Publikationsdatum 19.09.2024

Das Wort des Dekans Joachim Negel - HS 2024/I


Liebe Mitglieder der Theologischen Fakultät 
Liebe Freundinnen und Freunde

Und wieder beginnt ein Akademisches Jahr, und wieder blickt man zurück auf einenSommer. Es war ein Sommer voller Epiphanien. Fußballeuropameisterschaft in Deutschland, Olympische Spiele in Paris, dann die Paralympics ebenfalls in Paris, zwischendrin im Juni und Juli im Rahmen ihrer weltweiten Eras-Konzerttour einundzwanzig Stadionkonzerte von Taylor Swift in Europa (allein in Zürich, Gelsenkirchen, Hamburg und Wien 800.000 Zuschauer in elf Konzerten; die online zu erwerbenden Eintrittskarten waren binnen zwanzig Minuten ausverkauft; eine Million Fans ging leer aus). Zuletzt dann Adele, die britische Pop-Queen, in München; dort in einem extra für sie erbauten Stadion in nur zehn Tagen zehn Megakonzerte mit einer knappen Million Zuschauer, Zaungäste nicht eingerechnet, eine Bühne so groß wie ein Fußballfeld, die größte Videoleinwand der Welt, für die Lightshow brauch­te es ein eigenes Kraftwerk; die öffentlichen Fernsehanstalten berichteten Tag und Nacht mit Sondersendungen. 

Was ist da los mit uns? Ist das alles noch gesund? Oder ist es, genau umgekehrt, Ausweis der großartigen Inszenierungskraft einer Kultur, die weiß, wie sehr der Mensch homo ludens ist, ein Spieler, der immer neu der Spiele bedarf, seien es jene im Sandkasten oder im Olympiastadion? 

Wie immer man sich zu den aufgezählten Mega-Events auch stellen mag, eines ist offensichtlich: Sport und Theater sind daseinzige, was uns aus der Antike verblieben ist. Griechisch und Latein haben wir vergessen, Homer und Vergil, Thukydides und Cicero mögen nur noch Spezialisten bekannt sein, aber Stadion und Konzerthalle sind Allgemeingut. Jedermann kennt sie. – Nun waren freilich die antiken Thea­teraufführungen und Wettkämp­fe immer Spiele zu Ehren der Götter. Wir vergessen, daß die panhellenischen Spiele den Göttern des Olymps gewidmet waren; daher ja ihr Name: Olympia! Ähnlich das Theater. Die Wettstreite der Tragöden und Poeten, Sänger und Rhap­soden waren fester Bestandteil der griechischen Götterfeste. Wer den Lorbeer gewann, war ein laureatus, ein von den Musen Auserkorener, ein Götterliebling (baccalaureus ist der mit dem göttlichen Lorbeer Gekrönte). 

Zwar sind die antiken Götter seit langem gestorben, und auch der biblische Gott, der ihr Erbe antrat, hat sich zurückgezogen; viel ist von seiner Gegenwart jedenfalls nicht mehr zu spüren; wir kommen recht gut ohne ihn aus, so zumindest scheint es. Jedoch ohne das Religiöse kommt kein Mensch aus – hier hatte Friedrich Nietzsche, dieser unerbittliche Diagnostiker der Moder­ne, einmal mehr recht (man denke nur an seine Ausführungen zur „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ sowie zur „großen Gesundheit“ als dem letzten, was uns nach dem Tode Gottes verblieben ist). Und so folgt Epiphanie auf Epi­phanie und Event auf Event. Sterne (so nennt man sie, „die Stars“) werden geboren, Sterne verglühen, neue Helden braucht das Land; der Superlativ von gestern ist der Diminutiv von morgen, und so überbieten sie sich, die Helden, die Titanen, die Götter, citius, altius, fortius („schneller höher, stärker“), ein Hype jagt den nächsten, ein Rekord den anderen; was sich nicht steigern läßt, sackt zusammen wie ein ausge­leierter Luftballon. Ohne den Rausch, ohne die Götter, ohne die Helden würden wir unserer inneren Leere ansichtig; das Gleichmaß der Tage wäre kaum zu ertragen.

Ist es das, was an unserer nachchristlichen Kultur so irritierend wirkt? Wir sind aufgeklärt bis zum Anschlag und pflegen zugleich, wie die antiken Griechen und Römer, die bizarrsten Kulte (man denke nur an die Techno-Raves in Zürich, an die Loveparade in Berlin, an das Insomnia-Festival in Paris). Den Göttern haben wir den Abschied gegeben, aber die Gespenster werden wir nicht los. Und so müssen wir uns neue Götter erfinden, und sei es nur für den Rausch einiger Tage oder Stunden. Ist das Feuerwerk abgebrannt, ist der Alltag wieder da, aber der ist mühselig. Und so halten wir Ausschau nach dem nächsten Hype: Wo wäre, was uns be-geistert? (Hört man den religiösen Klang dieses Wortes?) Wo zu finden, was uns be-rauscht, ver-zaubert, ent-zückt?

Freilich, das uns Erschütternde, Faszinierende, Verlockende ist zwie­lichtig. Die Übergänge zwischen dem Göttlichen und dem Dämonischen sind fließend, die Bibel weiß um diese Zusammenhänge. Im Zeitalter von Olympia, Championsleague und den Göttern des Rock’n‘Roll wäre es gut, diesen Zusammenhängen genauer auf den Grund zu gehen; eine Theologische Fakultät erwiese damit der Gesellschaft einen echten Dienst. Ein von religionsgeschichtlicher Kenntnis erleuchteter Blick hülfe, der archaischen Hintergründe unserer Kultur ansichtig zu werden; ein von biblischer Prophetie ernüchtertes Auge wüßte das Fragwürdige einer Kommerzmaschine wie Taylor Swift zu beschreiben; und Kenntnisse in der christlichen Liturgie- und Ritualgeschichte erlaubten es, einem Spektakel wie der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris mit nachsichtigem Lächeln zu begegnen. Kurzum: Wir würden nicht nur der Größe unserer Kultur ansichtig; man würde auch ihrer Zwiespältigkeit gewahr, ohne sie deswegen einfach verdammen zu müssen; man könnte auf kreative Weise mit ihnen umgehen, begriffe, daß weder ein nörgelndes Moralisieren noch ein affirmierendes Bejubeln den Dingen gerecht wird. (Die beleidigten Reaktionen der französischen Bischöfe angesichts des Pariser Eröffnungsspektakels zur Olympiade waren ja nur peinlich; als hätte der arme Regisseur „religiöse Gefühle verletzen“ wollen; ihm stand nach ganz anderem der Sinn. Aber auch sog. „Taylor-Swift-Gottesdienste“, wie sie neuerdings in evangelischen Kirchengemeinden veran­staltet werden, zeugen nicht gerade von Erleuchtung; dafür ist die Musik dieser Dame zu flach, die Texte sind banal, und die Botschaft, falls jenseits der reinen Selbstermächtigung überhaupt eine dahintersteckt, ist wenig faßbar.) 

Es sind solche Überlegungen, liebe Mitglieder der Theologischen Fakultät, liebe Freundinnen und Freunde, die mir am Ende dieses überladenen Sommers kommen. Wie schön, daß der Sommer zuende ist, wie schön, daß endlich das Semester beginnt, nicht mehr Fußball, Olympische Spiele und Taylor-Swift-Konzerte unsere Gedanken okkupieren, sondern jetzt wieder die nüchterne Arbeit in Vorlesung, Seminar und Kolloquium das Sagen hat. Haben Sie eine gute arbeitsreiche Zeit! 

Herzlich grüßt Sie Ihr 

Joachim Negel