Ausgewählte Forschungsschwerpunkte

Geschichte und Epistemologie ärztlichen Erzählens (King)

Da sich die sogenannte narrative Medizin, die zum Kernbereich der Medical Humanities gehört, vor allem mit Erzählungen von Kranken, mit Tagebüchern, Autobiographien und fiktionalen ‚Illness narratives’ beschäftigt, ist bezüglich der anderen – der ärztlichen – Seite des klinischen Dialogs ein gewisses Vakuum entstanden. Dieses wollen wir füllen, indem wir uns wissenschaftlich mit ärztlicher Schriftkommunikation auseinandersetzen. Es geht dabei um narrative Texttypen wie den klinischen Fallbericht und den klinischen Entlassungsbrief. In Letzterem läuft seit dem späteren 20. Jahrhundert fast die gesamte fallbezogene Kommunikation unter ÄrztInnen zusammen, gleichwohl ist über seine Entwicklung fast nichts bekannt. In einem konstitutiv interdisziplinären Ansatz, der Literatur- und Erzähltheorie mit Medizingeschichte und -theorie verbindet, untersuchen wir die Geschichte, Form und kognitive Funktion der Fachtextsorten ‘Arztbrief’ und ‘Fallbericht’. Unter anderem analysieren wir, inwiefern das Menschenbild der klinischen Medizin, das seit dem 19. Jahrhundert einem starken Wandel unterworfen und von Tendenzen zur Depersonalisierung geprägt ist, durch diese schriftlichen Kommunikationsformen mit hervorgebracht wird.

Martina King: 

  • «Es liegt eine aktive Blutung vor»: Erzählen in der Textsorte ‘Arztbrief’, in: Kulturpoetik 2021/1, S.70-93
  • «Nach Aufnahme arterielle Hypotonie»: Personenkonzept und Kommunikationsformen in der Experten-Medizin, in: Gesnerus, Vol. 77/2 (2020), S. 411-437
  • Epistemologische Moderne: Zur Empirisierung von Natur und Kultur um 1830 (Bampi, DFG/DACH, 2019-2021)

    Aus: Louis Choris: Voyage pittoresque autour du monde (Paris, 1822) (Bild: gemeinfrei)

     

    Bild: https://archive.org/stream/tagebuchvonhelgo00wienuoft#page/n7

     

     

    Das Projekt erforscht den fundamentalen Wandel im kulturellen Wissenssystem zwischen 1820 und 1850 und begreift diese unterschätzte Epoche als 'epistemologische Moderne' mit prägender Bedeutung für den weiteren technisch-kulturellen Modernisierungsprozess.Ausgangspunkt ist eine neuartige Wirklichkeitsöffnung im gesamten intellektuellen Raum, die sich mit dem Begriffspaar 'Erfahrungsdruck' und 'Empirisierungszwang' (Lepenies) fassen lässt. Hängt der neuartige Erfahrungsreichtum offensichtlich mit der Entstehung der wissenschaftlichen Biologie zusammen, so hinterlässt er doch als transdiskursives Phänomen seine Spuren in Naturforschung und Literatur; genau genommen in Texten von Literaten und Naturforschern, die erst langsam aus dem Schatten grosser Polymathen wie Goethe und Humboldt heraustreten. Diese transdiskursive Wirklichkeitsöffnung wird besonders deutlich in jenem Genre, das Lebenswissenschaften und Literatur gemeinsam haben und das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enorme Konjunktur erlebt: im Reisebericht.Das Projekt geht anhand einer Vielzahl von naturkundlichen und literarisch-politischen Reisetexten, u.a. von Adelbert von Chamisso, Richard Schomburgk, Eduard Poeppig, Charles Lyell, Heinrich Heine, Ludolf Wienbarg, Theodor Mundt und Heinrich Laube auffälligen Strukturparallelen nach: In beiden Texttypen erzeugen der ständige Wechsel von Narration und Deskription, die Integration von Zahlen, Statistiken, Abbildungen und Intertexten ein buntes, montagehaftes Ganzes, das sich vom geschlossenen Kunstwerk der 'Kunstperiode' verabschiedet – in Heines Worten 'ein zusammengewürfeltes Lappenwerk'. Bunt und zusammengewürfelt sind auch die Gegenstände in beiden Formen der Reiseprosa: Gesteinsschichten, Seuchenausbrüche, Nationalcharaktere, Fischflossen und Arkadiensehnsucht, das alles scheint für die Autoren gleichermassen beobachtbar und vermengt sich zu einem neuartigen Konglomerat des Wirklichen und des empirischen Wissens.Insgesamt zielt das Projekt darauf, in solch dissoziativen Repräsentationsformen das eigentlich Moderne der 'epistemologischen Moderne' freizulegen. Deutlich soll werden, dass Naturwissenschaft und Literatur einerseits keine gelehrte Einheit mehr darstellen, eher eine empirische ‚Zweiheit’; dass aber andererseits beide Kommunikationsformen gerade im Moment ihrer beginnenden Trennung aufs engste miteinander verzahnt sind, da für sie offensichtlich der gleiche historische Problemdruck – Erfahrungsfülle, Beschleunigung, Technisierung – gilt.

     

    Publikationen

    Martina King:

    • Gesteinsschichten, Tasthaare, Damenmoden: Epistemologie des Vergleichens zwischen Natur und Kultur – um und nach 1800, in: IASL 45/2 (Nov. 2020), S. 246-266
    • Naturforschung in Lukka: ein vergessener Empirisierungsschub in der jungdeutschen Reiseliteratur, in: Philip Ajouri, Benjamin Specht (Eds.): Empirisierung des Transzendentalen. Erkenntnisbedingungen in Wissenschaft und Kunst 1850-1920, Göttingen: Wallstein 2019, S. 29-67
  • Genealogie ökologischen Denkens in der Biologie und Medizin, 1800-1900 (Bühlmann)

    Seit den 1950er-Jahren wird das Verhältnis lebender Organismen zu ihrem Umgebenden zunehmend ausserhalb der klassischen Ökologie zum Gegenstand reflexiver Anstrengungen anderer Wissensbereiche und durchdringt deren Diskurse sowie Handlungsweisen: In der modernen Medizin und Biologie ist die Umgebungsbeziehung lebender Organismen in der Vorstellung der (Auto-)Regulation fest etabliert. Das Dissertationsprojekt geht dem Gewordensein dieses systemisch-ökologischen Denkens der Gegenwart in den medizinischen und biologischen Diskursen und Praktiken seit ihrem Auftauchen Ende des 18 Jahrhunderts nach. Im Zeitraum zwischen 1800 und 1900 untersucht das Projekt aus historisch-epistemologischer Perspektive drei Episoden medizinischer und biologischer Wissensproduktion mit Blick auf das Verhältnis lebender Organismen und ihrem Umgebenden. Der Fokus liegt dabei auf den für die Moderne relevanten Umgebungskonzepten – dem »Milieu« und der »Umwelt«.

    Ende des 18. Jahrhunderts wird bekanntermassen das Leben und der »Organismus«, darin dieses situiert ist, zum zentralen Erkenntnisgegenstand der sich ausdifferenzierenden Wissenschaften vom Lebendigen, vor allem Physiologie und Naturgeschichte. Dabei rückt auch die Umgebung der Organismen in den Blick der Forschenden und organisiert gleichermassen biologische wie medizinische  Diskurse und Praktiken; zu denken ist einerseits an die von Lamarck beschriebene Anpassung des Lebewesens an Umweltbedingungen, andererseits an jenes dynamische Verhältnis von externen Reizen und interner Reizbarkeit des Organismus, das die deutsche Brown-Rezeption prägt (I).

    Um 1850 wird das Umgebende als »milieu intérieur« von der experimentellen Physiologie Claude Bernards im Inneren lebender Organismen lokalisiert und ermöglicht diesen dadurch sich – mehr oder weniger – unabhängig von äusseren Umgebungen zu erhalten und regulieren. Dieses physiologische Verhältnis von Organismen und ihrem Umgebenden wird Anfang des 20. Jahrhunderts in die Regulationsvorstellung der Homöostase integriert (II). In der frühen Ökologie um 1900 bei Jakob von Uexküll werden die Organismen dagegen explizit zu ihrem Umgebenden als »Umwelten« ins Verhältnis gesetzt, wobei sich ein Regulationsmechanismus im Sinne eines Feedbacks abzuzeichnen beginnt (III). Mitte des 20. Jahrhunderts schliessen sich Homöostase und Feedback in der Vorstellung der rückgekoppelten Regulation kurz, darauf das systemisch-ökologische Denken der Molekularbiologie (Jacob) sowie der modernen medizinischen Forschung und Therapie beruht.

    Das Projekt nimmt sich damit eines doppelten Forschungsdesiderates an: In Auseinandersetzung mit rezenter Forschung zur historisch-ökologischen Wissenschaftsgeschichte wird das Narrativ des unabhängigen Organismus der Physiologiegeschichte durchbrochen und zugleich die Ökologiegeschichte um das bislang vernachlässigte, physiologische Umgebungswissen erweitert. Diese Rückkopplung erlaubt es, einen missing link zwischen der Ökologie- und Physiologiegeschichte aufzudecken und gleichzeitig die historische Reichweite des gegenwärtigen ökologischen Denkens zu ermessen.

  • Kultur- und Mediengeschichte von Ansteckung, Seuchen, Impfungen (King)

    Das infektiöse Leiden und Sterben ganzer Gesellschaftsgruppen hat immer schon mediale Antworten provoziert, die Entwicklung des modernen Journalismus ebenso wie diejenige novellistischen Erzählens vorangetrieben und die Ausdifferenzierung der modernen Massenmedien befördert. Das reicht von den Pesttagebüchern der frühen Neuzeit und den Seuchen-Novellen des 18. und 19. Jahrhunderts über die illustrierten Periodika der Choleraepoche und die Viren-Thriller Hollywoods bis zur täglichen Flutwelle von Internet-Beiträgen über die Corona-Pandemie. Besonders eng wird dieser Zusammenhang von Seuchengeschichte, Literatur und Medien immer dann, wenn ungewöhnliche Ereignisse, etwa Pandemien, passieren oder wenn sich neue medizinische Paradigmen durchsetzen. Das betrifft die Kuhpocken-Impfung im frühen 19. Jahrhundert ebenso wie Robert Kochs spektakuläre Bakterienforschung zum Jahrhundertende. Beides sind Innovationen, sie sich keineswegs auf die Medizin beschränken, sondern sich zu umfassenden Kultur- und Medienphänomenen entwickeln, die in alle Ritzen der früh- bzw. der spätbürgerlichen Gesellschaft dringen. Diesen Zusammenhängen zwischen Medizin-, Literatur-, und Mediengeschichte gilt unser Erkenntnisinteresse. Im Oktober 2021 wird im Verlag De Gruyter Martina Kings Habilitationsschrift über die Kultur-, Literatur- und Mediengeschichte der Bakteriologie im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert erscheinen, unter folgendem Titel: Das Mikrobielle in der Literatur und Kultur der Moderne. Zur Wissensgeschichte eines ephemeren Gegenstandes (1880-1930) https://www.degruyter.com/view/title/524949

    Weitere Publikationen:
    Heil und Verderben. Zur Literatur- und Kulturgeschichte des Impfens im frühen 19. Jahrhundert, erscheint in: Kulturpoetik 2021/2.

    "Gare de la Vaccine"; kolorierte Radierung, Frankreich, um 1810
  • Fragile Moderne: Annäherungen an die Literatur der Weimarer Republik aus den Perspektiven der Medical Humanities und der Disability Studies (Görbert)

    Das Forschungsprojekt fragt nach den Gründen, Formen und Konsequenzen der traditionsreichen und wirkmächtigen Faszination der Literatur für das Thema Behinderung, deren Liste einschlägiger Figuren von Ödipus bei Sophokles über Shakespeares Richard III., Victor Hugos Quasimodo und Hermann Melvilles Ahab bis hin zu etwa Max Frischs Theo Gantenbein reicht.

    Methodisch werden hierbei Sichtweisen aus den Medical Humanities und den Disability Studies zusammengeführt. Es geht darum, gängige Dualismen zwischen ‚medizinischen‘, auf die Biologie des Individuums gerichteten und ‚sozialen‘, auf gesellschaftliche Konstruktionen abzielenden Modellen aufzubrechen bzw. diverse Sichtweisen auf Behinderung instruktiv zusammenzuführen. Das Projekt versteht sich als ein Beitrag zur weiteren Etablierung sowohl der Medical Humanities als auch der (Literary) Disability Studies in der Germanistik.

    Historisch setzt das Projekt an Texten der Klassischen Moderne zur Zeit der Weimarer Republik an und damit an einer Station der Literaturgeschichte, an der Menschen mit Behinderungen ganz besonders ins Zentrum der gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurse rücken. Gründe hierfür liegen auf der einen Seite in einer entschiedenen Modernisierung, Professionalisierung und Institutionalisierung des Umgangs mit Behinderungen, die sich im frühen 20. Jahrhundert und erst recht als Folge der Versehrungen des Ersten Weltkriegs abzeichnen. Am anderen Pol des historischen Spektrums findet sich das Erstarken eugenischer Ansätze, die in Deutschland spätestens ab 1933 Initiativen zur gesellschaftlichen Inklusion von Menschen mit Behinderungen ein katastrophales Ende bereiteten.

    Das Korpus für das Projekt setzt sich zusammen aus Texten etwa von Bertolt Brecht, Veza Canetti, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Max Herrmann-Neiße, Franz Kafka, Thomas Mann, Joseph Roth, Ernst Toller und Stefan Zweig.

  • Seeing the Infant: Media Technologies and the History of Child Psychiatry (Rietmann)

    Seeing the Infant explores epistemic, social, and cultural dimensions of the use of audiovisual technologies in infant psychology and psychiatry in the USA and Western Europe from the mid-twentieth to the present. It investigates how scientific and medical practitioners employed cinematography, video, computational assessment methods, and digital interfaces to analyze the psychology of young children, diagnose normal and pathological development in infants, and treat relationship problems within families. The study engages with the increasing presence of old and new media in laboratories and clinics, and asks about both the limits these media pose and the opportunities they offer to science and medicine. Partly, it uses infant research as a case study of broader media-historical changes and sheds light on the historical backgrounds and potential implications of, by now, quotidian scientific and clinical tools. But the project is also an inquiry into a specific field of medical and scientific expertise. It investigates the emergence of the recent sub-specialty of infant mental health and not only explores how this multi-disciplinary field shaped and was shaped by audiovisual technologies but also how both the discipline and the technologies have contributed to the ways we conceptualize, treat, and educate families and children today.

  • Raising a Well-Grown Child: Material and Media Cultures of Early Pediatrics (Rietmann)

    During the 19th century, children moved into the focus of a blossoming material and media culture. A growing market of parent advice literature offered information on topics ranging from nutrition to moral education. An increasingly broad range of toys and educational devices, such as baby walkers and writing helps, sought to assist and discipline the child during learning. The nascent specialty of pediatrics was deeply embedded and participated in this culture. Medical practitioners wrote advice, developed medical tinctures, and patented devices for healthy growth and upbringing. The project investigates how these new material, media, and medical cultures of childhood produced ideas and discourses about health and illness, and normal and pathological development. It explores how childhood was discovered as a subject for health care in the public sphere and inquires into the cultural and medical meanings that have thus become attached to it.