Vorlesung: Die Mystik des europäischen Mittelalters
UE-L03.00165

Enseignant(s): Herberichs Cornelia
Cursus: Master
Type d'enseignement: Cours
ECTS: 3
Langue(s) du cours: Allemand
Semestre(s): SP-2020

Die Vorlesung untersucht unter dem Oberbegriff «Mystik» eine Reihe volkssprachiger Texte des Mittelalters, die im Grenzgebiet von Literaturwissenschaft, Theologie und Philosophie anzusiedeln sind. Gerade diese Zwischenstellung ist es, die an mystischer Literatur so herausfordernd ist und sie gleichzeitig disziplinären Definitionsversuchen entzieht: Denn «Mystik» stellt im literaturwissenschaftlichen Sinne nicht eine einheitliche «Gattung» dar, im theologischen Sinne nicht eine spezifische «Spiritualität», im philosophischen Sinne nicht eine konkrete «Lehre». Was alle in der Vorlesung vorgestellten Texte trotz ihrer Unterschiedlichkeit dennoch miteinander verbindet, ist, dass sie davon handeln, «was man unmittelbare Gegenwart Gottes nennen kann, und dies in einem dreifachen Sinn: als Vorbereitung auf sie, als Bewusstsein von ihr und als Reaktion auf sie» (Bernard McGinn).

Den Fokus legt die Vorlesung auf literaturwissenschaftliche Zugänge und Fragestellungen, und dies insbesondere aufgrund der faszinierenden rhetorischen und sprachlichen Kreativität mystischer Literatur. Vorgestellt werden Texte bzw. Textausschnitte, welche die Vielfalt formaler und ästhetischer Erscheinungsweisen von Mystik veranschaulichen und an denen des weiteren zu beobachten ist, wie Mystik andere Formen volkssprachiger Literatur sowohl in sich aufzunehmen, als auch, wie sie auf diese zurückzuwirken vermag: Lyrische Elemente im Werk von Hadewijch und Mechthild von Magdeburg, innovative Umgangsformen mit Sprache in den Predigten Meister Eckharts, biographisch ausgerichtete narrative Strategien im Werk Heinrich Seuses. Ausblicke auf französische (Marguerite Porète), spanische (Teresa de Ávila) und englische (Margery Kempe) Mystikerinnen öffnen die Vorlesung auf komparatistische Fragen hin, um zu unterstreichen, dass mittelalterliche Mystik ein überaus bedeutsames Phänomen der europäischen Literatur des Mittelalters darstellt.