Die Tugendrose

von Ernst Klaar (1861-1920)

 

Es sandte der Herrin von Portugal
Der Papst eine Tugendrose,
Die barg viel schimmerndes Edelgestein
In ihrem goldenen Schoße.

Der Goldschmied, der dies Blümlein gemacht,
Kann seinem Herrgott danken,
Denn er bekam für das Werk seiner Kunst
An fünfzigtausend Franken.

Wohl ist der Papst ein armer Mann,
Der Ärmste unter den Knechten,
Es müssen die Priester und Pfaffen sein
Allüberall für ihn "fechten".

Doch kann ihn dieses hindern nicht,
Die Tugend zu belohnen,
Doch nur, wenn sie im Prachtgewand
Sich spreizt auf schimmernden Thronen.

Das arme Weib im Bettlerkleid,
Das reine, das sittlich große,
Bekam von seiner Heiligkeit
Noch nie eine Tugendrose.