Publikationsdatum 19.11.2025
Die Friedensvision von Kardinal Pizzaballa: Rückblick auf den Vortrag vor der akademischen Ehrung.
Am diesjährigen Dies Academicus war es der Theologischen Fakultät eine grosse Freude, seiner Eminenz Kardinal Pierbattista Pizzaballa, dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, das Ehrendoktorat zu verleihen. Dekanin Veronika Hoffmann stellte Kardinal Pizzaballa mit folgenden Worten vor: „He is a person of peace.“ In Zeiten, in denen die Medien nicht aufhören, von Krisen, Konflikten und Kriegen zu sprechen, sucht die Theologische Fakultät nach einem Hoffnungszeichen und findet es in einer Person, die sich mit ihrem ganzen Leben für den Frieden einsetzt.
Kardinal Pizzaballa ist seit 2020 der lateinische Patriarch von Jerusalem. Er zeichnet sich durch diplomatisches Geschick und Dialogbereitschaft im interreligiösen Dialog aus. Seit dem Ausbruch des Gazakriegs engagierte er sich auf politischer Ebene immer wieder für den Frieden. Im Oktober 2023 war er sogar bereit, sich als Geisel im Austausch für von der Hamas entführte Kinder zur Verfügung zu stellen. Pizzaballa setzte sich auch für die humanitäre Hilfe im Gazastreifen ein. Sich selbst versteht er als Seelsorger, der sich darum bemüht, den Menschen in der Zerstörung des Krieges und darüber hinaus nahe zu bleiben. Für ihn muss die Zukunft unter dem Zeichen des Friedens und der Hoffnung stehen.
Diese Sichtweise widerspiegelt sich auch in seinem Vortrag, den er zur Verleihung seines Ehrendoktorats gehalten hat. Der Titel des Vortrags lautete: „Jerusalem Between Reality and Vocation - A Light for Peace“. Der Krieg ist vorbei, die Konflikte dauern allerdings noch an. Wie soll es im Heiligen Land nun weitergehen? Was ist nun zu tun?
Der Patriarch beginnt mit einem Blick in die Realität. Aus der Sichtweise eines Hirten seines Volkes erzählt er von einem verwundeten Land, in dem man sich untereinander betrogen und missverstanden fühlt. Der interreligiöse Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen ist infolge des Krieges im Heiligen Land zum Stillstand gekommen. In der Politik ist eine zerstörerische Sprache vorherrschend, die immer noch weiteren Hass und Feindschaften auslöst. Zwischen den Israeli und Palästinensern bleiben die Beziehungen voller Konflikte.
Die Situation vor Ort ist schwierig, Zerstörung und Tod sind allgegenwärtig. Die Menschen leiden, sind verwundet, überall ist Schmerz vorhanden, wobei jeder nur seinen eigenen Schmerz sieht. Trotz dieser beklemmenden Tatsachen greift der Patriarch aber ein kraftvolles und hoffnungsvolles Bild aus dem biblischen Buch der Offenbarung auf. Dort ist vom neuen Jerusalem die Rede. Dieses Symbol soll für die Zukunft des Heiligen Landes wegweisend sein. Das neue Jerusalem versteht sich selbst als zu Gott hin geöffnet. Es verdankt sich Gott und weiss um seine Gegenwart in der Stadt. Mitten unter den Menschen ist er in ihren Beziehungen präsent. Die Bewohner der Stadt nehmen einander in einem neuen Licht wahr. Das neue Jerusalem schliesst niemanden aus, seine Tore stehen für alle Menschen offen. Es versteht seine Berufung darin, ein Instrument Gottes zu sein, um die tief sitzenden Wunden der Nationen zu heilen.
Pizzaballa versteht dieses Bild als Berufung für die christlichen Gemeinschaften in Jerusalem. Zusammen mit den anderen religiösen Gemeinschaften gilt es, die Zukunft neu zu gestalten, neue Gleichgewichte herzustellen und eine neue Sprache des Miteinanders zu finden.
Das Bild des neuen Jerusalems mag vielleicht ein wenig utopisch oder realitätsfern wirken. Kardinal Pizzaballa ist sich dessen bewusst. Er ist aber keineswegs realitätsfern, denn er kennt auch aus eigener Erfahrung die Zerstörungen des Krieges. Er weiss unter welchen Bedingungen die Menschen vor Ort leiden müssen. Der lateinische Patriarch von Jerusalem hält aber gerade wegen dieser zerstörenden Realität am Bild des neuen Jerusalem fest und ermutigt die christliche Gemeinschaften ihre Berufung umzusetzen. Gott erschuf die Welt durch sein Wort. Wir erschaffen unsere Welten auch mit Worten. Das Heilige Land liegt vielerorts in Trümmern. Hier muss eine Welt neu aufgebaut werden. Welche Worte werden für den Neuanfang dieser Welt gebraucht? Kardinal Pizzaballa verwendet Worte der Hoffnung und des Friedens. Darauf soll das neue Jerusalem gegründet sein. Der neue Ehrendoktor unserer Fakultät versucht, mit seinem Wirken Zeichen der Hoffnung angesichts der Hoffnungslosigkeit im Heiligen Land zu setzen. Aus diesem Grund hat er das Ehrendoktorat unserer Fakultät mehr als verdient.
Anna Biner, Bachelor Studentin an der Theologischen Fakultät
Vortrag von Kardinal P. Pizzaballa am 14.11.2025
Auf Englisch
Auf Französisch
Auf Deutsch
Media:
Podcast Interview SFR
Podcast Interview RTS
Artikel cath.ch
