesarten können auch überall dort, wo dies sinnvoll ist, beschrieben werden, z.B. eine Differenz Singular-Plural kann als solche im Apparat erscheinen. Leitendes Prinzip ist dabei die grösstmögliche Transparenz und Lesbarkeit des Apparates.
Die Arbeit an der Neuausgabe erfreut sich eines eigenen Computer-Programms, das Alan Groves, Philadelphia, und seine Mitarbeiter für die BHQ entworfen und realisiert haben. Zusammen mit den Guidelines, welche Richard Weis und Gerard Norton im Auftrag der HK redigiert haben, wird dieses Programm ein Höchstmass an Einheitlichkeit der Gesamtausgabe garantieren.
Es sei hier noch ausdrücklich auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass durch die definitive Fassung der Guidelines (2000) der Probe-Faszikel Ruth aus dem Jahr 1998, der vielen Kollegen und Kolleginnen zur Beurteilung und Begutachtung zugesandt worden war, nunmehr gänzlich überholt ist!

Zum Zeitplan: ein 1. Faszikel mit den Megillot sollte Ende 2002 oder im Jahr 2003 erscheinen. Der Abschluss des ganzen Unternehmens ist Deo volente auf 2005 bis 2007 geplant. Vor der Drucklegung unterbreiten die Herausgeber der einzelnen Bücher ihr Werk Revisoren, die Mitglieder der Herausgeberkommission sind und die Aufgabe haben, die Beachtung der formalen und inhaltlichen Regeln zu überprüfen.

Wir bitten hier alle Kollegen und Kolleginnen, die in irgendeiner Weise Anregungen, Fragen oder Hinweise zu dieser neuen Biblia Hebraica hätten, mit uns in Kontakt zu treten. Wir danken für jedes Interesse, das uns im Interesse der Qualität unserer Edition entgegengebracht wird.

Adrian Schenker

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